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Super Bowl: Experte für eine Nacht

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Alles Fachleute: die Fans der Baltimore Ravens.  Foto: AFP
Die Magie des Super Bowls zieht Menschen in ihren Bann, die sich eigentlich nicht für Football interessieren. So auch unseren Autor, der sich ein Mal im Jahr als Experte fühlt. Die Chronik eines außergewöhnlichen Abends voller Euphorie, die dann doch schnell verfliegt.  Von
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Köln

Ich bin kein Footballexperte. Im Gegenteil. Ich bin einer derjenigen, die sich an 364 Tagen des Jahres überhaupt nicht für diese Sportart interessieren. Am Super Bowl Sunday spielt das keine Rolle. Es ist eine der größten Sportveranstaltungen der Welt, da darf jeder irgendwie mitmischen, finde ich. Am ersten Sonntag jedes Februars treffe ich mich deshalb mit meinen Jungs. Wir braten Burger, trinken Red Bull, fachsimpeln wie die Meister und halten uns trotz akuter Ahnungslosigkeit für die Erfinder des Sports.

Auch die 47. Auflage des Super Bowl hat mich mit ihrem unfassbaren Tamtam in ihren Bann gezogen. Ein paar Vorberichte haben im Laufe der Woche gereicht, um mich einzustimmen und das überlebenswichtige Wissen aufzusaugen. Die Trainer der Teams sind Brüder, in der Halbzeit wird Beyoncé auftreten, und dass die Baltimore Ravens es geschafft haben, ins Finale einzuziehen und dort gegen die San Francisco 49ers antreten zu dürfen, ist eine große Überraschung. Ich bin bereit.

Als die Übertragung bei Sat1 kurz nach Mitternacht beginnt und Frank Buschmann uns aus New Orleans begrüßt, stelle ich mir die elementare Frage: Zu wem halte ich für die nächsten Stunden? Baltimore? San Francisco? Ich entscheide mich nach Absprache mit meinen Freunden für die Ravens. Das hat nichts damit zu tun, dass ich die Mannschaft sympathischer finde oder gar als besser einschätze. Ich habe schlichtweg keine Ahnung, und dass ich nur einen einzigen Spieler kenne und es sich dabei um Baltimores Ray Lewis handelt, gibt den Ausschlag. Über Lewis habe ich in den vergangenen Tagen einiges gelesen. Er ist der emotionale Leader seines Teams, spielt seit 17 Jahren für die Ravens und wird seine Karriere nach dem Spiel beenden. Er war wegen Mordes angeklagt, wurde unter ziemlich dubiosen Umständen jedoch freigesprochen. Dieses Wissen schmettere ich meinen Freunden um die Ohren. 1:0 für mich. Läuft doch.

Alicia Keys darf in diesem Jahr die Nationalhymne singen, kurz darauf kann es beginnen. Interception, Fumble, First Down – die Schlüsselbegriffe kommen langsam wieder. Das passiert von Jahr zu Jahr schneller, ich mache Fortschritte. Die Ravens starten gut ins Spiel, gehen in Führung, und verteidigen diese bis zum Schluss. Am Ende setzen sie sich mit 34:31 durch. Soweit der Schnelldurchlauf. Zwischen dem ersten Kickoff und dem Schlusspfiff liegen mehr als vier Stunden und ein Footballspiel, das – so sagen es jedenfalls der am Mikrofon bestens aufgelegte Buschmann und sein Assistent Jan Stecker – in die Geschichte eingehen wird als „einer der besten Super Bowls aller Zeiten“.

Buschmann und Stecker lassen nicht nach

Die Begeisterung der Kommentatoren und der 71.024 Zuschauer im Superdome reicht bis in mein knapp 8.000 Kilometer entferntes Wohnzimmer in Ehrenfeld. Auch als die Ravens deutlich führen, lassen Buschmann und Stecker nicht nach. Sie vermitteln uns Laien trotz des einseitigen Spiels: da kann noch was gehen. Und sie behalten Recht. Nach der spektakulären Halbzeitshow und einem 36 Minuten langen Stromausfall im Stadion, den Sat1 überraschend gekonnt mit Beiträgen und Ausführungen des Field-Reporters Florian Bauer überbrückt, beginnen die 49ers mit einer phänomenalen Aufholjagd. Es herrscht pure Spannung, Buschmann elektrisiert uns mit seinen emotionalen Ausbrüchen, der Ausgang des Spiels ist offen und wir realisieren, dass wir Zeugen besonderer Augenblicke sind. „Wecken Sie ihre Familienmitglieder auf“, fordert Buschmann mehrfach. Ich verfalle in Panik, versuche verzweifelt, meinen Kumpel Lars anzurufen, der offenbar eingeschlafen ist. Ich erreiche ihn nicht. Es sind dramatische Momente.

Dass die letzten Minuten an Spannung nicht zu überbieten sind und der Sieg der Ravens so ungewiss ist wie der Ausgang eines Elfmeterschießens im Fußball, ist letztendlich irrelevant. Ray Lewis hält die Defensive zusammen, die Ravens wehren alle Versuche der 49ers ab! Baltimore gewinnt! Meine Jungs gewinnen! Und trotz als gesundheitsschädigend einzustufender Müdigkeitsanfälle lösen die Jubelstürme auf dem Rasen tatsächlich noch eine Gänsehaut aus. Dem hartnäckigen Sat1-Reporter Florian Bauer gelingt es, mit Meistertrainer John Harbaugh zu sprechen, außerdem bekommt er sein Mikrofon in die Nähe von Ray Lewis, der seine letzten Worte als aktiver Footballspieler spricht. Und wir sind dabei. Dieser Abend soll niemals enden, denke ich mir noch.

Am Montagmorgen wache ich auf und lese online ein paar Spielberichte. Ich möchte mein Wissen erweitern, die Faszination des Footballs besser verstehen, die Spieler kennenlernen, mir Trikots bestellen und am besten auch gleich zum nächsten Super Bowl fliegen. Doch die letzten Funken der Euphorie erlöschen, und schneller als gedacht widme ich mich wieder den Artikeln über die Fußball-Bundesliga. Der Zauber ist verflogen. Ich bin einfach kein Footballexperte. 

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