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Nachrichten aus dem Medienbereich und TV-Kritiken

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Webers TV-Vorschau: Gutes Fernsehen zur Geisterstunde

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Charlotte Roche und Jan Böhmermann. Foto: dpa
Michael Schanze schwelgt zur Geburtstagshow von „1,2, oder 3“ in alten Zeiten, RTL sorgt für Nachschub auf den Autofriedhöfen und das ZDF zeigt gutes Fernsehen mal wieder nur zur Geisterstunde. „Vorgezappt“ - die TV-Vorschau.  Von
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Wir wollten es wirklich. Aber wir haben es nicht geschafft, die komplette Debüt-Sendung von „Precht“ zu gucken. Nach rund zehn Minuten griffen wir, aus Notwehr und ermattet, zur Fernbedienung. Und auch der zweite Versuch in der Mediathek scheiterte. Weil uns von der Fahrt des Kameramanns, wahrscheinlich ein Michael-Ballhaus-Schüler, ganz schwupps im Schädel war. Immer hin und her, und meistens ein halbe Drehung um Precht und seinen Gast herum. Dazu gab’s immer wieder Schnitte auf das knopfgenau geöffnete (keiner zu viel, keiner zu wenig) Hemd Prechts und auf seine Augen, mit denen der Kuschel-Philosoph mindestens so sanft aus der Wäsche guckt, wie sich das Fell des Perwoll-Schafs anfühlt. Und erst das Studio-Ambiente. Schwarzer Hintergrund, ein kleines Tischchen, ein paar Spots und jede Menge bunte, durchs Bild wabernde Blubberblasen. Zu dieser Jahreshauptversammlung aller in Deutschland verfügbaren Lava-Lampen stellte Richard David Precht alias Super-Richi seinem Gast, dem Hirnforscher und Bildungskritiker Gerald Hüther, gefühlte 23 Suggestivfragen, die dieser ab Minute zwei allesamt bejahte. Um eine Diskussion oder gar eine Kontroverse ging es Precht und seinem Gast unter dem Sendungsslogan „Skandal Schule –  macht Lernen dumm?“ nicht, eher um die vollkommene Demonstration von Einigkeit. Richard David Precht, darin besteht nach diesem Debüt kein Zweifel, ist der lebende Beweis dafür, dass ein „Manufactum“-Katalog doch sprechen kann.

Lassen es wieder krachen: Die Jungs von Cobra 11.
Lassen es wieder krachen: Die Jungs von "Cobra 11".
Foto: RTL

Donnerstag, 06.09.12 

Auftakt zu sieben neuen Folgen eines echten Privatfernsehen-Dinos. Seit 1996 hat RTL das Kawumm-Rummsbums-Explosions-und-Autoüberschlag-Spektakel „Alarm für Cobra 11“ im Programm, die Produktionsreste der einzelnen Jahre füllen wahrscheinlich europaweit Autofriedhöfe und Schrottplätze. Ins Ausland verkauft sich die Serie prächtig, sie ist bereits sieben Mal mit dem „Taurus World Award“, der größten Auszeichnung der Actionfilmbranche, prämiert worden, und seit 2010 läuft sie auf Bundeswehr TV, einem nicht öffentlichen Sender für Soldaten. Ob die sich bei „Alarm für Cobra 11“ entspannen oder eher Aggressionen pimpen, ist nicht bekannt. Tatsache ist allerdings, dass auch bei den neuen Folgen dieses Motto gilt: volle Action, schnelle Autos, schlichte Stories. En detail geht’s in „Engel des Todes“ (RTL 20.15 Uhr) um den 18-jährigen Max Berger, der unter Mordverdacht steht. In weiteren Hauptrollen: Verfolgungsjagden, Massenkarambolagen und Schusswechsel. In zwei Nebenrollen: die beiden Qualitätsschauspieler Ralf Möller und Oliver Pocher. Geeignet für Männer und Frauen im allerbesten Alter, die früher keine eigene Carrera-Bahn haben durften. Bewertung: zwei gerissene Keilriemen.

Sucht neue Hot Spots in NRW: Kabarettist Jürgen Becker.
Sucht neue Hot Spots in NRW: Kabarettist Jürgen Becker.
Foto: WDR/Melanie Grande

 Freitag, 07.09.12

 Es ist nicht gerade eine Innovationsrakete, die der WDR da zündet, aber das muss man verstehen: Mit dem Knall eines solchen Geräts würde man die Ü60-Stammkundschaft nur verschrecken. Und so nimmt man lieber mit Jürgen Becker ein bekanntes Sendergesicht und lässt den Mann in einem Oldtimer-Motorrad mit Beiwagen durch NRW knattern. In der sechsteiligen Reihe lässt Becker bewusst Vorhersehbares wie Dom, Schwebebahn und Gasometer links liegen und versucht, neue Lieblingsorte in NRW zu entdecken und diesen „Übersehenswürdigkeiten“ mit Sprachwitz und satirischem Hintergrundwissen ein kleines Denkmal zu bauen. In Folge eins (21.15 Uhr) wagt sich Jürgen Becker in den eher maulfaulen Landstrich Eifel, kommt trotzdem mit diesem oder jenem ins Gespräch und trifft außerdem seinen Kabarettisten-Kollegen Sebastian Pufpaff  (kein Künstlernachname, der heißt wirklich so). Ach ja, und was den Titel der Reihe angeht: Den haben sich bis zu 500 Redakteure angeblich bei einem Wochenend-Workshop im Hochsauerland zusammen ausgedacht. Bewertung: drei Heimathirsche.

 

Durfte doch noch von den alten Zeiten erzählen: Godfather des Plopps, Michael Schanze (2. v.l.).
Durfte doch noch von den alten Zeiten erzählen: Godfather des Plopps, Michael Schanze (2. v.l.).
Foto: dpa

Samstag, 08.09.12

 Die Sendung, die durch ein live erzeugtes Geräusch berühmt wurde, feiert heute ihren 35. Farbfernsehengeburtstag. Michael Schanze, Moderator der ersten Stunde der Kinder-Quizshow „1,2, oder 3“, steckte sich zwischen 1977 und 1985 immer wieder den Zeigefinger in eine Backentasche, schnalzte diesen mit Schmackes heraus und verursachte so das längst legendäre „Plopp“. „1, 2 oder 3, du musst dich entscheiden, drei Felder sind frei. Plopp! Plopp, das heißt Stopp. Nur einen Hopp, dann bleibt es dabei. Willst du bei diesem Spiel gewinnen, musst du viele Bälle bringen ...", sang Michael Schanze im Titelsong der Quizshow, die nach diversen Moderatorenwechseln anfänglich im ZDF und heute unter anderem auf ZDFtivi und dem KIKA läuft und bei der das Ploppen längst passé ist. Seit 2010 moderiert Elton, ohne Frage einer der größten Irrtümer der jüngeren Fernsehgeschichte, das Spiel für Kinder. Bei den Geburtstagsfeierlichkeiten zur besten Sendezeit am Abend (ZDF 20.15 Uhr) assistiert ihm bei der Moderation der unvermeidliche Jörg Pilawa, und zum Jubiläum wagen sich auch Erwachsene auf die Sprungfelder: Günther Jauch, Verona Pooth und Dirk Bach treten mit je einem Kinderteam gegeneinander an. Den schweren Fauxpas, Michael als Schanze als Godfather von „1,2 oder 3“ zum Geburtstag nicht einzuladen, hat das ZDF inzwischen zum Glück korrigiert. Bewertung: drei vom Ploppen pitschnasse Zeigefinger.

 

Schlagerduo des deutschen Talk-Fernsehens: Charlotte Roche und Jan Böhmermann.
Schlagerduo des deutschen Talk-Fernsehens: Charlotte Roche und Jan Böhmermann.
Foto: dpa

Sonntag, 09.09.12

Herrlich, was Frau Roche und Herr Böhmermann und ihre Redaktion letzte Woche veranstaltet haben. Zum Auftakt der zweiten Staffel ihrer Talkshow-Simulation war auf einmal alles anders. Als Ansager fungierte nicht mehr der fabelhafte William Cohn mit seinem samtfarbenen Bass in dunkelblau, sondern eine gefönte Tussi, die aussah, als käme sie frisch von QVC oder einem anderen Homeshopping-Nepp-Sender. Und erst das Studio: Das schön düstere Ambiente eines Schangelladens hatte man aufgehellt und ein paar mit Backsteintapeten beklebte Trennwände aufgestellt. Was dann alles in allem aussah wie eine gruselige Mixtur aus „Leute heute“, „Beckmann“ und „RTL Exklusiv“. Als Krönung des Geschmackinfernos hatte man das Senderlogo mit einem Deppen-Apostroph – „ZDFkultur’s“ – verziert, und Alkohol und Zigaretten waren auf einmal auch verboten. Bis zur Auflösung und bis das Studio von „Roche & Böhmermann“ wieder in den Normalzustand gebracht war, dauerte es quälende acht Minuten. Lange genug, dass die Menschen in sämtlichen sozialen Netzwerken, die 243-köpfige „VORGEZAPPT“-Redaktion und sogar Mediengurustarjournalist Stefan Niggemeier drauf reingefallen waren; auf diesem Niveau wird man gerne veräppelt.

 

In Sendung Nummer zwei (ZDFkultur 22.15 Uhr) zu Gast: Max Herre, Hip-Hopper, Rapper, Ex-„Freundeskreis“; Jennifer Weist, Sängerin und Songwriterin von „Jennifer Rostock“; Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe, Forensiker und Tattoo-Aktivist; Ferris MC, Musiker, Rapper und Schauspieler; Peter Berling, Schauspieler, Schriftsteller und Filmproduzent. Hier und da konnte man ja schon lesen, dass Max Herre eine seiner besten Rollen gab und als beleidigte Leberwurst in der aufgezeichneten Sendung vorübergehend die Gesprächsrunde verließ, weil Frau Roche seinen Texten eine gewisse Schlagerhaftigkeit attestierte. Das ist einerseits mäßig originell, weil diese Form von Provokation zum Geschäftsmodell von Charlotte Roche gehört. Andererseits: endlich sagt’s Herrn Herre mal einer im Fernsehen. Bewertung: fünf „Racke rauchzart“-Whiskeys.

 

Frisur zum Abgewöhnen: Brad Pitt als intellektuell limitierter Fitnesstrainer in Burn After Reading.
Frisur zum Abgewöhnen: Brad Pitt als intellektuell limitierter Fitnesstrainer in "Burn After Reading".
Foto: Verleih

Montag, 10.09.12

„Es ist nun mal unwiderstehlich lustig, wenn sich Leute mit beschränkter Intelligenz für clever halten“ – so erklärte Ethan Coen vor ein paar Jahren im Interview mit dem SZ-Magazin das Konzept, auf dem die meisten Filme der Coen-Brüder prächtig funktionieren. „Burn After Reading“ ist solch ein  Film. In dem Werk von 2008 kommt nicht nur ein Dummkopf vor, es findet gleich eine ganze Trottel-Parade statt. Eines ihrer besten Mitglieder ist Brad Pritt, der wirklich herrlich verstrahlt den kaugummikauenden, iPod-hörenden Fitnesstrainer Chad spielt und dabei einer der fiesesten Frisuren der Filmgeschichte trägt, die schätzungsweise mit drei Dosen Haarspray fixiert ist. In weiteren, durch die Bank grandiosen Rollen: George Clooney, Tilda Swinton, John Malkovich und Frances McDormand (die im echten Leben mit Joel Coen verheiratet ist). Und die CD, die Chad entdeckt und auf der sich vermeintlich brisante Daten befinden und um die sich der ganze Plot dreht, die wird  mit jeder Minute unwichtiger. Was nichts dran ändert, dass „Burn After Reading“ makaber, mitunter brutal-fies und brüllend komisch ist. Bewertung: fünf Gutscheine für Gratis-Stunden bei Fitnesstrainer Chad.

PS: Erstaunlich übrigens, was „Das Erste“ am Montagabend für Programmierungen hinbekommt, wenn „Hart aber fair“, immer noch eine der fünf Talkshows im Quassel-Rodeo der ARD, nicht gesendet werden muss.

 

Dreigestirn des Fußballsachverstands: Reinhold Beckmann, Gerhard Delling und Matthias Opdenhövel (v.l.).
Dreigestirn des Fußballsachverstands: Reinhold Beckmann, Gerhard Delling und Matthias Opdenhövel (v.l.).
Foto: dpa

Dienstag, 11.09.12

 Nachdem die deutschen Kicker hoffentlich Österreichs Nationalelf besiegt haben und Felix Austria weiter von Cordoba 1978 träumen muss, besteht die Möglichkeit, dass man gefahrlos weitergucken kann. Der Grund: Nachdem die ARD endlich das in jeder Hinsicht unsägliche Format „Waldis Club“ in die ewigen TV-Jagdgründe befördert hat, geht heute der „Sportschau-Club“ an den Start. Mit einem ganz wichtigen Versprechen: Comedians und Comedian-Darsteller sollen in der Runde nach dem Spiel nicht mehr vorkommen. Was bedeuten würde: Rote Karte für Matze Knop und ähnlich lästige Gestalten. Die Moderation beim „Sportschau-Club“ (ARD 23.30 Uhr) teilen sich Gerhard Delling, Reinhold Beckmann und Matthias Opdenhövel. Herr Opdenhövel ist zum Auftakt dran und hat angekündigt, seine Gäste zu siezen. Was im Vergleich zur diplomierten Duz-Maschine Hartmann eine weitere Wohltat wäre. Bewertung: drei Waldi-Gedächtnis-Weizenbiere. 

Favela in Rio de Janeiro: Das Armenviertel Rocinha.
Favela in Rio de Janeiro: Das Armenviertel Rocinha.
Foto: dapd

Mittwoch, 12.09.12

 Klingt nach einer ehrenvollen Aufgabe für den Festplattenrekorder: Zu später Stunde zeigt das ZDF etwas, was im Zusammenhang mit der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 wahrscheinlich nicht mehr oder allenfalls am Rande vorkommen wird: die Lebenswirklichkeit der Brasilianer, die ihren Alltag in den Armenvierteln, den sogenannten Favelas, bestehen müssen. Hunderttausende Menschen wohnen an den Hängen über den Stränden der Copacabana, und sie rücken, weil eben die Welt wegen dieser Sport-Events auf Brasilien gucken wird, tatsächlich in den Fokus der Regierenden und Mächtigen. Die Polizei gibt sich neuerdings redlich Mühe, die Favelas zu „befrieden“, vertreibt Drogenbosse und arbeitet mit der Politik daran, das Leben dort menschenwürdiger zu gestalten. Andreas Wunn, Leiter des ZDF-Studios Rio de Janeiro, spricht in „Rio für Fortgeschrittene –  Favelas im Aufbruch“ (00.45 Uhr) mit Bewohnern der Armenviertel, erfährt etwas über deren Ängste und Hoffnungen – und tatsächlich auch einiges über Dinge, die besser geworden sind. Weiterbildungsfernsehen nach Mitternacht. Sehenswert. 

 

Was wie immer an dieser Stelle bleibt, ist der Hemdkragen von „heute“-Moderator Matthias Fornoff. Unser Blick bleibt diesbezüglich geschärft, versprochen.

 

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