28.08.2016
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Neue Freiheit ohne Arbeit

Bild: Waldhäuser

Arbeit ist nicht alles: Die Zukunft könnte mit neuen Freiheiten und chancen aufwarten.

Das Bürgergeld könne

eine Antwort auf die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts sein.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Beck, am Beginn des 21. Jahrhunderts drohen überall Gefahren. Fährt der Fahrstuhl nach unten?

ULRICH BECK: Wenn man einen kosmopolitischen Blick auf die Entwicklung der Arbeitsgesellschaft wirft, so stellt man fest, dass in allen westlichen Gesellschaften ein Einbruch an Unsicherheit zu beobachten ist. Immer mehr gut bezahlte, feste Berufsarbeit wird durch fragile, vorübergehende Beschäftigungsverhältnisse ersetzt. Man kann in diesem Sinne von einer „Brasilianisierung“ der Arbeitsverhältnisse auch in Europa sprechen. Das hängt wesentlich mit den Bedingungen einer fortschreitenden Globalisierung zusammen, in der Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Regionen der Welt einerseits und andererseits innerhalb der jeweiligen Nationalstaaten grundlegend verändert wird.

Die Globalisierung bietet sicherlich Gefahren, möglicherweise aber auch Chancen?

BECK: Viele Jahre hatten wir die Vorstellung, dass immer alles besser geht. Insbesondere auch die Eltern hofften, dass ihre Kinder mehr Bildungschancen, mehr Berufschancen haben werden. Diese Perspektive beginnt sich zu drehen. Wir haben es gerade auf dem Hintergrund des erreichten Wohlfahrts- und Sicherheitsniveaus mit einer Entwicklung zu tun, die, um das Bild des Fahrstuhls zu bemühen, nach unten fährt. Wir müssen radikal neue Alternativen bedenken.

Welche wären das?

BECK: Immer mehr Menschen drohen aus der Gesellschaft herauszufallen. Ist da die Idee der Vollbeschäftigung wirklich noch die richtige Antwort? Ich glaube, wir müssen angesichts sich verhärtender Massenarbeitslosigkeit und Armut in Deutschland die Frage aufwerfen, wie kann man in diesen Land ein sinnvolles Leben führen, auch wenn man keinen Arbeitsplatz findet?

Was bedeutet das für den Einzelnen? Muss er sich anderen Lebenszwecken zuwenden und sich mit dem Konsumverzicht vertraut machen?

BECK: Wenn man diese Frage ernst nimmt, dann fällt zunächst auf, dass die negative Bewertung der Arbeitslosigkeit, die wir ganz selbstverständlich unterstellen, in der ganzen Breite der Politik als auch in der Gesellschaft selbst, neu überdacht werden muss. Denn Arbeitslosigkeit ist ja, anders betrachtet, ein Ausdruck des Sieges der Modernisierung der Arbeitsgesellschaft, in der immer weniger menschliche Arbeitskraft erforderlich ist, um ein Maximum an Ergebnissen zu erzielen. Je produktiver eine Gesellschaft ist, desto weniger Arbeit hat sie zu bieten. Diese Einsicht führt zurück auf eine Utopie, die ursprünglich der Idee der Arbeitsgesellschaft innewohnte, nämlich, dass irgendwann auch mal der Zeitpunkt kommt, in dem wir von dem Joch der Arbeit freigesetzt werden. Ich glaube, dieser Zeitpunkt ist gekommen. Wir müssen neu überlegen, wie wir Freiheit, soziale Sicherheit und Demokratie jenseits der Erwerbslosigkeit neu begründen können. Konkreter gesagt: wie wir Arbeit und Einkommen voneinander abkoppeln können. Wie es also möglich ist, auf der einen Seite ein bedingungsloses Bürgereinkommen zu garantieren und auf der anderen Seite neue Möglichkeiten zu eröffnen, die eigene schöpferische Kreativität zu entfalten und auch neue Zentren für soziale Identitäts- und Praxisbildung zu entwickeln?

Der Staat gewährt den Seinen ein Bürgergeld, sagen wir in Höhe von 1200 Euro?

BECK: Plus Weihnachtsgeld. Das meine ich ironisch. Das wird er nicht schaffen. Aber schon wenn er anfangen würde bei 800 Euro, ist das eine Perspektive, mit der man sein Leben neu organisieren kann. Allerdings stehen wir ganz am Anfang einer solchen Diskussion. Dieses Bürgergeld wäre beispielsweise zu finanzieren durch den Wegfall der Sozialkosten und der Sozialbürokratie und auch durch eine Konsumsteuer. Es entfiele die Kontrolle, sich permanent beim Arbeitsamt zu melden. Es entstünde eine neue Freiheit jenseits der Erwerbsarbeit nach dem Motto: Freiheit statt Vollbeschäftigung.

Gibt es eine Unterschicht? Ihre Profession wurde in diesem Zusammenhang ja als „weltfremd“ bezeichnet.

BECK: Man kann soziale Ungleichheit, sozialen Ausschluss nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man das Wort „Unterschicht“ nicht mag und verbietet. Man kann sich nicht einfach über 50 Jahre begrifflicher Sozialforschung hinwegsetzen, wie es Müntefering tut, und seine Meinung zum Maßstab der Politik erheben. Das ist ein Zeichen des fehlenden Respekts vor sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen, vor allem aber auch vor den Menschen, die Armut erleiden. Allerdings sind die Phänomene der verhärteten Armut, mit denen wir es heute zu tun haben, nicht einfach unter den Begriff der Unterschicht zu subsumieren. Das hat wiederum mit den genannten Verschiebungen zu tun. Aufgrund der höheren Produktivität der Arbeit und der neuen Austauschbarkeit von Arbeit in globalen Verhältnissen, werden immer mehr Menschen in den Wohlfahrtsstaaten - ich wage es kaum auszusprechen - nicht mehr „gebraucht“. Die Unternehmen können ihre Gewinne maximieren, ohne dass sie auf diese Menschen zurückgreifen müssen. Die Erschütterung, die viele Menschen erfasst, hat auch mit der äußerst bitteren Einsicht zu tun: Diese Armut ist die Konsequenz aller Versuche, sie zu überwinden. Die Hoffnungslosigkeit ist die andere Seite der verlorenen Utopie.

Dann muss ein neuer Gerechtigkeitsdiskurs angestoßen werden.

BECK: Das ist das Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist nicht mehr nur eine moralische Frage an die Gesellschaft, an ihre Humanität, sondern sie ist mehr und mehr zu einer Frage geworden, die auf den Kern der Machtfrage in der Gesellschaft zielt. Die Parteien, die ja generell an Glaubwürdigkeit und Zustimmung bei den Bürgern verlieren, müssen sich darauf besinnen, dass das Zentrum der Politik die Gerechtigkeitsfrage ist.

Stehen wir vor einer sozialen Explosion, die mit Gewalt einhergeht?

BECK: Soziologen sind keine Hellseher. Aber ein Drittel der Gesellschaft schlittert ins Abseits. Die Mitte unserer Gesellschaft sieht sich, insbesondere nach den Hartz-IV-Reformen, von der Möglichkeit eines Absturzes betroffen. In dieser Situation wachsender Unsicherheit bis in die Mitte der Gesellschaft hinein, ist es durchaus möglich, dass die Ruhe, die wir heute noch erleben, in eine explosive Situation umschlägt. Es war Peter Glotz, der schon vor

Jahren gewarnt hat, dass bei der Suche und Findung eines neuen Gesellschaftsvertrages es letzten Endes auch für die Reichen und Wohlhabenden dieser Gesellschaft darum geht, ein gelungenes Leben in Sicherheit führen zu können.

Wer ist der Schuldige an dieser Entwicklung, der Kapitalismus?

BECK: Der Kapitalismus ist wahrscheinlich die produktivste und kreativste Wirtschaftsform, die die Geschichte entwickelt hat. Gleichzeitig ist es auch die Form, die die eigenen sozialen und kulturellen Grundlagen aufzehrt. Darauf hat im 20. Jahrhundert der Wohlfahrtsstaat geantwortet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind wir offenbar wieder einmal an einem solchen Wendepunkt angekommen, wo nicht mehr ausgeschlossen werden kann, dass der globalisierte Kapitalismus die Voraussetzung der wohlfahrtsstaatlichen Sicherheit und damit auch die Voraussetzung der Demokratie gefährdet. Darauf müssen wir mit neuen politischen Alternativen - Beispiel Grundeinkommen - antworten.

Das Gespräch führte

Michael Hesse


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