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Kraftwerk: Anwohner unter Höchstspannung

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Auf 1,5 Kilometern Länge soll die Starkstromleitung unter dem Niehler Damm verlegt werden. Foto: Schöneck
Im geplanten Starkstromkabel entlang des Niehler Damms sehen viele Anwohner ein Risiko. Zur Magnetfeldbelastung gibt es aber widersprüchliche Studien. Der Stromversorger Rhein-Energie will den Dialog fortführen.  Von
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Das entlang des Niehler Damms geplante Starkstrom-Erdkabel mit 380 000 Volt Spannung scheint unabwendbar – und die Alt-Niehler befürchten Gesundheitsschäden wegen des durch den Stromfluss entstehenden Magnetfeldes. Auch mit einem jahrelangen Baustellen-Chaos sei zu rechnen. Beim Informationsabend im Pfarrheim St. Katharina gelang es jetzt dem mehrheitlich städtischen Stromversorger Rhein-Energie nur begrenzt, die Ängste der Anwohner zu zerstreuen und sie für den Heizkraftwerks-Neubau im Niehler Hafen zu erwärmen, der das Kabel nötig macht. „Für mich ist die Debatte hier noch nicht beendet – nicht die Rhein-Energie regiert Niehl“, bilanzierte eine Bürgerin nach der mehr als dreistündigen Marathon-Debatte. „Mir ist immer noch nicht klar, warum die Leitung nicht über die Industriestraße führen kann.“

Der Pfarrsaal wurde zum Hexenkessel

Neben Bezirksbürgermeister Bernd Schößler (SPD) als Moderator waren von der Rhein-Energie unter anderem Ulrich Wiesmann, Projektleiter des Netzanschlusses, der Kraftwerkssparten-Leiter Karsten Klemp sowie Netz- und Technikvorstand Andreas Cerbe anwesend – außerdem Heinrich Brakelmann, Professor für Energietransport und -speicherung an der Universität Duisburg-Essen. Auf der anderen Seite die Anwohner – mit dem Bürgervereins-Vorsitzenden Werner Knappmeier und Hermann-Josef Willems vom Netzwerk „Niehl aktiv“, das sich wegen des Leitungs-Vorhabens gegründet hat. Auch 280 Zuschauer waren gekommen, sie verwandelten den Pfarrsaal in einen Hexenkessel. Noch wesentlich mehr hatten die Debatte mitverfolgen wollen, doch mussten sie wegen der Saal-Kapazitätsgrenze draußen bleiben.

Das Starkstromkabel soll das bis 2016 geplante Heizkraftwerk Niehl III über Alt-Niehl, Merkenich und Leverkusen an den Strom-Einspeisepunkt in Opladen anschließen. Schon am 6. Mai soll der Bau der Leitung beginnen – jedoch zunächst nicht im 1,5 Kilometer langen Abschnitt des Niehler Damms. „Ich hätte gerne ein Haus am Damm erworben – doch dort stand keines zum Verkauf, als sich suchte“, beteuerte Cerbe, der neu in den Stadtteil gezogen ist. „Wir fühlen uns den Bürgern verpflichtet und stellen den Unternehmenserfolg nicht über ethische Aspekte, schon gar nicht über Gesetze.“

Kabel entlang der Industriestraße unmöglich

Wiesmann erläuterte den Gästen erneut, warum aus Sicht der Rhein-Energie die zunächst favorisierte Kabelverlegung entlang der unbewohnten Industriestraße unmöglich sei. „Diese schien uns zuerst sehr geeignet, weil dort keine Leitungen liegen. Jetzt wissen wir auch warum – wegen der zahlreichen Hindernisse und Brücken.“ Besonders heikel seien der U-Bahn-Schacht der Linie 16 zwischen Amsterdamer und Sebastianstraße sowie die Brücke der Industriestraße an der Sebastianstraße. „Es ist uns nicht möglich, mit dem Kabel durch den Brückenbeton zu gehen – und auch nicht dran vorbei, weil sich dort Bauwerke befinden. Und unter die Brücke hängen können wir die Leitungen schließlich auch nicht.“ Weitere Probleme gebe es am Niehler Ei, der Kreuzung Geestemünder Straße und dem Übergang zur Emdener Straße.

Zur Anwohnerbelastung am Niehler Damm betonte er: „Nur an vier Häusern, die sehr nahe an der Leitung liegen, gibt es bei Voll-Last drei bis sechs Mikrotesla – die Maßeinheit für magnetische Flussdichte –, um diese Häuser werden wir uns gesondert kümmern. 97 Prozent der Häuser liegen dagegen bei weniger als drei Mikrotesla Zusatzbelastung.“ Es gebe etwa in Kopenhagen und Wien Höchstspannungskabel, die noch näher an Häusern liegen und wo die Stromstärke in Ampère – von der das Magnetfeld abhängt – höher sei. „Der Regelbetrieb des neuen Heizkraftwerks mit 450 Megawatt elektrischer Leistung liegt nur bei halber Kraft – damit sinkt entsprechend die Magnet-Belastung“, ergänzte Klemp.

Hohe Magnetstärke möglicherweise krebserregend

In die Welt der Physik führte die Besucher Heinrich Brakelmann ein – und warnte davor, die Magnetfeldbelastung zu dramatisieren. Zwar habe eine Studie auf eine erhöhte Leukämie-Häufigkeit bei Kindern hingewiesen, die im Umfeld einer Starkstromleitung leben – doch die Ergebnisse seien wegen der geringen Fallzahl mit Vorsicht zu genießen. „Eine hohe Magnetstärke wird offiziell als möglicherweise krebserregend eingestuft – doch als möglicherweise krebserregend gilt auch der Genuss von Kaffee und Essiggurken.“ Der deutsche Grenzwert liege für Wohngebäude bei 100 Mikrotesla – ein Vielfaches über dem Niehler Wert. Auch die Leitungswärme sah er als geringfügig an. „Direkt an der Außenhülle ist es über 40 Grad warm, doch in 20 Zentimetern Tiefe unter der Straße beträgt die zusätzliche Erwärmung nur noch 1,4 Grad.“

Dialog soll weitergehen

Viele Besucher rügten auch die ihrer Meinung nach zu kurzfristige Information. „Wir hatten zu wenig Zeit, uns vorzubereiten“, so Willems. Zahlreichen Anwohnern war die Magnetbelastung nicht geheuer – auch wenn die schon bei Haushaltsgeräten wie Staubsauger oder Rasierer sowie im Innenraum einer Bahn entsteht. „Meinen Rasierer benutze ich bis zu fünf Minuten am Tag, das Kabel aber strahlt 24 Stunden lang – nennen Sie das einen fairen Vergleich?“ so ein Gast.

Cerbe versprach, die Bewohner weiter ins Projekt einzubinden. „Es bleiben als Problemfelder die Bauaktivität sowie die physischen und auch psychischen Wirkungen des Kabels“, resümierte er. „Wir müssen eine geordnete Form des Dialogs finden.“ Der geht bald weiter: Auch im Mai ist ein Treffen geplant. Zeit und Ort gibt die Rhein-Energie noch bekannt.

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