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Webers TV-Kolumne: Tanzende Gören und Allah in Ehrenfeld

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In der Jury der zehnten Staffel von „Popstars“ (20.15 Uhr) sitzen Diplom-Tanzesel Detlef D! Soost und lauter Ex-Castingshow-Gewinner, die ihren Platz im Berufsleben nach wie vor nicht gefunden haben respektive wieder suchen. Foto: obs
Drill-Instructor Soost lädt bei „Popstars“ wieder zum Fremdschämen ein, die ARD setzt auf Opdenhövel und Sandalen und eine spannende Doku erzählt über den Einzug von „Allah in Ehrenfeld“. „Vorgezappt“ – die TV-Vorschau von Martin Weber.
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Donnerstag, 05.07.12

Kann es sein, dass die von ProSieben Instant-Fernsehgesichter besser behandeln als die von RTL? Wir wissen es nicht genau, vermuten aber mal schwer, dass sie zumindest netter sind. Denn während bei RTL die Verwertungskette von irgendwelchen Ex-Casting-Kandidaten zuverlässig im australischen Dschungelcamp endet, heißt es bei ProSieben eher „Alles auf Anfang“. In der Jury der zehnten Staffel von „Popstars“ (20.15 Uhr) sitzen unter dem Vorsitz von Drill Instructor und Diplom-Tanzesel Detlef D! Soost lauter Ex-Castingshow-Gewinner, die ihren Platz im Berufsleben nach wie vor nicht gefunden haben respektive wieder suchen. Lucy Diakovska, ehedem bei den No Angels, der Mutter aller Casting-Bands, bewertet an der Seite der Frankfurter Vorstadtgöre Senna Guemmour (Ex-Monrose) und Drama-Queen Ross Antony (Ex-Bro´Sis, RTL-„Dschungelkönig“ 2008, bekannt auch aus Qualitätsformaten wie „Das perfekte Promi-Dinner“, „GZSZ“ und „The Dome“) den musikalischen Nachwuchs in der Version 2012. Gesucht wird diesmal eine gemischte Band, was aber auch furchtbar egal ist. „Popstars“ und andere Casting-Shows verhalten sich zu gutem Unterhaltungsfernsehen wie eine Fünf-Minuten-Terrine zu dem, was ein Sterne-Koch auf den Tisch zaubert. Bewertung: ein Schweißband, von Detlef D! Soost getragen und garantiert ungewaschen.

 

Wer wissen möchte, welche Härten und Unwegsamkeiten das Musikerleben wirklich parat hält, schaltet an diesem Abend den Digitalsender Eins Festival ein. Die Verfilmung von Heinz Strunks Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ (21.30 Uhr) ist klasse (brachial komisch: Andreas Schmidt als Gurki), bringt das Instrument Saxophon (von Strunk selbst auch „Rotzkanne“ genannt) und die Tanzband „Tiffanys“ groß raus und hat ein paar Weisheiten parat, die so wacker und aufrecht stehen wie der Eiffelturm. Diese hier zum Beispiel: „Der Mensch ist kein Beilagenesser“.

Freitag, 06.07.12

Einmal im Jahr hat Sonja Zietlow ihren großen Fernsehmoment. Sie ist immer dann richtig gut, wenn sie an der Seite der knallbonbonbunten Zauberkugel auf zwei Beinen – auch bekannt als Dirk Bach – die Insassen des RTL-Camps „Ich bin ein Star – Holt ich hier raus!“ mit Ironie und Häme bedenkt und punktgenau die so fiesen wie wahren Moderationen abfeuert, die ihr von einem flotten Autorenteam geschrieben werden. In diesem raren Moment – und nur in dem – hebt sich Frau Zietlow von den C-, D- und F-Promis ab, die sich meist aus finanzieller Not von RTL in den Dschungel haben verklappen lassen. Den ganzen Rest des Jahres moderiert Sonja Zietlow, darin ihrem Kollegen Oliver Geissen mit seiner immergleichen „ultimativen Chartsshow“ nicht unähnlich, den Schrott weg, der im Programm von RTL übrig bleibt. Ihr Fachgebiet beim billig produzierten Schrottwegmoderieren: Vollkommen willkürlich und sinnentleert zusammengestellte Ranking-Shows, die niemand braucht.

Thema heute: „Die 25 größten Auf- und Absteiger“ (20.15 Uhr). Sängerin Adele wird ins Listenwesen einsortiert, ebenso Schauspieler Charlie Sheen und der zwielichtige Internetunternehmer Kim „Dotcom“ Schmitz. Lieblos zusammengeklebte Filmschnipsel  werden von Gestalten, die froh sind, es so überhaupt noch mal ins Fernsehen geschafft zu haben, in einer Bluebox lieblos kommentiert. Macht alles in allem: ein Monument der Einfallslosigkeit. Und garantiert, was RTL freuen wird, billig in der Herstellung. Bewertung: eine Kakerlake, serviert von Dr. Bob.    

Live und aus dem Archäologischen Park in Xanten (20.15 Uhr) nimmt das Erste mit „Brot und Spiele – Das große Geschichtsspektakel“ einen neuen Unterhaltungsanlauf.
Live und aus dem Archäologischen Park in Xanten (20.15 Uhr) nimmt das Erste mit „Brot und Spiele – Das große Geschichtsspektakel“ einen neuen Unterhaltungsanlauf.
Foto: obs

Samstag, 07.07.12  

Dass die gute alte Tante ARD ein Problem damit hat, gute und zeitgemäße Unterhaltungsshows im Programm zu platzieren, ist seit vielen Jahren offensichtlich. Wie groß jedoch das Problem wirklich ist, kann man an dem ablesen, was Karola Wille unlängst in einem Interview mit dem Medienmagazin „Journalist“ äußerte. Dort gelang der Intendantin des ostdeutschen Schunkelsenders MDR, der unter anderem auch das Blut-, Sperma- und Tatütata-Format „Brisant“ zu verantworten hat, folgender Satz: „Wenn Sie zu Weihnachten die Helene Fischer Show geguckt haben – das war aus meiner Sicht eine sehr moderne Unterhaltung.“ Gut, da klaffen jetzt Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung wieder mal tüchtig auseinander. Helen Fischer mag biologisch jung sein – sie ist 27; mental aber ist sie, genau wie ihr Freund Florian Silbereisen (30), der seine Volksmusiksendungen damit aufpeppt, indem er barfuß über heiße Herdplatten läuft, mit ihrem harmonietrunkenen Schlagerpop, den sie meist spärlich bekleidet auf die Bühne bringt, immer schon alt gewesen. Auch längst jenseits der 40, gilt einer wie Matthias Opdenhövel, voriges Jahr von ProSieben gekauft, in der ARD immer noch als Nachwuchstalent. Bei der Fußball-EM war Opdenhövel, vor allem an der Seite von Mehmet Scholl, der einzige Moderator, der das Geschehen in Polen und der Ukraine mit feiner Ironie und Restdistanz kommentierte, und  nun baut ihm die ARD zum ersten Mal die ganz große Samstagabend-Rampe.

Live und aus dem Archäologischen Park in Xanten (20.15 Uhr) nimmt das Erste mit „Brot und Spiele – Das große Geschichtsspektakel“ einen neuen Unterhaltungsanlauf, und weil man den eigenen Machern hinter den Kulissen eher nicht über den Entertainment-Weg traut, wird die Show sicherheitshalber von Brainpool produziert – der Firma, die hinter sämtlichen Raab-Events auf ProSieben und auch hinter den ESC-Vorausscheidungs-Shows steht. Die Kandidaten bei „Brot und Spiele“ sind dann allerdings eher öffentlich-rechtlich geprägt. Zwecks Geschichtsvermittlung mit Spielcharakter schlüpfen in die Gewänder der alten Römer: Henry Maske (Ex-Boxer), Ralf Moeller (Ex-Bademeister), Christine Neubauer (Ex-Vollweib und Profi-Muttertier), Franziska van Almsick (Ex-Schwimmerin), Bernhard Hoëcker (Immer-noch-Comedian), Maite Kelly (Ex-„Let’s Dance“-Teilnehmerin und Ex-„Let’s Dance“-Jurorin) und Tagesschau-Sprecher Jens Riewa. Als Co-Moderatorin an Opdenhövels hoffentlich gewohnt schlagfertiger Seite fungiert Mareile Höppner von „Brisant“, was Intendantin Karola Wille womöglich modern findet und bestimmt nicht so schlimm wird wie das, was der Mann verzapft, der auch noch mitmacht: Die sportlichen Wettkämpfe im öffentlich-rechtlichen-römischen Stil kommentiert Krawalltüte Steffen Simon, qua Amt WDR-Sportchef. Bewertung: zwei Paar Römersandalen.

 

Zeitgleich zur Live-Show mit Opdenhövel läuft bei ProSieben „17 Meter – Wie weit kannst Du gehn“, präsentiert von Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Dabei handelt es sich auch um eine Unterhaltungs- und Spielshow, und die hat schon vorab zwei nicht zu unterschätzende Vorteile: Christine Neubauer und Steffen Simon sind nicht dabei.  Mehr zu den Herren Heufer-Umlauf und Winterscheidt, dem aktuell erfrischendsten Moderatoren-Duo des deutschen Farbfernsehens, demnächst an dieser Stelle.   

 

Dienstag, 10.07.12

Schon toll, was alles so möglich ist, wenn der galoppierende Talkshow-Irrsinn im der ARD zumindest partiell mal Pause hat. Sandra Maischberger ist in den Sommerferien, ihr beliebtestes Talkshow-Möbel, Universal-Experte Peter Scholl-Latour, erklärt sich deshalb eventuell vor dem Spiegel die wichtigsten Krisenherde der Welt selbst – und schon läuft in der ARD zu später Stunde eine Reportage, die ohne Frage einen früheren Sendeplatz verdient hätte. In strammen 90 Minuten beschäftigen sich die Autoren Birgit Schulz und Gerhard Schick in „Allah in Ehrenfeld“ (22.45 Uhr) mit dem Bau der Zentralmoschee im ehemaligen Arbeiterviertel und gehen Fragen nach, die nicht nur die Menschen in und um Köln beschäftigen. Ist die Moschee nur ein mächtiges Bauwerk oder ein Symbol der Macht? Wird die Integration der Muslime durch die Moschee gefördert oder trägt diese doch eher zur Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft bei? Welche Rolle spielt als Bauherrin die DITIB, die der Religionsbehörde in Ankara unterstellte türkisch-islamische Union? Wie begründet der Publizist Ralph Giordano seine ablehnende Haltung, wie positioniert sich Ex-Bürgermeister Fritz Schramma, wie ist es der rechtsextremen Gruppe Pro Köln gelungen, den Bau der Moschee für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, wie werden fremdenfeindliche Ängste geschürt, wie halten es alteingesessene Ehrenfelder mit dem Klima liberaler Offenheit? „Allah in Ehrenfeld“ stellt, wie das bei einer lebendigen Reportage sein sollte, viele Fragen. Ewig gültige Antworten sind dagegen nicht vorrätig. Sehenswert, auch für streng gläubige Atheisten. Findet bestimmt auch Peter Scholl-Latour. Aber den fragt ja zum Glück gerade keiner. 

ZDF
„heute“-Moderator Matthias Fornoff.

Das war’s für diese Woche. Auch in der nächsten gibt’s wieder Farbfernsehen. Und solange – wir wiederholen uns da gerne – der Hemdkragen von „heute“-Moderator Matthias Fornoff weiter schief sitzt, dreht die Welt sich zuverlässig weiter.

 

 

 

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