Mein Veedel
Kölner stellen ihr Veedel vor

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Mein Veedel: Magische Orte in Niehl

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Kabarettistin Nessi Tausendschön erholt sich gerne am Rhein. Foto: Michael Bause
Die Kabarettistin Nessi Tausendschön findet in Niehl Entspannung und nette Nachbarn. Sie schätzt die magischen Orte des einstigen Fischerdorfs und erholt sich gerne bei Spaziergängen am Rhein.  Von
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Niehl

Hier mäkelt keiner über eine schief gestutzte Gartenhecke wie früher in Lindenthal. Dort hat Nessi Tausendschön lange gewohnt, bevor sie vor fünf Jahren nach Niehl zog, wo sie schnell nette Nachbarn kennengelernt hat. Die passen auf die beiden Katzen Ella (wie Fitzgerald) und Kurt (wie Elling) auf, wenn sie unterwegs ist. Und das ist sie als gefragte Kabarettistin sehr oft. Umso wichtiger ist ein entspannendes Zuhause, ein Ort, an dem man sich wohlfühlt und die Batterien wieder aufladen kann.

Dass ausgerechnet Niehl ihr all das einmal bietet, hätte sie selbst nicht gedacht. Schließlich ist das Viertel nicht gerade für seine Wellness-Qualitäten bekannt. Dabei gibt es durchaus Stellen, die eine magische Ausstrahlung besitzen: Auf einem kleinen Gehweg entlang des Rheins zu laufen, dem leichten Plätschern der Wellen zu lauschen und die Möwen, die sich auf dem Wasser treiben lassen, zu beobachten, die Bäume am anderen Ufer zu betrachten ist wie eine innere Einkehr - nicht nur ihre Lieblingsstelle, sondern auch eine Art Proberaum ("hier hört mich keiner, wenn ich meine Gesangsübungen mache") - und eine Fundgrube für Entdeckernaturen.

Kabarettistin Nessi Tausendschön
Nessi Tausendschön in ihrem "Proberaum" am Rhein: Nur die Möwen hören ihre Gesangsübungen.
Foto: Michael Bause

Mit einem Blick spürt sie ein altes Fahrrad auf, das zu einem Drittel aus dem Wasser ragt. Bei näherem Hinsehen erweist es sich dann doch als arg ramponiert und bleibt, wo es ist ("es sah im Wasser idyllischer aus"). Sie hat schon allerlei gefunden, erzählt sie, eine Barbie-Puppe und ein EC-Karten-Einlesegerät zum Beispiel. Das Moos, das die Treppen und Steine grasgrün überwuchert, gefällt ihr besonders gut. Kein Mensch weit und breit. Frachter ziehen vorbei. Eine wundersame Stille umfängt uns. Bis ein Flugzeug - nicht das letzte an diesem Tag - im Landeanflug auf den Köln/Bonner Flughafen mit Getöse über unsere Köpfe hinweg donnert. "Das machen sie nicht immer", sagt Frau Tausendschön, die eigentlich Annette Maria Marx heißt, "es kommt auf die Windrichtung an". Den Künstlernamen hat sich die gelernte Zierpflanzengärtnerin in Anlehnung an eine weitere Bezeichnung für das Gemeine Gänseblümchen gegeben, als sie sich gegen Ende der 80er Jahre für die Laufbahn einer freischaffenden Künstlerin entschied. Auch wenn sie nicht immer ganz so glücklich mit dem Namen war, ändern kann man ihn nicht mehr. Schließlich ist Tausendschön ein Begriff innerhalb der Szene.

Heilige für Vulkanausbrüche

Wir sind an einem Kinderspielplatz angekommen, auf der Kaimauer sitzen Möwen, die - wenn es nach Christian Morgenstern ginge - alle aussehen, als ob sie Emma hießen. "Die sind nur im Winter da", erzählt Tausendschön. "Ich habe keine Ahnung warum." Sie stimmt das Lied vom "Möwenverarschen im Park" an, stößt einen tierischen Schrei aus und wirft eine Handvoll Erde in die Luft. Tatsächlich, die Meute kommt herbeigeflattert, weil sie glaubt, es gäbe etwas zu fressen. Ganz schön gemein, aber ziemlich lustig.

Die Tiertäuscherin weist mit der Hand in Richtung Fußgängerbrücke: "Da werden im Sommer Partys gefeiert." Der Platz mit dem weißen Sandstrand und den Süßwassermuscheln erinnere sie an Goa in Indien, ein Land, in das es sie immer wieder zieht. Wir überqueren den verkehrsreichen Niehler Damm und gehen in eine winzige Gasse, die an dieser Stelle abzweigt. "Hier gibt es viele hübsche hässliche Häuschen", beschreibt sie die verwinkelten und verschachtelten Ansiedlungen mit ebenso winzigen wie liebevoll dekorierten Vorgärten und Fensterbänken. Den Vogel unter den geschmückten Häusern schießt allerdings das von Thomas und Peter ab, ein schwules Paar, mit dem Nessi Tausendschön seit langem befreundet ist. "Je nach Jahreszeit wird umdekoriert", weiß sie. Auch, dass hin und wieder ältere Leute Einlass begehren, weil sie glauben, ein lauschiges Caféhaus entdeckt zu haben.

Adressen

Nahkauf Niehl
Sebastianstraße 186

Lotto-Tabak, Dagmar Brüggen
Sebastianstraße 165

Deutsche Post-Filiale
Sebastianstraße 127

Früher seien die Menschen in dem einstigen Fischerdorf kleiner und bescheidener gewesen, meint sie im Hinblick auf die niedrigen Eingangstüren zu den Behausungen. "Hier wohnen auch viele arme Leute. Hier ist nicht Lindenthal. Alles ist ein bisschen verbaut, aber das gefällt mir gut." Inzwischen sind wir an der Ecke Katzengasse/Schifferstraße angekommen. Linker Hand befindet sich das Bootshaus vom Club für Wassersport - der Rhein in greifbarer Nähe.

"Überall wird gebuddelt, man glaubt es nicht. Die Straße wird zum dritten Mal aufgerissen, erst wegen Gasleitungen, dann wegen Strom oder Wasser und so weiter". Das könne sie nicht verstehen. Wir umrunden die Baustelle und gehen Richtung Norden zur Kirche Alt St. Katharina, die im Volksmund Niehler Dömchen heißt und eine der kleinen romanischen Kirchen Kölns ist.

Die Tür ist geschlossen. Schade, wir hätten sie gerne von innen besichtigt. In der Hermesgasse hat der Niehler Bürger- und Heimatverein von 1948 seinen Sitz. Das Schaufenster ist leergeräumt. Normalerweise seien hier Fotos und andere Niehl-spezifischen Dinge ausgestellt, wundert sich die "Neu-Niehlerin". An der Ecke zur Merkenicher Straße stolpert man fast über die Agathakapelle, ein 1701 errichtetes Gebetshaus, dessen Gitterfenster einen Einblick ins Innere erlauben: Da steht die Heilige Agatha im blauen Gewand mit einem Palmzweig in der Hand. Die 225 im sizilianischen Catania geborene Märtyrerin ist gegen vieles gut: Unter anderem kann man sie bei Entzündungen, Unwettern, Feuer und oder dem Ausbruch des Ätnas anrufen und um Hilfe bitten.

Erfolgreiche Integration

Kurz darauf biegen wir in die Merkenicher Straße ein, die geradewegs auf die Sebastianstraße führt, die Hauptgeschäftsmeile des Veedels, wo wir zunächst den im September dieses Jahres eröffneten "Nahkauf" bewundern: ein Supermarkt der Rewe-Gruppe, in dem behinderte und nichtbehinderte Mitarbeiter angestellt sind - und damit den alteingesessenen Einwohnern des Stadtteils das Leben erleichtern. "Endlich gibt es hier nach eineinhalb Jahren wieder einen Kaufladen - nicht nur für ältere Leute", meint Tausendschön.

Blick auf die Merkenicher Straße
Blick auf die Merkenicher Straße.
Foto: Michael Bause

Ein paar Schritte entfernt befindet sich eine weitere wichtige Anlaufstelle für den täglichen Bedarf: Dagmar Brüggens Kiosk. Das Büdchen ist mehr als eine Lotto-Annahmestelle mit diversen Angeboten rund um den täglichen Bedarf an Rauchwaren, Geschenkartikeln und Blättern aller Art. Es handelt sich viel mehr um einen Treffpunkt für Jung und Alt, einen Umschlagplatz für Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Unentwegt bimmelt die Türklingel, Stammkunden geben sich die Klinke in Hand, die Kasse rattert. Sie ist eine Frohnatur, meint Dagmar Brüggen über sich selbst, und lupft ihren langen Rock, unter dem ein blütenweißer Unterrock mit Schweizer Spitze zum Vorschein kommt. Sehr schick. "Ich bin in Niehl geboren. Die alten Niehler haben immer gesagt, dass die anderen keine Niehler sind", erzählt sie und fügt hinzu, dass die Zugezogenen längst integriert worden seien. Nessi Tausendschön setzt noch einen drauf: "Im Zeitalter der Globalisierung kann es sogar vorkommen, dass Leute aus Riehl nach Niehl kommen", scherzt die Kabarettistin.

Draußen empfängt uns ohrenbetäubender Straßenbau-Lärm - wir flüchten in Richtung St. Agatha-Krankenhaus - kommen an der Post-Filiale vorbei, der Tausendschön in Sachen unfrei-Verschickungen auf die Sprünge geholfen hat. Daneben befindet sich ein Second-Hand-Laden: "Da geh ich gerne rein", meint die immer pfiffig und farbenfroh angezogene Kleinkünstlerin. Linker Hand gibt es den A-Dong Shop, in dem sich die Asien-Kennerin mit Lebensmitteln eindeckt. Am Krankenhaus biegen wir - langsam ermattend - rechts in die Feldgärtenstraße, die in die Merkenicher Straße mündet. Dort steht eine ungefähr fünf Meter lange Mauer aus altem Gestein mit einem Wegekreuz. Auch wenn ihre Bedeutung im Dunkeln bleibt: Wie gut, dass sie nicht gefallen ist.

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