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PC-Lernstation: Zum Lesenlernen in die Bücherei

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Martina Morales vom Verein „Lernende Region – Netzwerk Köln“ demonstriert den Besuchern die PC-Lernstation in der Bibliothek. Foto: Schöneck
Wer in unserer Gesellschaft nicht lesen und schreiben kann, benötigt viele Tricks, um durch den Alltag zu kommen. Ein neues Angebot zum Lesen lernen der Stadtbibliothek Nippes hilft Analphabeten und stößt auf großes Interesse.  Von
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Weidenpesch/Nippes

Lagerarbeiter Didi wünscht sich nichts sehnlicher, als den Führerschein zu machen, um mit seiner Freundin Ausflüge im Auto unternehmen zu können. Doch da er nicht ausreichend lesen kann, ist die Theorieprüfung für ihn ein unüberwindliches Hindernis. Im Alltag mogelt er sich unterdessen mit Tricks durch: Statt an Straßenschildern orientiert er sich an markanten Punkten im Stadtgebiet – und wenn er etwas vorlesen oder ausfüllen soll, hat er gerade mal seine Brille verlegt oder sein Arm ist verstaucht. „Immer lebt er mit der Angst, dass sein Geheimnis entdeckt wird“, heißt es in einem Stück über die Probleme von Analphabeten im Alltag, das eine Artistengruppe in einem amüsanten Schauspiel veranschaulicht hat – jetzt wurde es als Video in der Nippeser Stadtteilbibliothek gezeigt. Didi entschließt sich jedoch, einen Alphabetisierungskursus zu besuchen – und lernt endlich richtig Lesen und Schreiben. Führerschein, Autokauf, Hochzeit, Happy End.

Diese Geschichte könnte ab sofort auch in Nippes spielen. Denn im Obergeschoss der Bücherei im Bezirksrathaus an der Neusser Straße 450 hat nach den Standorten in Chorweiler, Mülheim und Kalk das vierte Lernstudio für Alphabetisierung und Grundbildung der Stadt eröffnet. Hier stehen Leseschülern zwei PCs mit Lernprogrammen, Bücher und Zeitungen in leichter Sprache zur Verfügung, die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Einrichtung stehen ihnen zur Seite. Nun eröffneten Jakob Schüller von der Volkshochschule, die stellvertretende Bibliotheks-Leiterin Carolin Köhnen, Martina Morales vom Verein „Lernende Region – Netzwerk Köln“ und Frank Daniel, Leiter der Abteilung Digitale Dienste der Stadtbibliothek, das Angebot offiziell.

Auch Angebote im Internet

Screenshot der PC-Lernstation.
Screenshot der PC-Lernstation.
Foto: Schöneck

„Es haben sich bei unserer ersten Führung schon acht Leute angemeldet“, freute sich Köhnen. „Wir haben die Räumlichkeit mit den PC-Stationen bewusst so gestaltet, dass die Teilnehmer etwas abgeschirmt sind, der Bereich aber dennoch in die Bibliothek integriert ist.“ Währenddessen demonstrierte Morales den rund 20 Eröffnungs-Besuchern das E-Learning-Angebot der voreingestellten Website ich-will-lernen.de. „Es ist natürlich auch von zu Hause aus nutzbar, bereits mehr als 400 000 Lernende sind dort registriert“, so Morales. Auch die Türkei habe inzwischen das interaktive Lernmodell adaptiert, um dortigen Analphabeten zu helfen. Auch abseits des neuen Projektes freue sie sich über die steigende Bedeutung ihrer Einrichtung. „Die Stadtteilbibliotheken wandeln sich immer mehr zu Treffpunkten, gerade für Jugendliche, die hier zusammen lernen.“

Teilnehmer des Lernmodells berichteten immer häufiger von positiven Veränderungen in ihrem Alltag, je mehr Lese- und Schreibkenntnisse sie entwickelten, so Schüller. In der benachbarten VHS bietet er unterstützende Deutschkurse an – hier zahle sich die Nähe zur Bibliothek aus. „Oft sind es die Kinder, die Teilnehmer motivieren, in die Bibliothek zu gehen.“

Die Kenntnisse im Lesen und Schreiben werden in Stufen eingeteilt

Beim Analphabetismus ist zwischen „primärem“, „sekundärem“ und „funktionalem“ Analphabetismus zu unterscheiden.

Primäre Analphabeten haben niemals Lesen und Schreiben gelernt, sekundäre dagegen ihre Kenntnisse wieder vergessen. Von funktionalem Analphabetismus spricht man dagegen, wenn die Betroffenen zwar ein wenig lesen und schreiben können, diese Fähigkeiten aber unzureichend sind, um an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilzunehmen.

Lese- und Schreibkenntnisse werden in „Alpha-Stufen“ von 1 bis 6 klassifiziert. Angehörige der ersten drei Stufen können einzelne Buchstaben und geläufige Wörter, die meisten Wörter oder sogar ganze Sätze verstehen – aber in der Regel keine Textzusammenhänge begreifen.

Innerhalb dieser drei Stufen liegt laut der Definition „funktionaler Analphabetismus“ vor.

Laut der Hochrechnung einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 gibt es demnach rund 7,5 Millionen funktionale Analphabeten zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland – dies wären rund 100 000 in Köln. Hinzu kommen weitere rund 13,3 Millionen Bundesbürger in der gleichen Altersgruppe, die zwar einfache Texte verstehen können, jedoch massiv fehlerhaft schreiben (Alpha-Stufe 4). Die Betroffenen zählen damit zwar nicht mehr zu den funktionalen Analphabeten, vermeiden es jedoch im Alltag ebenfalls häufig, zu lesen oder zu schreiben.

Von Lese- und Schreibschwierigkeiten sind Männer im Allgemeinen weit häufiger betroffen als Frauen.

Bemerkenswert: 57 Prozent der funktionalen Analphabeten sind berufstätig. Von den rund 7,5 Millionen Menschen ist außerdem nur knapp jeder Fünfte ganz ohne Schulabschluss; fast 48 Prozent haben einen Hauptschul-, 19 einen Realschul- und mehr als zwölf Prozent sogar einen noch höheren Abschluss. (bes)

www.alphabetisierung.de

Öffnungszeiten und Info

Das Angebot des Lernstudios für Alphabetisierung und Grundbildung ist zu den regulären Öffnungszeiten der Stadtteilbibliothek nutzbar.

Diese öffnet täglich außer mittwochs ihre Türen:

Montag und Dienstag von 12 bis 18 Uhr,

Donnerstag von 11 bis 19 Uhr,

Freitag von 10 bis 18 Uhr und

Samstag von 10 bis 14 Uhr.

Auch Ehrenamtler sucht das Team noch. Sie werden vor Ort auf ihre neue Tätigkeit vorbereitet und können sich in der Bücherei im Bezirksrathaus an der Neusser Straße 450 melden. (bes)

www.ich-will-lernen.de

www.alfa-telefon.de

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