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Sven Hannawald: „Weihnachten gab es immer Gans“

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Sven Hannawald und seine Freundin Alena Gerber Anfang 2012. Foto: Getty Images
Vor dem Start der Vierschanzentournee erzählt der ehemalige deutsche Gewinner Sven Hannawald über Weihnachten als Ruhepol für Wintersportler und die Aussichten der aktuell so erfolgreichen Kollegen.
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Herr Hannawald, nun ist ja auch schon wieder Weihnachten. Als Sie noch aktiver Skispringer waren, war das für Sie die Zeit vor den oft genug wichtigsten Wettkämpfen des Jahres bei der Vierschanzentournee. Konnten Sie damals Ruhe finden?

Sven Hannawald: Oh ja. Weihnachten war die schönste Zeit für mich. Ich glaube, das gilt für alle Wintersportler. Wir tingeln ja von Ende Oktober an durch den Winter, und da ist es herrlich, mal wieder daheim anzukommen und sich abzulenken und abzuschalten. Auszubrechen aus dem Wettkampf- und Reisestress. Ich habe mich da immer sehr drauf gefreut.

Ging das – ablenken, abschalten? Obwohl Sie schon am 27. Dezember zur Tournee anreisen mussten?

Hannawald: Ja. Die Ruhe bei der Familie hat mir Kraft gegeben. Ich bin immer zu meinen Eltern gefahren, das war mir sehr wichtig. Da hat sich mit den Jahren ein Automatismus entwickelt, der lief so: Vorfreude, Weihnachten, gemütlich frühstücken, auf dem Sofa sitzen oder liegen, tschechische Märchenfilme, spazieren gehen und die Welt genießen. Herrlich.
Es gab bessere und schlechtere Jahre für Sie vor der Tournee, an der Sie insgesamt zehnmal teilgenommen haben. War die Tournee dann ein Thema vor dem Weihnachtsbaum?

Wollten Ihre Eltern nicht auch wissen, wie Ihre Form ist?

Hannawald: Egal, ob ich schlecht oder gut war – meine Familie wusste, wie sie mich zu nehmen hatte. Ausquetschen, über die Saison reden oder über Ziele bei der Tournee – das haben meine Eltern einfach nicht gemacht. Oder nur dann, wenn ich selbst angefangen habe, darüber zu sprechen.

Skispringer müssen auf Ihre Figur achten, es gilt nach wie vor der Lehrsatz, wonach leichte Menschen weiter fliegen als schwere. Wie passte das bei Ihnen mit den Mahlzeiten zum Fest zusammen?

Hannawald: Ich habe mir meine Einstellung dazu anerzogen. Aber Weihnachten war ich kein Abstinenzler. Ich habe mir über das Jahr angewöhnt, wie ich mit dem Essen umgehe. Ich habe immer das gegessen, worauf ich Lust hatte. Ich hatte deshalb keine Heißhunger-Attacken, das wäre fatal gewesen. Ich hatte das im Griff.

Es hieß eine Zeit lang, Sie hätten das zu extrem im Griff ...

Hannawald: ... ich habe halt alles in Maßen genossen. Normalerweise habe ich mich vegetarisch ernährt, aber Weihnachten habe ich das beiseite gelassen. Weihnachten gab es immer Gans, meine Mutter macht sie großartig, also habe ich Gans gegessen. Wir kommen ja aus dem Erzgebirge, da gehörte die Gans einfach dazu. Mit Klößen und Rotkohl. Am ersten Feiertag gab es dann Hasenbraten und am zweiten Feiertag die Reste.

Und Süßigkeiten und Kuchen?

Hannawald: Wir hatten Plätzchen und Stollen aus dem Erzgebirge. Habe ich alles gegessen. An den Weihnachtstagen habe ich nie zugenommen, das war kein Problem. Ich war so in meinem Rhythmus, mein Stoffwechsel funktionierte, ich musste mir kein schlechtes Gewissen machen. Wenn ich Weihnachten daheim war, passte einfach alles. Da habe ich mich sehr wohlgefühlt. Vor allem seelisch. Wahrscheinlich, weil ich die leeren Akkus wieder aufgefüllt habe. Bei der Tournee ging es mir körperlich eigentlich immer sehr gut. Ich fühlte mich auch definitiv nicht zu schwer, um gleich nach Weihnachten von einer Schanze zu springen.

Aber trainieren mussten Sie doch trotz aller weihnachtlichen Anti-Stress-Therapie – oder?

Hannawald: Ja. Gejoggt bin ich immer. 20, 30 Minuten, ein paar lockere Hocksprung-Serien an der frischen Luft – das hat ja auch Spaß gemacht.
Spaß haben – das dürfte auch das Motto der neuen deutschen Skisprung-Generation sein.

Es gab in diesem Winter Podestplätze in Serie, Severin Freund hat wochenlang das Gelbe Trikot des aktuell besten Springers getragen, mit Andreas Wellinger gibt es das Geschenk eines erfolgreichen 17-jährigen Supertalents. Was ist da los zurzeit?

Hannawald: Überragend. Sensationell. Spektakulär. Severin Freund ist der stabilste von dieser neuen starken Gruppe. Wir hatten in dieser Saison schon zwei Deutsche auf dem Podest oder fünf Deutsche unter den besten zehn. Ein Mannschaftsergebnis, dass die Heide wackelt. Jetzt ist es langsam wieder so weit, dass die anderen Nationen Respekt kriegen, wenn ein Deutscher sich auf seinen Sprung vorbereitet. Dass es so super klappt, macht mich sprachlos.

Was sind die Gründe?

Hannawald: Die Arbeit von Bundestrainer Werner Schuster fruchtet jetzt. Als er 2008 neu anfing, da dauerte es einfach ein bisschen, bis sein Konzept aufging. Werner Schuster hat sich Vertrauen erarbeitet, Strukturen bis in die kleinsten Vereine vorgegeben, gezieltes Training bis ganz unten, die Trends und Richtung vorgegeben, Sichtungslehrgänge veranstaltet. Jetzt ziehen alle an einem Strang. So entwickelt man Talente. So geht es langsam vorwärts. Vorher gab es keine Kommunikation, die Heimtrainer haben nicht mitbekommen, was die Spitze dachte und wollte. Da ist der Nachwuchs irgendwo hängen geblieben.

Was wird denn werden für die deutschen Springer bei der Tournee?

Hannawald: Sie haben nun Leute für alle Bedingungen – bei Rückenwind ist Richard Freitag absolute Weltspitze. Andreas Wellinger ist ein sprungstarker, selbstbewusster Kerl. Aber auf Severin Freund ist, glaube ich, am meisten Verlass. Das sind schon drei Topleute. Einer kommt durch und weit nach vorn, da bin ich sicher.

Weit nach vorn heißt was genau?

Hannawald: Podium. Für wen auch immer von den deutschen Springern. Ich traue auch einem von ihnen zu, ein Tourneespringen zu gewinnen. Und dann wird sich alles für ihn entwickeln. Aber den Sieger kann man kaum voraussagen, das kommt immer auf die spezielle Tournee-Form an. Die entwickelt sich meist mit dem ersten Trainingssprung.

Ihr Rekord von vier Siegen bei einer Tournee vor elf Jahren ...

Hannawald: ... wird hoffentlich halten. Wenn es anders sein sollte, habe ich da aber auch kein Problem mit.

Werden Sie vor Ort sein?

Hannawald: Nein, aber ich werde für den Fernsehsender Sky Einschätzungen am Tag des Wettkampfs im Studio abgeben.
Skispringen ist ja zurzeit nur noch eine Art Passiv-Vergnügen für Sie. Sie sind nun Rennfahrer.

Was machen Ihre Motorsport-Ambitionen?

Hannawald: Ich habe jetzt ein Jahr Pause gemacht. Ich habe mir nun im Kart einige Basics angeeignet. Ich werde deshalb auf jeden Fall weitermachen. Wo und wie, das ist immer ein Fragezeichen vor der Saison. Aber wir werden auf jeden Fall etwas finden.

Das Gespräch führte Stephan Klemm

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