Medien
Nachrichten aus dem Medienbereich und TV-Kritiken

Vorlesen
0 Kommentare

Simpsons: Die ganze Welt sieht gelb

Erstellt
Drucken per Mail
Simpsons
Die Simpsons sind längst Kultfiguren. (Bild: Fox)

Die „Simpsons“ als Zeichentrickserie zu bezeichnen wäre in etwa so, wie die Beatles eine Beat-Kombo aus Liverpool zu nennen. Das Phänomen der Show, die am Sonntag in den USA die Ausstrahlung ihrer 500. Episode feiert und auch in Deutschland täglich Millionen begeistert, wäre damit nicht einmal im Ansatz erfasst.

Treffender sind eher schon Charakterisierungen wie die des „New York Times“-Kritikers A. O. Scott, der schrieb, die gesamte amerikanische Pop-Kultur vor 1989 sei nur ein Vorspiel für die „Simpsons“ gewesen. Oder die von Matt Zoller Seitz, der im „New York Magazine“ schreibt, die Simpsons seien über die Jahre zur Grundversorgung geworden: Man brauche zum Leben Gas, Wasser, Strom und die „Simpsons“. „Die Simpsons sind nicht im Fernsehen“, so Seitz, „die Simpsons sind das Fernsehen.“

In der Tat ist es nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass die Serie, die vor rund 22 Jahren als Einspieler in der Sketchsendung der britischen Komikerin Tracey Ullman begann, neu definiert hat, was Fernsehunterhaltung sein kann. Die „Simpsons“ sind zugleich Familien-Sitcom und Gesellschaftskritik. Sie sind Politsatire und so etwas wie eine Enzyklopädie der Pop-Kultur. Vor allem sind sie jedoch eines: zuverlässig witzig.

Dass die „Simpsons“ einmal die erfolgreichste und vielleicht bedeutsamste TV-Serie aller Zeiten werden würde, hätte sich ihr Schöpfer Matt Groening freilich nicht träumen lassen, als er 1985 erstmals die Köpfe der fünf Simpsons auf seinen Block kritzelte. Groening war damals ein Underground-Comic-Zeichner in Los Angeles. Sein Strip „Life in Hell“ über einen manisch depressiven Hasen lief in Alternativ-Zeitschriften und hatte eine überschaubare Kult-Fangemeinde in der kalifornischen Punk-Szene.

Als die Produzenten der „Tracey Ullman Show“ ihn einluden, weil sie nach einem kurzen Cartoon suchten, überlegte sich Groening noch im Vorzimmer, dass er „Life in Hell“ doch lieber nicht an das Fernsehen verkaufen möchte. Er skizzierte deshalb hastig die heutigen Simpson-Figuren und benannte sie nach seiner eigenen Familie, weil ihm so schnell keine anderen Namen einfielen. Nur sich selbst taufte er um: in Bart. Als Wohnort der Familie nahm er den durchschnittlichsten Ortsnamen, den Amerika kennt: Springfield. Keine Viertelstunde dauerte das Ganze.

Wie sich herausstellte, war es die Geburt eines neuen Fernsehformats: Der „Meta-Sitcom“. Die Cartoon-Familie Simpson war eine Parodie der Familien, die man aus anderen Sitcoms kannte, wie etwa den Huxtables der „Cosby Show“ oder der „schrecklich netten Familie“ Bundy. Dabei geriet in einer ironischen Wendung die Comic-Familie Simpson deutlich realistischer als die Fernsehfamilien aus Fleisch und Blut. Die „Simpsons“ waren weder ein didaktisches Vorbild noch ein überzeichnetes Zerrbild. Im Grunde waren sie nichts anderes als eine ganz normale dysfunktionale Familie, die unter dem Strich aber immer zusammenhält. Schon deshalb waren die „Simpsons“ von Anfang an ein riesiger Erfolg – Amerika erkannte sich in dieser gutmütig-boshaften Karikatur wieder und konnte herzhaft über sich lachen.

Einen festen Platz in der Serienstruktur haben Film- und Musicalparodien und Gastauftritte von Prominenten. Die Stars der amerikanischen Kultur wirken bereitwillig mit, wenn Groening sie in seine Stories einbaut, und verdoppeln somit den ironischen Witz dieser Zitate. Mittlerweile ist es sogar zu so etwas wie einem Ritterschlag geworden, von den „Simpsons“-Schreibern dazu eingeladen zu werden, einen Part zu sprechen – nicht selten den der eigenen Person als Comicfigur.

So ist Mick Jagger bei den „Simpsons“ aufgetreten, Ringo Starr, Michael Jackson, Dustin Hoffman, Paul McCartney, Sting, Elizabeth Taylor, Werner Herzog, der britische Premier Tony Blair und sogar der enigmatische Schriftsteller Thomas Pynchon, der seine Identität hütet wie ein Staatsgeheimnis. Bei seinem Auftritt 2009 machte er sich indes sogar über sich selbst lustig: Er steht mit einer Tüte über dem Kopf am Straßenrand und bietet vorbeifahrenden Autofahrern an, sich mit „einem berühmten eremitischen Autor“ fotografieren zu lassen.

Ein ähnlicher Coup wie mit Pynchon ist den „Simpsons“-Machern für die 500. Episode am Sonntag geglückt. In der Sendung werden die Simpsons aus Springfield verjagt und ziehen in eine entlegene Hütte. Ihr Nachbar dort ist „Wikileaks“-Gründer Julian Assange, der seinen Text von seinem Hausarrest in Großbritannien aus aufgenommen hat. Darüber, was Assange zu sagen hat, ist bislang nichts nach außen gedrungen.

Aber man kann sicher sein, dass es am Montag unter Serienjunkies online und offline Gesprächsthema Nummer eins sein wird. Die „Simpsons“ bleiben relevant, auch nach 500 Sendungen. Beeindruckend für eine Sendung die anlief, als es noch kein Internet gab und das Fernsehen von Seifenopern wie „Dallas“ und „Denver-Clan“ beherrscht wurde.

Auch interessant
TV-Programm
Kino oder Film suchen
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:
Kleinanzeigen
FACEBOOK