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Proberäume: Bahn-Denkmäler von Abbruch bedroht

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Auf Studiosuche: Die Kölschrocker von „Kasalla“ bei einer Session in ihrem Noch-Proberaum im historischen Bahnhofsgebäude.  Foto: Schöneck
Um Platz für die geplanten ICE-Wartungshallen zu schaffen, will die Bahn das Gebäude des einstigen Nippeser Verschiebebahnhofs aus den 1920er Jahren abbrechen. Die Kölschrocker von Kasalla haben hier ihren Proberaum.  Von
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Bilderstöckchen/Nippes

Dem Stadtbezirk könnte ein weiteres Zeugnis aus seiner Eisenbahn-Ära verloren gehen. Um Platz für die geplanten „ICx“-Wartungshallen für Fernzüge zu schaffen, will die Bahn das Stationsgebäude des einstigen Nippeser Verschiebebahnhofs aus den 1920er Jahren abbrechen. Auch das benachbarte, mehr als 100-jährige Stellwerk soll weichen. Beide Gebäude liegen mittig auf dem Bahndamm, etwa auf Höhe des Straßentunnels zwischen Longericher Straße und Etzelstraße.

Ursprünglich wollte die Bahn das „ICx“-Werk, das 2017 fertig sein soll, im äußersten Westen des Bahndamms bauen – direkt an Bilderstöckchen grenzend. Doch die Immobilientochter der DB hatte die betreffenden Parzellen an einen Investor verkauft – die DB Fernverkehr, die Bauherrin der Wartungshallen ist, müsste das Areal teuer zurückkaufen. Deshalb wolle die Bahn nun „eine Variante weiterverfolgen, die auf eigenen Grundstücken realisierbar ist“, wie sie der Nippeser Bezirksvertretung zuvor mitteilte.

Abbruch hätte Folgen für die Musikszene

Der alte Bahnhof aus der Zeit um 1925 ist als Denkmal registriert...
Der alte Bahnhof aus der Zeit um 1925 ist als Denkmal registriert...
Foto: Schöneck

Nicht nur für das industriehistorische Erbe, sondern auch für die Musikszene hätte der Abbruch Folgen: Im Bahnhof sitzt seit 15 Jahren der Verein „Pro-Ton“, der dort Band-Proberäume eingerichtet hat. Zum 30. Juni hat er von der Bahn die Kündigung erhalten. Beim Ortstermin mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ an einem Vormittag ist die kölsche Jung-Combo „Kasalla“ im Gebäude. „Wir wussten bis vor Kurzem noch gar nichts, derzeit stehen wir wie der Ochs’ vorm Berg“, berichtet Leadsänger Bastian Campmann.

Auf ihrer Facebook-Präsenz sucht die Band bereits nach neuen Räumen. Sie bedauert es, das Haus verlassen zu müssen. „Die Lage hier auf dem Gelände ist sehr schön und man konnte ungestört proben – auch wenn wir mit unserer Ausrüstung die Treppe hoch müssen“, so Schlagzeuger Nils Plum.

Baudenkmal steht unter Schutz

...ebenso wie das benachbarte Stellwerk, das bereits um 1910 entstand.
...ebenso wie das benachbarte Stellwerk, das bereits um 1910 entstand.
Foto: Schöneck

In die Sache schaltet sich nun die Bezirksvertretung Nippes ein. Einstimmig beschloss das Gremium einen SPD-Antrag an Rat und Verwaltung, in die Beratung des Abbruchvorhabens einbezogen zu werden – hilfsweise will das Stadtteilparlament bei Ausgleichsvorhaben mitreden, sollte das Denkmal beseitigt werden. Winfried Steinbach machte in der Sitzung seinem Zorn über das Vorgehen von Bahn und Denkmalpflege deutlich Luft. „Seit wann werden Denkmäler abgerissen, wenn für den Besitzer ein finanzieller Vorteil dabei herausspringt“, kritisierte er die Intention der Bahn, das Areal zu bebauen. Anders als behauptet, stehe der Bahnhof nicht leer. „Gerade noch ist für 2000 Euro Heizöl eingelagert worden; die Musiker lassen die Gebäudeschäden nach besten Möglichkeiten reparieren.“ Zudem genieße ein Baudenkmal wie der Bahnhof nach Landesrecht ausdrücklichen Schutz. Eine Nutzung könne sogar zwingend sein, wenn sie helfe, das Denkmal zu erhalten. Genau so sei es im Falle der Musiker, die den Bahnhof pflegten und mit ihrer Miete beitrügen, ihn zu bewirtschaften, so Steinbach. Simpel ausgedrückt, ist rechtlich zwar auch der Abriss eines Denkmals möglich. Hierzu braucht es aber eine Abwägung mit öffentlichen Interessen. Bei einem Abbruch aus Kostengründen muss der Eigentümer nachweisen, dass ein wirtschaftlich zumutbarer Erhalt nicht möglich ist.

Bewilligung der Stadt schockiert

Auch Dieter Ortsiefer von „Pro-Ton“ ist traurig, den Bahnhof verlassen zu müssen. „Bisher dachten wir, dass man uns trotz der Pläne für die Wartungshallen verschont; ich bin enttäuscht, dass die wundervollen Denkmäler nicht erhalten werden.“ Von Beginn an habe man sich um die Gebäude gekümmert. „Als wir einzogen, war das Dach marode, Feuchtigkeit fraß sich durch die Etagen“, erinnert er sich.

Man habe seitdem viel saniert. „Gleichzeitig haben wir in den 15 Jahren einen sechsstelligen Betrag an Miete gezahlt.“ Nun suchten bis zu 15 Bands mit rund 60 Musikern neue Räume – das sei nicht einfach. „Für ein vergleichbares Budget bekommt man nur Kellerlöcher. Soll es etwas Vernünftiges sein, wird es teuer.“ Am meisten erschrecke ihn aber, dass die Stadt den Abbruch bewilligt habe. „Ich bin geschockt, dass sich ein Amt mit Kontrollfunktion über Regeln hinwegsetzt, die Normalbürger penibel einhalten müssen – etwa bei Wohnhäusern mit Denkmalschutz“, betont er.

„Im Rahmen der Baufeld-Freilegung ist es nötig, die Gebäude abzubrechen“, bestätigt NRW-Bahnsprecherin Andrea Brandt die Pläne. Doch auch bei der zunächst beabsichtigten Lage der Wartungshallen hätten die Monumente im Weg gestanden und weichen müssen, wie sie betont. Zudem habe sich eine DB-Tochter um Ersatzräume für die Bands bemüht. „Wir konnten jedoch keine geeigneten Objekte in unserem Bestand finden“, so Brandt.

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