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Stadtgarten: Mülheims „Central Park“ wird 100

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Foto: Christoph Hennes
Seit 100 Jahren ist der Stadtgarten eine Oase im Zentrum des einstigen Arbeiterviertels. Das 6,5 Hektar große Areal in der Senke eines alten Rheinarms ist ein Mekka für Sonnenhungrige, seit neustem auch für Rapspflanzen.  Von
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Wehrhaft hat der stolze Kurfürst dem Stadtgarten den Rücken zugekehrt. Mit dem Gewehr in der Hand steht Jan Wellem, einst bergischer Herrscher über die selbstständige Stadt Mülheim, am Rande des kleinen Parks auf seinem Sockel, das Gesicht dunkel und von Locken gerahmt. Als wolle er – eisern entschlossen – das schmucke Fleckchen Grün gegen den Feind verteidigen.

Jan Wellem, im 17. und 18. Jahrhundert von den Mülheimern wegen seiner Volksnähe verehrt, steht als Denkmal im Herzen des Stadtteils. Gestiftet wurde die Bronzestatue 1914, dem Jahr, als Mülheim nach Köln eingemeindet wurde. Im letzten Jahr vor der Städte-Hochzeit, also vor 100 Jahren, hübschte sich die wohlhabende Braut vom rechten Rheinufer noch einmal kräftig auf: Die damals prosperierende Industriestadt Mülheim gönnte sich einen Ort, an dem die Arbeiter der Enge ihrer Mietskasernen entrinnen konnten. Auf den geschwungenen Wegen des landschaftlichen Teils vertraten sie sich die Beine.

Im Rosengarten am Fuße des Hölderlin-Gymnasiums rasteten sie auf Bänken und erfreuten sich der Blütenpracht. Die Grünoase lag damals wie heute mitten in der Stadt, weshalb Joachim Bauer vom Grünflächenamt vom „Central Park Mülheims“ spricht. Vor allem seine zentrale Lage mache den Stadtgarten zu etwas ganz Besonderem: „Wo liegt denn schon ein Park genau in der Mitte?“

Sonnenhungrige schmoren auf dem Rasen

Bis heute hat der Stadtgarten wenig von seiner Anziehungskraft verloren: Würde sich Jan Wellem um 180 Grad drehen, wären seine ernsten Augen auf den kleinen Weiher gerichtet und Wiesen, auf denen im Sommer die Koteletts auf dem Grill und die Sonnenhungrigen auf dem Rasen schmoren. Sehen könnte er auch Unrat: Der Stadtgarten gilt in Sachen Müll als sehr pflegebedürftig.

Otto Roth kommt trotzdem fast jeden Tag in den Stadtgarten – seit 47 Jahren. „Das ist die einzige vernünftige Grünanlage weit und breit“, sagt der 80-Jährige. Sonnenbaden ist seine Sache nicht. Er liebt es vielmehr, auf der Bank zu sitzen und den Bäumen beim Blühen und den Wasservögeln beim Turteln am Teich zuzuschauen. Manchmal trainiert er auf der Wiese das Kugelstoßen. Einen Garten hat Roth nicht, dafür den Park als weitläufige Fitnessfläche. „Den Stadtgarten-Lauf habe ich schon dreimal gewonnen“, sagt der sportliche Rentner.

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Im Juni 1912 beschloss die Mülheimer Stadtverordnetenversammlung unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Bernhard Clostermann den Bau des Parks. Für 75 000 Mark wurde ein Areal hergerichtet, das nur deshalb noch nicht großstädtisch besiedelt war, weil es in der Senke eines alten Rheinarms lag. Bei der großen Flutkatastrophe von 1784 hatte sich das Wasser über diesen Rheinarm von Deutz nach Mülheim gearbeitet. Die tiefe Lage des Stadtgartens, wo sich einst der Strundener Bach schlängelte, wird an der Jan-Wellem-Straße deutlich: Wer von dort den Park betritt, kann das Areal komfortabel überblicken – für Bauer eine „tolle Eingangssituation“.

6,5 Hektar sattes Grün

Das Geld für den Stadtgartenbau hatte die Stadt dank der florierenden Industrie auf der hohen Kante liegen. Für den Park gaben die Mülheimer jedoch eine andere Idylle auf: Der Merkerhof mit seinen Jahrhunderte alten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden musste weichen. Einst konnten die Mülheimer zwischen der heutigen Charlierstraße, Lassallestraße, Jan-Wellem-Straße, Fürstenbergstraße und Bergischem Ring im Grünen flanieren. Für das Bull-Hochhaus und die 1963 gebaute Stadthalle wurde die Fläche später wieder verkleinert. Heute ist der Stadtgarten 6,5 Hektar groß.

Im Frühjahr 1913 wurde der nach Plänen von Joseph Vincentz gestaltete Park seiner Bestimmung übergeben. Schon damals gehörte im westlichen Teil ein Spielplatz zur Anlage. Kurze Zeit später kamen am Eingang in Höhe der Lassallestraße der Märchenbrunnen hinzu und ein stattliches Gartenhaus. Dafür hatte Kommerzienrat Paul Charlier 25 000 Goldmark gestiftet. Er wollte ein Haus, das bei schlechtem Wetter Schutz bietet – und eine Milch-Ausgabe für die Kinder. Der Pavillon wurde nicht alt: 1944 fiel er dem Bombenkrieg zum Opfer.

Mülheim wäre ohne seinen „Central Park“ undenkbar. Foto: Christ

Nicht immer ging es friedlich zu im Stadtgarten. Es gab Überfälle auf Passanten, auch Drogenkonsum spielte immer wieder eine Rolle. Für Bauer hängen diese Probleme nicht zuletzt mit der Innenstadt-Lage zusammen: Der Stadtgarten und die Großstadt bilden auch eine unheilvolle Allianz.

Radikaler Beschnitt für das Buschwerk

In New York wurde der Central Park wegen der grassierenden Kriminalität in den 1980er Jahren grundlegend saniert, in Mülheim änderte sich im vergangenen Jahr einiges: Auch weil sich die Junkies im Schutz des Buschwerks unbeobachtet fühlten, ging das Grünflächenamt dem Bewuchs in Höhe der Stadthalle radikal an den Kragen. Seitdem habe sich die Lage entspannt, sagt Fuchs. Otto Roth bestätigt diesen Eindruck. Sein Lieblingsort sei sauberer und übersichtlicher geworden.

Sogar der Weiher, aus dem Roth mit einem selbst gebauten Spezialmagneten viel metallischen Unrat gezogen hat, soll gereinigt werden. Das Wasser ist schon abgelassen, mit der Beseitigung des Schlamms hat die Stadt allerdings Schwierigkeiten. Rapspflanzen sollen die Brühe nun austrocknen: Im 100. Jahr seines Bestehens treibt der Stadtgarten seltsame Blüten.

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