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Crowdfunding: Der Schwarm mag kreative Projekte

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Mit dieser Menschenmenge könnte man dank Crowdfunding mindestens einen Kurzfilm finanzieren. Foto: dpa
Kleinvieh macht auch Mist: Crowdfunding, die Finanzierung von Projekten und Unternehmen über den „Schwarm“, etabliert sich auch in Deutschland. Gefragt sind kreative Ideen. Das Geschäftsmodell wird zunehmend auch für den Journalismus interessant.  Von 
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Köln

Dirk von Gehlen schreibt gerade an einem Buch mit dem Titel „Eine neue Version ist verfügbar“. Das ist nichts ungewöhnliches, viele Leute schreiben Bücher. Doch das Buch des Journalisten, das sich der Frage widmet, wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert, ist komplett über das Internet finanziert: Über 14.000 Euro hat er bisher von 350 Unterstützern über die Plattform Startnext erhalten.

Die Sammelphase ist abgeschlossen und seit Anfang des Jahres schreibt von Gehlen. Er befindet sich dabei im regen Austausch mit seinen Unterstützern. Das fertige Buch soll voraussichtlich im Mai erscheinen, mit unterschiedlichen Buchcovern und in unterschiedlichen Versionen. „Kultur soll nicht mehr Fertigprodukt sein, sondern in Versionen ausgeliefert werden“, erklärte der Autor in einem Zeitungsinterview und beweist sich dabei als findiger Geschäftsmann: Für zwölf Euro gibt es das E-Book, für 20 Euro das Basis-Buch und ab 100 Euro den „Backstage-Blick“. Seitdem über 12.000 Euro eingegangen sind, erhält jeder Unterstützer außerdem eine vom Autor selbst eingesprochene Audioversion.

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Crowdfunding, eingedeutscht Schwarmfinanzierung, heißt diese Form der Finanzierung, die meist über das Internet ins Rollen gebracht wird. Dort werden Ideen für Projekte, Produkte oder neue Geschäftsmodelle eigenständig oder über eine der zahlreichen Crowdfunding-Plattformen vorgestellt. Anzugeben ist dabei immer, wie viel Geld für die Realisierung bis zu einem festgelegten Ablaufdatum zusammenkommen muss. Dann heißt es abwarten. Jeder der eine vorgestellte Idee interessant und unterstützenswert findet, kann dann einen Beitrag seiner Wahl dazugeben, damit sie umgesetzt werden kann.

Auch für den Journalismus wird Crowdfunding zunehmend attraktiv.
Auch für den Journalismus wird Crowdfunding zunehmend attraktiv.
Foto: dpa

Wird der angestrebte Geldbetrag nicht innerhalb der Frist erreicht, so erhalten alle Unterstützer ihr Geld zurück. Tüftler, Autoren oder Entwickler können somit direkt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wird ihr Film, ihr Buch oder ihre neue Uhr finanziert, zum anderen erhalten sie bereits in der Sammelphase ein breites Feedback, ob ihr jeweiliges Produkt überhaupt gut angenommen wird.

Geschichten von erfolgreichem Crowdfunding gibt es mittlerweile haufenweise. Anfang des Jahres noch hatte der US-amerikanische Politik-Blogger Andrew Sullivan für Aufsehen in der Netzwelt gesorgt, als er — müde von zögerlichen Werbepartnern und Sponsoren — ein neues Blog angekündigte, auf dem es keinerlei Werbung geben soll. Stattdessen will der kontroverse Harvard-Absolvent die Leser seines Blogs selbst zur Kasse bitten: Jeder der mindestens 19,99 US-Dollar bezahlt, soll den Blog ein Jahr lang mitverfolgen können. Ab 1. Februar 2013 werden die ersten Artikel zu lesen sein.

Und bisher scheint es, als ginge das Konzept Sullivans auf: Einem Internetmagazin berichtete Sullivan, bereits in den ersten sechs Stunden 100.000 US-Dollar eingenommen zu haben — in den ersten 24 Stunden hätten 12.000 Abonnenten sogar 330.000 US-Dollar bezahlt.

Der Schwarm mag kreative Projekte

Noch erfolgreicher war im vergangenen Jahr der Computerspielentwickler Tim Schafer mithilfe von Kickstarter, einer der größten Crowdfunding-Plattformen. Für ein neues „Klick-Adventure“, bei dem Gegenstände gesammelt und Rätsel gelöst werden sollen, wollte Schafer, der auch an der Entwicklung des Spiele-Klassikers „Monkey Island 2“ beteiligt war, ursprünglich 400.000 US-Dollar vom Schwarm finanzieren lassen. Über 80.000 Unterstützer folgten seinem Aufruf und innerhalb eines Tages war bereits die Grenze von einer Million US-Dollar geknackt.

All diejenigen, die mindestens 15 US-Dollar in Schafers Spielidee investiert haben, bekommen nach Fertigstellung einen kostenlosen Download zur Verfügung gestellt. Wer mehr gespendet hat, bekommt weitere Belohnungen, darunter Autogramme der Produzenten, originale Konzeptzeichnungen und eine Dokumentation der gesamten Produktion. In wenigen Wochen gingen letztendlich insgesamt 3,3 Million US-Dollar bei Schafer ein. Seit dem Start der Plattform Kickstarter im Jahr 2009 konnten bisher mehr als 34.000 Projekte mit Hilfe von insgesamt über drei Millionen Unterstützern und Spenden in Höhe von 450 Millionen US-Dollar realisiert werden. Von jedem erfolgreichen Projekt gehen fünf Prozent des gesammelten Betrages an die Plattform selbst.

Crowdfunding
Startnext.de

Das Phänomen Crowdfunding hat nach der Musik- nun auch die Filmindustrie erreicht. In Hollywood werden erste Projekte erprobt, in Deutschland spendeten Tausende „Stromberg“-Fans, um den ersten Kinofilm des Fernsehhelden zu ermöglichen.

Auf Startnext.de und Dutzenden anderen auf Crowdfunding spezialisierten Internetseiten können auch Anfänger und Filmstudenten um Spenden für ihre Filmprojekte werben. Als Pionier der Branche gilt die Plattform ArtistShare.com. (ksta)

Und auch in Deutschland etabliert sich Crowdfunding als Finanzierungsform immer mehr. Ernst Fahling, Professor für Finance an der International School of Management (ISM) und Leiter des Standorts München, sieht darin „ein innovatives Finanzierungskonzept, um den Investorenkreis zu erweitern.“ In Deutschland befinde sich die Schwarmfinanzierung allerdings „erst am Anfang“.

Dennoch geht Fahling davon aus, dass sich „Crowdfunding in dem Maße weiterentwickeln wird, wie sich die Plattformen technisch weiterentwickeln werden.“ Wichtig dabei sei, dass es für die Unterstützer zu keinerlei Störungen, sowohl technischer und rechtlicher Art, als auch beim fertigen Produkt kommen dürfe. Nach Einschätzung des Finanzexperten ersetzt Crowdfunding jedoch nicht „die klassische Kreditfinanzierung durch Banken oder die Kapitalmarktfinanzierung, sondern ist ein ergänzendes Mittel, um neue, risikobehaftete Investitionen zu finanzieren.“

In der Filmbranche Deutschlands gibt es bereits einige Beispiele erfolgreichen Crowdfundings: Im Jahr 2012 hatten beispielsweise 3000 Investoren eine Million Euro zusammengetragen, damit ein Film zur Serie „Stromberg“ produziert werden kann. Die Dreharbeiten laufen inzwischen und jeder Investor soll an den Erlösen aus der Kinoauswertung beteiligt werden.

Ein anderer bekannter Film, der durch eine erfolgreiche Schwarmfinanzierung mediale Aufmerksamkeit erlangt hatte, ist der „porNEOgrafische“ Film „Hotel Desire“, der 2012 fertig gestellt wurde und mit Anna Maria Mühe und Saralisa Volm prominente Besetzung vorweist. Die Produktionsfirma Teamworx hatte es im Jahr 2011 innerhalb von nur drei Monaten geschafft, die Produktionskosten von 170.000 Euro über Crowdfunding zusammenzubringen.
Professor Eckhard Wendling, der an der Hochschule der Medien in Stuttgart Produktionsmanagement Film und TV lehrt, sieht in „Stromberg“ und „Hotel Desire“, zwei positive Ausnahmen erfolgreichen Crowdfundings.

Bei beiden Filmen sei allerdings bereits eine gewisse Basis oder „Crowd“ vorhanden gewesen: „Stromberg“ sei durch die Fernsehserie bereits eine erfolgreiche Marke gewesen und „Hotel Desire“ nicht ohne Grund von einer der größten Produktionsfirmen Deutschlands produziert worden. Wendling vermutet dahinter teils auch eine geschickt geplante PR-Kampagne — der Film hätte seiner Meinung nach aber auch anders finanziert werden können.

„Crowdfunding wird die klassische Filmfinanzierung nicht ersetzen können“, sagte Wendling, „ist aber eine interessante Alternative, um Projekte, die sonst nie das Licht der Leinwand erblicken würden, unter hohem und langwierigem persönlichen Einsatz doch noch realisieren zu können.“ Es sei beim Crowdfunding unabdinglich, die Unterstützer über persönlichen Kontakt und Interaktion langfristig zu binden und Vertrauen aufzubauen. Bei neuen, noch völlig unbekannten Ideen, gestalte sich das jedoch „sehr, sehr aufwendig“, so Wendling.

Massenfinanzierte Wissenschaft und Journalismus?

Doch nicht nur in den kreativen Bereichen wie Film, Musik oder Design wird die gemeinschaftliche Finanzierungsform immer beliebter: Seit Herbst 2012 gibt es über die Plattform Sciencestarter auch die Möglichkeit, wissenschaftliche Projekte und Forschung zu fördern.

Und auch für den Journalismus scheint Crowdfunding eine Finanzierungsmöglichkeit zu sein, wie beispielsweise die Plattform Spot.us zeigt: Seit Ende 2011 können Journalisten auf dieser Seite Themen vorstellen und um finanzielle Unterstützung für die Recherche werben.

Hierzulande befindet sich momentan die Crowdfunding-Plattform Krautreporter für den deutschsprachigen Raum im Aufbau. Ziel der Seite ist es, Geschichten zu ermöglichen, die normalerweise nicht finanziert werden würden, da bei Medienunternehmen das Geld dazu fehlt. Leser werden bei Krautreporter somit zugleich zu Förderern. Ob die Plattform tatsächlich Fuß fassen wird, muss sich zeigen. Der offizielle Start ist für Anfang 2013 angesetzt.

AUTOR
Benjamin Quiring
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