Medien
Nachrichten aus dem Medienbereich und TV-Kritiken

Vorlesen
0 Kommentare

Von Narren und Nazis

Erstellt
Drucken per Mail
BILD: ARCHIV
Von wegen närrischer Widerstand: Unser Bild zeigt einen antisemitischen Karnevalswagen, den so genannten "Palästinawagen" auf dem Kölner Rosenmontagsumzug im Jahr 1934.

„Der offizielle Karneval in Köln hat lange versucht, die eigene braune Vergangenheit unter der Decke zu halten“, sagt der Historiker Carl Dietmar und fügt hinzu: „Erst seit fünf, sechs Jahren wurde damit begonnen, die Vergangenheit schonungslos aufzuarbeiten.“ Ein Generationenwechsel an der Spitze vieler Gesellschaften und der seit zwei Jahren amtierende Festkomitee-Präsident Markus Ritterbach leiteten laut Dietmar die neue Entwicklung ein.

In ihrer Dokumentation „Heil Hitler und Alaaf! Karneval in der NS-Zeit“, die heute Abend um 20.15 Uhr im WDR ausgestrahlt wird, beleuchten Dietmar, Redakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“, und der freie Journalist Thomas Förster erstmals im Fernsehen, welchen Einfluss die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 auf den Kölner Karneval hatten. Im Film kommen drei Augenzeugen zu Wort: Ludwig Sebus (82), Max Leo Schwering (83) und Arnold Unkelbach (92).

Antisemitismus im „Zoch“

Lange glaubte man in Köln an die „Narrenrevolution“. Im Mai 1935 wehrten sich die Vertreter der Kölner Karnevalisten gegen den auf Betreiben der NSDAP gegründeten „Verein Kölner Karneval“. Der Widerstand der Jecken war so groß, dass der Verein gleich wieder aufgelöst wurde. „Diese Ereignisse dienten nach dem Krieg immer wieder als Beleg für die Repressionen, denen der Karneval seitens des Regimes ausgesetzt gewesen sein soll - und für den »Widerstand«, den man geleistet habe“, berichtet Dietmar. Niemand aber fragte nach den Inhalten des Karnevals.

Dabei gab und gibt es Fotos von den Rosenmontagszügen aus der Nazi-Zeit, die zeigen, dass nationalsozialistisches und antisemitisches Gedankengut ganz selbstverständlich mit zum „Zoch“ gehörten. Ein Beispiel: Der „Palästina“-Wagen von 1934, mit dem auswandernde Juden unter dem Motto „Die Letzten ziehen ab“ verunglimpft wurden. Daran kann sich Krätzchen-Sänger Ludwig Sebus noch heute erinnern. Dietmar: „Im Jahre 1936 wurde im Karnevalszug ein Jude mit Haken-Nase gezeigt. Auf dessen lang gezogenem Schlips stand ein Gesetzes-Paragraf. Titel: »Dem han se op d'r Schlips jetrodde«.“ Ausgegrenzte und entrechtete Juden seien vom Karneval nochmals verspottet und verhöhnt worden.

In Büttenreden und Schunkelliedern gab man sich antisemitisch und völkisch, beispielsweise im Lied „Die Jüdde wandern uss“. Der Hitlergruß und das Horst-Wessel-Lied gehörten ebenso zu den Karnevalssitzungen wie das Gebot, dass die Nazi-Größen in den Büttenreden unangetastet bleiben mussten.

Ein Kölner Tabu

Selbstverständlich duldeten die Karnevalsgesellschaften bald nur noch arische Mitglieder in ihren Reihen. Die Nazis wussten das närrische Treiben für sich zu nutzen. Dafür griffen sie auch in alte Traditionen ein. So durften nach einem NSDAP-Erlass 1938 und 1939 weibliche Figuren nicht mehr von Männern, sondern nur von Frauen dargestellt werden - selbst die Jungfrau im Dreigestirn. 1935 hatte zwar noch Arnold Unkelbach die Jungfrau in Köln verkörpert, aber die bislang männlichen Funkenmariechen waren in allen Gesellschaften durch weibliche Regiments-Töchter ersetzt worden. Widerstand gegen die völkische Begeisterung gab es nur vereinzelt. Einer davon war der Büttenredner und Querdenker Karl Küpper, der sich über die Nazis lustig machte und Auftrittsverbot erhielt.

Die Autoren haben mit Zeitzeugen, Historikern und Funktionären des Kölner und Düsseldorfer Karnevals gesprochen. Zudem haben sie alte Filmdokumente entdeckt, die nie zuvor zu sehen waren. Dazu gehört ein Farbfilm, der den Rosenmontagszug von 1939 zeigt. „Heil Hitler und Alaaf!“ bricht ein Kölner Tabu. Damit hatte Carl Dietmar bereits in seinem Buch „Kölner Mythen - wie sich die Kölner ihre Wahrheit(en) basteln“ begonnen.

Heil Hitler und alaaf! Karneval in der NS-Zeit“ , WDR, 20.15 Uhr

TV-Programm
Kino oder Film suchen
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:
Kleinanzeigen
FACEBOOK