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TV-Tipp „Punk in der DDR”: Zwischen Kollektiv und Individuum

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Cornelia Schleime ist freischaffende Künstlerin und dreht den Punk-Gedanken in ihrem heutigen Leben weiter. Foto: MDR/rbb/Egoli Tossell Film
Unser TV-Tipp für Sonntag, 2. Juni: Als Punk in der DDR stieß man an die Grenzen eines Systems, das seine Jugend steuern wollte. Im Konflikt zwischen Kollektiv und Individuum schrieben sie ein bizarres Kapitel ostdeutscher Geschichte.  Von
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Es war nicht leicht, ihn inmitten der sozialistischen Diktatur des passionierten Hütchenträgers Erich Honecker zu leben. Aber es gab ihn, den Punk in der DDR. Und wie. „Too much future - Punk in der DDR” (MDR, 23.30 Uhr) heißt der sehenswerte Dokumentarfilm von Carsten Fiebeler über die Punkbewegung in Ostdeutschland, in dem sechs Protagonisten ohne jedwede Verklärung und gar Anfällen von Ostalgie darüber erzählen, wie sich ihr Leben als Punk im Arbeiter- und Bauernstaat gestaltete.

In einer Gesellschaft, die sich den Kollektivgedanken im Akkord auf diverse Fähnchen schrieb, war Individualität natürlich nicht genehm. Und deshalb wurden Punks in der DDR von der sozialistischen Gesellschaft kritisch beäugt, von der Volkspolizei schikaniert und von der Stasi mit Willkür behandelt. „Drei Tage Schule schwänzen, bisschen Punkmusik hören, andere Klamotten – mehr war et ja nich’ am Anfang“, berlinert einer der Protagonisten, „und schon hattense mich“. Heute arbeitet er als Gerüstbauer („Ick habe schon immer die Extreme jeliebt“), und hat unter seinem Carport zwei Mercedes-Automobile stehen. Auch so kann es aussehen, wenn der Ostpunk im vereinten Deutschland ankommt – wie immer man dieses Ankommen finden mag.

Mit der Realität nicht zufrieden

Daniel Kaiser, ebenfalls Punk in der DDR, ist heute Technischer Direktor an einem Opern- und Schauspielhaus. Cornelia Schleime hat ihren Platz als freischaffende Künstlerin gefunden und dreht den Punk-Gedanken in ihrem heutigen Leben weiter: „Künstler sein heißt, dass man mit der Realität nicht zufrieden ist. Man hat ein großes Sehnsuchtspotenzial und versucht, Distanz zur Wirklichkeit einzunehmen.“ Diese Distanz hatte Cornelia Schleime auch schon als Punk zu DDR-Zeiten: „Kiffen hab ich nie gemacht. Allein, dass die dann alle an dem Joint ziehen, das ist ja schon wieder Sozialismus, wir wollten Einzelwesen sein.“

„Too much future – Punk in der DDR“ erzählt, flankiert von Original Super-8-Konzertfilmen und DDR-Propaganda-Material, von Konflikten zwischen Kollektiv und Individuum und reflektiert über Anpassung, Konsequenz, Zwänge und nicht zuletzt über Ideale, die auf der Strecke geblieben sind. „I’m a punk forever and one day“ hat Joe Strummer von The Clash mal gesagt. Für die Protagonisten dieser Doku ist dieser eine Tag noch nicht zu Ende.

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