Momentaufnahme - 90 Minuten Köln
Ein Platz irgendwo in Köln, 90 Minuten Zeit, um Leute zu beobachten, zuzuhören, aufzuschreiben: unserer Serie „Momentaufnahme“ führt uns zu bekannten Plätzen in Köln.

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Momentaufnahme: Das Stadionbad in 90 Minuten

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Momentaufnahme: Stadionbad, 15.50 Uhr – 17.20 Uhr Foto: Martina Goyert
Ein Platz irgendwo in Köln, 90 Minuten Zeit, um Leute zu beobachten, zuzuhören, aufzuschreiben: Die dritte Folge unserer Serie „Momentaufnahme“ führt uns zum kühlen Nass: Ins Stadionbad.  Von
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Müngersdorf

Wer macht das nicht gern: hinsetzen, Leute beobachten, Geschichten spinnen. Unsere Fotografin Martina Goyert und Autor Uli Kreikebaum gucken nicht nur. Sie hören zu, schreiben auf, fragen nach, was passiert. Das Spiel dauert 90 Minuten, irgendwo in Köln. Kein Moment kommt wieder, jeder lässt sich festhalten. Das ist die Idee hinter der Serie „Momentaufnahme“.

Station Nummer drei: das Stadionbad.

Hier finden Sie das Kölner Stadionbad Foto: KStA-Grafik

15.50 Uhr - Im Stadionbad tost der Sommer. Vor der Kasse warten Jungs mit Riesenmuskeln, Dicke, Dünne, Blonde, Brünette, Schwarze, Sonnenbrandrote und zwei hellhäutige alte Damen. „Zweimal Sauna bitte“, sagt die eine. Sauna, bei 30 Grad und Knallsonne? „Da ist es heute so schön ruhig“, sagt die Weißhaarige und federt mir ihrer Freundin Richtung Schwitzbereich.

15.56 Uhr - Der Beckenrand ist Laufsteg und Kuriositätenkabinett. „Wie auf der Hohe Straße, nur ohne Klamotten“, sagt eine Schwangere amüsiert. Sie habe sich für einen Platz auf der Tribüne entschieden, weil man hier „liegen, sitzen und sich anlehnen kann“. Die Jungs auf dem Laufsteg ziehen den Bauch ein und drücken die Brust raus, die Mädels werfen die nassen Haare nach hinten und gucken nicht zu auffällig. Um nicht aufzufallen, braucht es Tattoo, Bikini von H&M, braune Haut und lässigen Blick.

Am Beckenrand sitzen vier Mädels und geben den Jungs, die vom Zehner springen, Noten. Die eine guckt sich regelmäßig ins Dekolletee. Sie wirkt zufrieden mit dem, was sie sieht. Auf der anderen Seite des Springerbeckens strampelt ein älterer Herr mit Goldkette kräftig mit den Beinen. Ab und zu schwimmt er ein paar Meter und taucht unter, bevor er sich wieder an den Beckenrand lehnt und zum Laufsteg schaut. Der Mann ist 72 und ein „kölscher Jung“. „Früher bin ich auch vom Zehner gesprungen und habe den Mädels hinterhergejagt.“ Er komme im Sommer regelmäßig ins Stadionbad. „Tut gut, und es gibt ja auch lecker was zu sehen.“

16.23 Uhr - Der Ruf des Stadionbads hat sich in den vergangenen Jahren gut verbessert, findet Manuel, der bei den Abfallwirtschaftsbetrieben arbeitet und „bei Sonne fast jeden Nachmittag“ hier ist. „Es sind nicht mehr so viele Vollbollos hier.“ Basti kann und will das nicht beurteilen. Er lebt in Hannover und besucht in Köln seine Freunde Seif und Max. Basti steht im Schatten des Zehnmeterturms, hoch will er nicht. „Als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal vom Zehner gesprungen bin, hatte ich weiche Knie und ziemlich Schiss“, sagt er. „Ich bin einfach durchgelaufen, das ging dann.“ Basti ist Tormann in der Mittelrheinliga. „Angst“, sagt er, „ist für einen Torwart keine gute Sache. Dann kann man nicht mehr reagieren.“

16.37 Uhr - Martin Jansen sieht nicht, wie ein hübsches Mädel auf der alten Tribüne einen Lambada für eine Gruppe Jungs tanzt. Sein Blick ist fokussiert auf Becken und Sprungturm. Gestern hat er einen 13-Jährigen rausgefischt, der beim Sprung vom Zehner auf dem Rücken gelandet und untergegangen war. Martin ist Bademeister, bis vor zwei Jahren war er Rettungsschwimmer am Surf- und Partystrand Jaco-Beach in Costa Rica. „Da war ich im Urlaub und bin zwei Jahre geblieben. Die suchten Rettungsschwimmer und ich hatte einen Schein.“ Martin ist tiefbraun und sehr entspannt. Am Jaco Beach gab es Hammerhaie, die sich für Surfer interessierten, die Wellen waren so hoch wie die Stadiontribünen hier. „Ich habe täglich mit dem Jetski Leute aus dem Wasser geholt.“

Vor der Schicht geht Martin Schwimmen, er trainiert für einen Ironman-Triathlon. Der 47-Jährige ist gelernter Friseur, hat in der Bundesliga unter Trainer Christoph Daum 17 Minuten für den 1. FC Köln gegen Dortmund gespielt, umgesattelt auf Eishockey und bräuchte es eigentlich nicht zu sagen: „Ich bin ein bisschen rastlos.“ Er streift Wassertropfen ab, die nach der Arschbombe eines Übergewichtigen an seinem Unterarm perlen. Da kommen die nächsten Spritzer: Der Kumpel des Dicken hat auch eine Arschbombe vom Zehner gemacht. Als die beiden aus dem Becken kommen, schlagen sie sich lachend ab.

16.46 Uhr - Pascal, Swaantje, Christina und Stefan treffen sich nach der Arbeit im Bad. Pascal hat sein Brusthaar so kurz rasiert wie das Kopfhaar, so verringert sich der Wasserwiderstand. Gleich hilft er mit Stefan einem Freund beim Renovieren. „Vorher kühlen wir uns ab.“

16.59 Uhr - Nik, der aussieht wie das Model aus der Davidoff-Werbung, macht mit Kumpel Tim Handstand. Lutz, Frieder und Marina gucken zu. Die Jungs studieren Sport, ihre Sixpackbäuche bezeugen es. Wilde Tätowierungen und aufgepumpte Bizepse wie einige der Freibadprofis auf dem Laufsteg haben sie nicht. Nik hat eben einen Doppelsalto vom Zehner gemacht und die Zuschauer zu raunendem Applaus bewegt. „Hatte ich noch nie gemacht, Saltos konnte ich aber immer schon ganz gut“, sagt er.

Nik betreibt einen Sport, der sich Parcours nennt: Laufen über Hindernisse im freien Gelände samt Saltos und anderen Kunststücken. Gleich fährt er in den Kraftraum, um ein paar Übungen zu machen.

17.05 Uhr - An der Kasse ist die Schlange länger geworden. 6000 Menschen werden bis heute Abend das Stadionbad besucht haben. Wenn es so voll ist, engagiert die Bäderleitung einen Sicherheitsdienst. Hätten Ali Kobeissi und Resul Sanabu nicht ein T-Shirt mit der Aufschrift „Security“ an, würden sie auf der Wiese nicht auffallen. Sie tragen Baseballcaps und Sneakers, sind 21 und 22 und haben gerade einen Gleichaltrigen zum Ausgang begleitet, weil der eine Prügelei angezettelt hatte.

„Wenn es heiß ist und die Leute trinken oder kiffen, werden sie aggressiv“, sagt Ali. „Wir versuchen dann zu deeskalieren.“ Ali und Resul schütten Bier weg und bitten die Jugendlichen, ihr Marihuana wegzupacken. „Tun sie es trotz Aufforderung nicht, müssen wir sie rausbitten.“ Klar werde es mal hitzig, sagt Ali. „Aber es ist gut, dass wir mit den Leuten auf einer Wellenlänge sind. Für uns ist jeder so wie wir. Alle sind gleich. Die Einstellung hilft immer.“

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