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Trauer um Yilmaz Acer: Die Kinder weinen heimlich

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„Wir lassen sie nicht alleine“: Freunde und Nachbarn kümmern sich um Aliye Acer (l.), bringen ihr Essen und hören ihr zu.  Foto: Arton Krasniqi
Yilmaz Acer starb als Lebensretter. Der 46-Jährige bewahrte einen Jungen vor dem Ertrinken im Rhein, brach dabei bewusstlos zusammen und wachte nicht mehr auf. Seine Frau und seine beiden Kinder versuchen nun, ohne ihn weiterleben.  Von
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Aliye Acer und ihr Mann Yilmaz waren immer zusammen. „Nur nicht in den acht Stunden, in denen er bei der Arbeit war“, sagt die 38-Jährige. In ihrer Wohnung in Mülheim sieht alles so aus, als wäre er noch da. Sein Bademantel hängt neben ihrem an der Tür, die Zahnbürste steht neben ihrer in einem Becher, seine Jacke hängt an der Garderobe im Flur. „Ich kann die Jacke nicht waschen“, sagt Aliye Acer. „Sie riecht noch nach ihm.“ Im August wollten sie ihren 20. Hochzeitstag feiern.

Trauerfeier für Yilmaz A.

Drei Wochen ist es her, dass Yilmaz Acer einem zehnjährigen Jungen das Leben rettete, dann bewusstlos zusammenbrach und nicht mehr aufwachte. Der 46-Jährige starb am 22. Juni. Seine Frau und seine beiden Kinder versuchen nun, ohne ihn weiterzuleben. Die 14-jährige Ilayda ist mit ihrer Klasse an der Nordsee, ihr Bruder Bekir (18) geht seit einer Woche wieder zur Schule. Er besucht eine Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung in Hagen, kommt nur am Wochenende nach Hause. „Sie versuchen, ihre Trauer nicht so zu zeigen“, sagt Aliye Acer. Die Kinder weinen heimlich, weil sie ihre Mutter nicht noch mehr belasten wollen. Bekir war erst wütend, hat seiner kleinen Schwester Vorwürfe gemacht. „Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich ihm geholfen“, sagte er zu ihr.

Das letzte Foto: Aliye und Yilmaz Acer bei einer Verlobung im Mai
Das letzte Foto: Aliye und Yilmaz Acer bei einer Verlobung im Mai
Foto: Privat

Das Mädchen saß an jenem warmen Abend mit seiner Mutter am Ufer, als Yilmaz Acer losrannte, in den Rhein sprang und den Jungen an Land zerrte, der Minuten vorher immer wieder von der Strömung unter Wasser gezogen worden war. Der Junge war mit seiner Mutter, deren Freundin und drei anderen Kindern am Niehler Ufer. „Die Eltern des Jungen haben mir von Anfang an geholfen“, sagt Aliye Acer. Die Mutter war dabei, als Aliye Acer ihrem bewusstlosen Mann im Rettungswagen die Hand hielt. Sie beteten zusammen dafür, dass er wieder aufwacht. „Sie machen sich große Vorwürfe und können sich nicht richtig darüber freuen, dass ihr Sohn lebt“, sagt Aliye Acer.

Die Mutter des Jungen hat gesagt: „Wenn ihr an dem Abend nicht am Rhein gewesen wärt, würde Yilmaz noch leben.“ Darauf antwortete die 14-jährige Ilayda: „Mein Vater würde dann leben. Aber euer Sohn wäre tot.“ So gibt es Tage, an denen Aliye Acer die Eltern des Jungen trösten muss. Der Junge selbst weiß noch nicht, dass sein Retter ertrunken ist. Niemand hat sich bisher getraut, es ihm zu sagen.

Yilmaz Acer hat erst vor kurzem die Wohnung gekauft, in der er mit seiner Familie seit 1996 lebte. Der Kredit läuft noch Jahre. Die Förderschule des Sohnes kostet jeden Monat 240 Euro. Er kann seinen Arm seit einem schweren Autounfall in der Türkei vor acht Jahren nicht mehr richtig bewegen, sein linkes Auge wurde damals auch verletzt, er kann noch immer nicht richtig sehen. Sein Vater hat auch ihn damals gerettet, ihn von Mund zu Mund beatmet, einen Autofahrer angehalten, der seinen schwer verletzten Sohn und ihn in eine Klinik brachte. „Wenn er noch leben würde, würde er noch mehr Leben retten“, sagt Aliye Acer. „Vor 25 Jahren wäre sein Cousin fast im Meer ertrunken. Yilmaz konnte ihn wiederbeleben.“

Über 300 nahmen Abschied
Rettungsmedaille

Yilmaz Acer war am Abend des 18. Juni mit seiner Frau und seiner Tochter zum Angeln am Molenkopf in Niehl. Vom Steg aus sah er einen Jungen im Wasser, der panisch mit den Armen ruderte und immer wieder unterging. Acer reagierte sofort, rettete das Kind ans Ufer. Er selbst sackte im Wasser zusammen, wurde bewusstlos und starb vier Tage später. Mehr als 300 Menschen nahmen am 26. Juni bei einer Trauerfeier in einer Moschee in Mülheim Abschied von Yilmaz Acer. Er wurde in seinem Heimatort Yozgat in der Türkei beerdigt.

Der Landtagsabgeordnete Christian Möbius (CDU) hatte dem Innenministerium vorgeschlagen, Yilmaz Acer posthum die Rettungsmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen zu verleihen. Eine Sprecherin der Staatskanzlei sagte: „Wir planen, ihm die Medaille zu verleihen.“ Die Medaille wird seit 1951 für Taten vergeben, bei denen Menschen ihr Leben einsetzen, um andere zu retten. In 62 Jahren wurde sie eintausendmal verliehen. Sie zählt damit zu den staatlichen Ehrungen, die nur verhältnismäßig selten vergeben werden. (hsr)

Seit er nicht mehr da ist, kümmern sich Freunde und Nachbarn um die Familie. Einen neuen Alltag gibt es noch nicht. Die Freundinnen kochen, doch Aliye Acer kann nicht richtig essen, nicht schlafen. Sie helfen ihr beim Beantworten amtlicher Schreiben, darum hat sich ihr Mann immer gekümmert. Das Telefon klingelt ständig, alle wollen wissen, wie es ihr und den Kindern geht. Eine Nachbarin sagt: „Wir lassen sie nicht alleine.“

Yilmaz Acers Kollegen von der Deutz AG haben mehr als 9000 Euro für die Familie gesammelt. Der Betriebsrat plant ein Benefiz-Fußballturnier. Ismail Akinci kannte Yilmaz Acer seit 20 Jahren. „Ich glaube, es gibt nicht viele Menschen, die ein so großes Herz haben, wie er es hatte“, sagt der 51-jährige Freund und Kollege. Die beiden haben immer zusammen in der Firma gekocht, wenn sie Spätschicht hatten. „Seine Spiegeleier waren sensationell gut“, sagt er und lächelt. „Jetzt koche ich nicht mehr.“ Das Olivenöl, die Pfanne und die Gewürze, die Yilmaz Acer mitgebracht hat, bewahrt er in seinem Spind auf.

Eigentlich wollten Ismail Akinci und Yilmaz Acer an jenem Abend zu einem Kumpel fahren, der neue Reifen aufziehen sollte. Yilmaz Acer hatte sie gekauft, um sein Auto für die Fahrt in die Türkei zu rüsten. Dort wollte die Familie im August ihren Urlaub verbringen. „Aber weil das Wetter an dem Dienstag endlich schön war, zog es Yilmaz an den Fluss. Er wollte angeln, draußen sein“, sagt Ismail Akinci. Die komplette Halle, in der Yilmaz Acer bei der Deutz AG als Fachkraft gearbeitet hat, wurde am Tag der Trauerfeier geschlossen. Alle beteten in der Moschee für ihn. „Die Kollegen sind immer noch durch den Wind“, sagt Ismail Akinci. „Manche haben angefangen zu rauchen, obwohl sie das noch nie getan haben.“ Ismail Akinci sagt, dass sein halbes Herz abgestorben ist, weil sein Freund nicht mehr da ist. „Unser Traum war, irgendwann mit unseren Frauen in die Türkei zurückzugehen und dort Fische zu züchten.“ Sie haben an dem Tag, als Yilmaz Acer abends den Jungen rettete, noch darüber gesprochen.

Aliye Acer hat viele Verwandte in der Türkei, die sie und die Kinder gerne zu sich nehmen würden. Aber das möchte sie nicht. „Ilayda und Bekir sollen gute Ausbildungen bekommen.“ Die beiden wissen, wie wichtig das ihrem Vater war. Sie haben es ihm deshalb versprochen, als sie an seinem Bett im Krankenhaus saßen. Da wussten sie, dass er nicht mehr aufwachen wird. Aliye Acer denkt immerzu an den letzten Tag mit ihrem Mann. Er wollte gleich fischen, als sie am Ufer ankamen. „Wir haben auf der Picknickdecke eine Tasse Kaffee getrunken, dann ist er auf den Steg gegangen.“ Eigentlich habe er die Angel immer ins Wasser gehängt und sei dann zu ihr zurückgekommen. An diesem Tag ist er am Wasser geblieben. Kurz bevor das Unglück geschah, winkte er seiner Frau noch einmal zu.

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