24.07.2016
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Nach dem Tod zum Helden erklärt

BILD: SAMMLUNG WILLI FRITZEN

Wilhelm Heidkamp wurde 1883 in Herkenrath geboren. Der gelernte Maschinenschlosser trat in jungen Jahren in die Kaiserliche Kriegsmarine ein. Im Ersten Weltkrieg gehörte er zur Besatzung des Panzerkreuzers Seydlitz. 1915 verhinderte er in einer Schlacht, dass das Schiff explodierte.

Die Nationalsozialisten vereinnahmten die Tat des Herkenrathers später für ihre Zwecke.

Rhein-Berg - Im Januar 1915 befanden sich Deutschland und sein Verbündeter Österreich mitten im Zwei-Fronten-Krieg. Russische Truppen standen in Ostpreußen, im Westen bewegte sich die Front nur noch wenig, und von der See aus gab es keinen Nachschub mehr, da England eine Blockade gegen Deutschland verhängt hatte. Dem Kaiserreich setzte diese Blockade schwer zu. Schon kurz nach Kriegsbeginn mussten Lebensmittelkarten ausgegeben werden. Der Stolz des Kaisers, die Deutsche Flotte, die ihm das Gefühl gegeben hatte, den anderen europäischen Mächten die Stirn bieten zu können, war im Vergleich zur englischen Flotte zu schwach und konnte nur wenige Vorstöße gegen die englischen Schiffe wagen.

Im Januar setzte sich ein deutscher Flottenverband zu einer Erkundungsfahrt zur Doggerbank in Richtung englische Küste in Bewegung. Mit dabei war der Panzerkreuzer Seydlitz, auf dem der aus dem Bergischen Land stammende Wilhelm Heidkamp seinen Dienst tat.

Explosion

In der Nacht zum 24. Januar, so berichten es die Geschichtsbücher, verließ der deutsche Flottenverband den Heimathafen und steuerte in Richtung Doggerbank. Um acht Uhr in der Früh trafen die verfeindeten Flotten aufeinander und eröffneten das Feuer. Die Seydlitz erhielt einen Treffer am hinteren Turm. Die Granate traf die Panzerung an einer schwachen Stelle, durchschlug sie, drang in das Schiff ein und explodierte. Viele weitere Kartuschen gingen in die Luft, eine 200 Meter hohe Stichflamme schlug aus dem Schiff. Über 150 Mann waren sofort tot, doch es hätte noch weit mehr Opfer geben können. Die Eisenwände und Ventile glühten vom Feuer, die schwer beschädigte Seydlitz drohte zu explodieren, denn im Schiff steckten noch reichlich weitere Granaten. In dieser Situation schlug Wilhelm Heidkamps große Stunde: Er stürmte zu den Ventilen im Schiffsinneren und öffnete sie. „Heidkamp greift mit bloßen Händen die fast glühenden Flutventilräder an, öffnet sie, man hört das Außenbordwasser durch die Steigrohre rauschen - die Gefahr ist beseitigt“, berichtet der Marinehistoriker W. Heinrich Deitert, der ebenfalls auf der Seydlitz fuhr. Mit schwersten Verbrennungen an den Händen konnte sich Heidkamp aus den mit Gas verhangenen Räumen an Deck flüchten. Dort brach er zusammen.

Die Seydlitz lief schwer beschädigt wieder in Wilhelmshaven ein. 165 Männer waren gefallen, aber 1400 Mann hatten überlebt. Nach seiner Genesung wurde Wilhelm Heidkamp wieder Pumpmeister auf der reparierten Seydlitz. Als Anerkennung erhielt er zahlreiche militärische Orden.

Nachdem Deutschland den Waffenstillstand unterschrieben hatte, geriet Heidkamp in englische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1920 wieder ins Bergische Land zurück. Da er wegen seiner Verletzungen nicht mehr als Schlosser arbeiten konnte, übernahm er den Gemischtwarenladen seines Vaters in Untereschbach. Er heiratete und hatte vier Kinder. Über die Ereignisse vom Januar 1915 soll er nie wieder gesprochen haben. „Sein Sohn musste ihm versprechen, niemals zur Marine zu gehen“, sagt der Heimatforscher Willi Fritzen, der sich mit dem Schicksal des gebürtigen Herkenrathers beschäftigt hat. Heidkamp starb im Oktober 1931 und wurde in Immekeppel beerdigt.

So hätte die Geschichte enden können, doch sie nahm einen anderen Verlauf. Ende der 30er Jahre - die Nationalsozialisten hatten die Macht an sich gerissen und die Zeichen standen auf Krieg - machten sich einige ehemalige Matrosen der Seydlitz auf die Suche nach ihrem Retter aus dem Ersten Weltkrieg. Beim Reichssender Köln wurde ihr Anliegen in der Sendung „Wo bist Du, Kamerad?“ ausgestrahlt. „Zunächst vermutete man Heidkamp in Süddeutschland“, erzählt Fritzen. Durch einen Tipp wurden die ehemaligen Marinesoldaten auf den Tod Heidkamps und das Grab in Immekeppel aufmerksam. Also verabredete man sich im Januar 1938 zu einer Kranzniederlegung. „Offizielles war nicht vorgesehen“, sagt Fritzen, und so trafen sich die Kameraden am Bahnhof in Untereschbach und zogen zum Friedhof weiter. Dort wartete eine faustdicke Überraschung auf die Männer: Die Kirchenglocken läuteten, überall wimmelte es von Offiziellen. Die Nationalsozialisten, stets auf der Suche nach deutschen Heldengeschichten, hatten von der Sache Wind bekommen. „Die haben das dann unglaublich aufgeblasen“, sagt Fritzen. Zeitungen aus ganz Deutschland berichteten über die Tat. Heidkamp wurde so nach seinem Tod zu einem Helden des „Dritten Reiches“ erklärt. Kurz vor Kriegsbeginn wurde nach ihm sogar ein Zerstörer benannt. „Bei meinen Recherchen fiel mir immer wieder auf, wie stark das Wissen über Heidkamp noch von der Propaganda der Nazizeit durchsetzt ist“, berichtet Fritzen.

Bei einem Besuch in England stieß der Overather Journalist und Heimatforscher Werner Pütz auf eine interessante Entdeckung. Dort liegt auf der Themse der ehemalige Kreuzer Belfast vor Anker, der inzwischen zum Museumsschiff umgebaut wurde. „In dem Schiff gibt es einen Raum zum Gedenken an Wilhelm Heidkamp“, erzählt Pütz. Warum der Raum? Auf der Seydlitz waren 1915 zahlreiche englische Kriegsgefangene. Die wären bei der Explosion ebenfalls gestorben und verdankten dem Herkenrather ihr Leben. Heute ist eine Straße in Immekeppel nach Heidkamp benannt.

Der Heimatforscher Willi Fritzen hält am Mittwoch, 20. Februar, in der Volkshochschule Overath / Rösrath um 20 Uhr einen Vortrag über Wilhelm Heidkamp. Anmeldungen bitte zeitig unter 02204 / 9 72 30.


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