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Kleingärtner: Zwischen Baumarkt und Biobeet

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Den Garten längst ins Herz geschlossen: Sabine und Björn Bosler mit Tochter Frieda. Foto: Grönert
Seit einem Jahr besiedeln Kleingärtner die neue Anlage „Im Merheimer Felde“. 80 Parzellen mit 40 Lauben sind geplant. Nun sind die ersten Gartenhäuser fast fertig. Bei schönstem Wetter hatten am Wochenende viele der Hobbygärtner Großeinsatz.  Von
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Holweide

Er muss weitermachen, sonst wird der Beton hart. Doch bevor Angelo Napoletano (50) sich wieder um den Weg kümmert, der in Kürze zu seiner Gartenlaube führen wird, zeigt er fast entschuldigend auf den Ziegelhaufen, der eigentlich längst ein Steinofen zum Pizzabacken sein sollte. Hat er versprochen, vor einem Jahr, als seine Parzelle „Im Merheimer Felde“ auch schon Baustelle war. Ist aber bisher nichts draus geworden. „Der lange Winter, keine Zeit, und dann kann ich hier immer nur samstags arbeiten. In der Woche habe ich andere Baustellen.“

Aber was heißt hier eigentlich Gartenlaube? Dieser Inbegriff deutschen Kleingartenwesens hat mit sizilianischer Lebensart ungefähr so viel zu tun wie ein Laubenpieper mit der Camorra. Was der gelernte Maurer Angelo Napoletano mit seinen Helfern gerade errichtet, gleicht einem Landsitz im mediterranen Stil. „Bellissimo, bellissimo.“

Angelos Frau Rosa kommt den Weg entlang, bringt ihren Männern ein paar Flaschen Kölsch. Die Ornamente, die Sohn Massimo mit der Maurerkelle kunstvoll in den feuchten Sockelputz zaubert, sorgen für Begeisterung. „Das ist das erste Mal, dass sie zufrieden ist. Sonst wird schon mal gemeckert.“ Ein Schluck aus der Pulle, und Papa Angelo widmet sich wieder seinem Weg. Unter den Siedlern von Holweide hat sich längst herumgesprochen, wo der Profi arbeitet. Und wie wertvoll seine Tipps sein können.

Ein Steinwurf entfernt wird auch fleißig verputzt: Oliven, Tomaten, Schafkäse, Weißbrot, das volle Programm, dazu türkischer Tee. Über der Holzlaube von Seval und Mehmet Sayin flattert die Fahne von Galatasaray. Der Rasen ist genauso sattgrün wie das Spielfeld der Türk Telekom Arena, auf dem der Istanbuler Club um ein Haar Ronaldo und Real Madrid aus der Champions League gekegelt hätte.

In jeder freien Minute

Die Sayins haben ihr Häuschen schon im vergangenen Sommer bezogen und überlegen gerade, ob sie auf der Nachbarparzelle, die sie vorsorglich auch gepachtet haben, ein zweites hinstellen. „Es gefällt uns sehr gut. Wir sind jede freie Minute hier“, sagt Mutter Seval (55), die in Istanbul geboren wurde, aber schon so lange in Deutschland lebt, dass vier Wochen Sommerurlaub bei Kusadasi im Haus mit großem Garten die Parzelle „Im Merheimer Felde“ kaum ersetzen können.

Arbeiten am künftigen Landsitz: Angelo und Rosa Napoletano.
Arbeiten am künftigen Landsitz: Angelo und Rosa Napoletano.
Foto: Grönert

Tochter Doga (25) genießt das Leben in der neuen Kleingartensiedlung. Auch wenn sie in den vergangenen Monaten schubkarrenweise Steine wegkarren und Mutterboden ranschaffen musste. „Das war verdammt viel Arbeit.“ Ihre beiden Jungs Atakan (4) und Arda (6) können sich mit Gleichaltrigen so richtig austoben, und sie selbst findet am Wochenende hier auch ein bisschen Ruhe zum Lernen. „Ich mache gerade mein Abitur. Auf einer Tagesschule in Mülheim, die sich ganz speziell an Mütter mit Kindern richtet.“

Sagen wir mal so: Bei den Siedlern von Holweide dürfte man keinen Widerspruch ernten, wenn man dem Haus der Napoletanos die fünf Sterne einer Nobelherberge verliehe. Die Sayins brächten es auf solide Mittelklasse. Doch unter welche Kategorie der Bausatz der Familie Bosler auf dem Parallelweg fällt, möge sie lieber selbst entscheiden. Angelo Napoletano würde ihn vermutlich nicht mal als Geräteschuppen anerkennen.

Clevere Standortentscheidung

Zum Glück haben die Boslers derart viel Humor, dass es eine Freude ist, ihren Biogarten zu betreten. Schon bei der Standortentscheidung haben sich Sabine (43) und Björn (40) als äußerst clever erwiesen. Die Siedlung „Im Merheimer Felde“ liegt verkehrsgünstig zwischen ihrer Wohnung im Kunibertsviertel und einem großen Baumarkt am Zubringer zur Stadtautobahn in Kalk. „Das ist wirklich praktisch“, sagt Björn. Töchterchen Frieda (2) findet das offenbar auch, zumindest den Garten hat sie längst in ihr Herz geschlossen.

Familie Sayin verbringt jede freie Minute im Garten.
Familie Sayin verbringt jede freie Minute im Garten.
Foto: Grönert

Und das Häuschen? Es entsteht mit Hilfe von Sketchup, einer Design-Software des Internetriesen Google, mit der man „selbsterklärend, unterhaltsam und kostenlos“ theoretisch auch das Kapitol von Washington nachbauen könnte. „Die ist einfach perfekt“, schwärmt Björn, von Beruf Diplom-Kaufmann und eigentlich Besitzer zweier linker Hände. Doch dank Google Sketchup ist derzeit ein Holzhäuschen in der Entstehung, mit einer Tür, die aus einer alten Villa im noblen Wuppertaler Zoo-Viertel stammt, und einem Fenster, das mal zu einem Haus in Bergisch Gladbach gehörte, ehe es dank Ebay in Holweide eine neue Heimat fand. Sogar ein Hochbett wird das Häuschen haben. „Ab und an wollen wir hier schon übernachten.“

Und wenn Björn auf seiner Parzelle, die, wie er schmunzelnd bemerkt, „von der Türkei umzingelt ist“, trotz Sketchup und Youtube mal gar nicht mehr weiterweiß, fragt er eben Angelo, den Erbauer des mediterranen Landsitzes. Im Gegenzug kann Sabine, die als Unternehmenssprecherin für eine Versicherung in Düsseldorf arbeitet, ihrer Kleingarten-Nachbarin Rosa erklären, wie man einen richtigen Biogarten anlegt und warum sich Kartoffeln zwischen Tagetes, Cosmea und Ringelblumen so richtig wohl fühlen.

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