28.08.2016
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Nachgeholt: Das erwartet die Besucher beim Karnevalszug in Düsseldorf

Wagen Düsseldorf
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dpa

Düsseldorf -

Es ist kalt in der Wagenbauhalle an Düsseldorfs Merowinger Straße. Kalt, kalt, saumäßig kalt. Hier drinnen ist die Heizung auf zehn Grad heruntergefahren, damit das Wurfmaterial auf den Wagen keine Schaden nimmt. Draußen fällt sanft der Schnee. Zerfließt zu Pfützen, Brei und grauer Matsche.

„Hoffentlich haben wir am Sonntag besseres Wetter“, sagt Wolfgang Becker (72), bis vor zwei Jahren Wagenbauleiter des Düsseldorfer Rosenmontagszugs. Seitdem sitzt er im Beirat des Festkomitees. Becker ist warm angezogen , und er hat viel zu tun an diesem Morgen. In wenigen Tagen soll der ausgefallene Düsseldorfer Karnevalszug nachgeholt werden. Noch weiß niemand, wie viele Fußtruppen teilnehmen werden, und Becker reicht es allmählich.

Absage in letzter Minute

Erst die Absage des Zuges in letzter Minute, genauer: um 8.15 Uhr am Rosenmontagsmorgen. Becker war vor Ort. Die ersten Wagen standen bereits startklar auf dem Hof der Wagenbauhalle. Das junge Prinzenpaar saß in der Hofburg beim Frühstück. Und in der Königsallee fegte Sturmtief Ruzica fröhlich pfeifend die ersten Ziegel von den Dächern.

„Natürlich mussten wir absagen“, knurrt Becker. „Wegen der Versicherung. Auch wenn mittags die Sonne rauskam und uns alle fragten, ob wir eigentlich blöd sind.“ Zum Glück trägt eine Ausfallversicherung die Kosten für die Verschiebung des Zuges. Behände klettert Becker auf Wagen Nummer sechs. Dessen Motto lautet: „Mer stonn alle zesamme!“

Rund 70 Wagen warten in der rund 4000 Quadratmeter großen Halle, einem ehemaligen Depot der Rheinbahn, auf ihren Einsatz. Der Prinzenwagen mit den beiden Füchsen als Zugtiere, in dem Hanno I. und Venetia Sara bereits am 8. am Februar im Triumphzug durch Düsseldorf fahren sollten. Der Zugleiterwagen mit den roten Marienkäfern, der aussieht wie eine Spielzeuglok. Und natürlich einige von Jacques Tillys Mottowagen.

An Wagen sechs hängt außen eine große Weltkugel. Drinnen herrscht das Chaos: Popcorn in Beuteln, Plastiksäcke mit Wurfmaterial, Kisten voller Mars- und Snickers-Riegel. Das war auch noch so eine Sache. Der Mars-Skandal. „Der war das i-Tüpfelchen obendrauf“, sagt Becker. „Und das alles nur wegen so einem winzigen Stück Plastik. Das sch... man doch wieder aus.“

250 000 Schokoriegel müssen bis zum kommenden Sonntag aussortiert werden. Gegen Mittag wird auch heute wieder ein Trupp Freiwilliger anrücken und sich mit klammen Fingern ein paar Säcke mit bunt gemischtem Wurfmaterial vornehmen. „Jeder Sack muss einzeln durchgesehen werden. Die Leute sind misstrauisch. Die schmeißen uns das Zeug doch zurück auf die Wagen, wenn wir was von den alten Riegeln übersehen.“

Becker seufzt. Die Sache mit der neuen U-Bahn-Linie lässt ihn da fast schon kalt. „Die fuhr an Rosenmontag noch nicht. Inzwischen ist sie in Betrieb, und an einer Stelle hängen die Drähte so tief runter, dass der Sicherheitsabstand zu den Leuten auf den hohen Wagen weniger als 50 Prozent beträgt.“

Also müsse man die Jecken rechtzeitig warnen. „Wir stellen an der Stelle ein paar Scherenbühnen auf. Dort stehen dann Leute, die gucken, ob auf den Wagen auch wirklich keiner mehr aufrecht steht. Wir wollen ja nicht, dass einer als Frikadelle zurückkommt.“ Auch das neue Sicherheitskonzept steht inzwischen und entspricht zu 85 Prozent dem alten vom 8. Februar.

In einem Verschlag in einer Ecke der Halle hockt auf einem durchgesessenen Sofa Jacques Tilly und reibt sich die Hände warm. Sein fahl-roter Anorak ist mit Farbtupfern übersät. An der Wand hängt eine Uhr, die einmal eine Langspielplatte war. Vor Tilly steht eine Packung mit einer Keksmischung, die er den Gästen gleich anbieten wird. Ein Kaffee gegen die Kälte? Auch wenn es nur einfacher Pulverkaffee ist? Milch? Er eilt davon.

Deutschlands bekanntester Wagenbaukünstler

Jacques Tilly, 52 Jahre alt, in Düsseldorf geboren, ist Deutschlands bekanntester Wagenbaukünstler und der politische Kopf des Düsseldorfer Rosenmontagszugs. Auch er hat viel zu tun in diesen Tagen. Zwölf Mottowagen hatte er in dieser Session für den Zoch gestaltet, einer böser als der andere. Sechs davon hat er nach der Absage des Zuges demontiert, um sie durch neue, aktuelle Motive zu ersetzen. Furore gemacht haben sie trotzdem: Tillys Mottowagen wurden an Rosenmontag während eines Sonnenlochs auf dem Düsseldorfer Rathausplatz gezeigt.

Besonders der „Polenwagen“ sorgte für Ärger. Er zeigt Parteichef Jaroslaw Kaczynski, der mit dem Stiefel eine vor ihm kniende Frau niederhält, die Polen symbolisieren soll. „Der ging um die ganze Welt“, sagt Tilly und blättert versonnen in einer Mappe mit Artikeln aus den USA, aus Russland, Polen und China. „In Polen bin ich Staatsfeind Nummer eins. Die polnische Regierung hat sich offiziell beschwert. Einer schrieb mir sogar, ich solle es bloß nicht wagen, meine »dreckigen Füße« auf polnischen Boden zu setzen.“

Einen Hauptgewinn nennt Tilly Reaktionen wie diese. „Alles, was mit Tabubruch zu tun hat, liegt mir.“ Auch der „Trump-Wagen“ schaffte es weltweit in die Schlagzeilen. Zu sehen ist US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump mit gigantischer Föhnfrisur und dem Slogan „Make Fascism Great Again“ – macht den Faschismus wieder groß. Vier Wochen später ist von dem Aufbau nur noch die türkisfarbene Freiheitsstatue übriggeblieben, die Trump eine lange Nase dreht und jetzt etwas verloren in der Halle steht. „Der Wagen war eine Anspielung auf die verlorene Wahl in Iowa“, sagt Tilly. An Rosenmontag brandaktuell, heute so abgestanden wie altes Bier.

Mit dabei hingegen: Tillys nach wie vor aktueller Wagen zu den sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln und Düsseldorf. Er wird begleitet vom Gleichstellungsbüro der Stadt Düsseldorf und der Frauenberatungsstelle, die als Fußgruppe mitgeht.

„Die Witze müssen im Moment zünden“, so Tillys Credo. Und deswegen arbeiten seine fünf Mitarbeiter und er gerade unter Hochdruck an sechs neuen Wagen. Wie die aussehen werden, das ist geheim. „Zutritt nur für das Tilly-Team“ steht auf einem Hinweisschild an dem großen grauen Arbeitszelt auf dem Hof. Angst, dass ihm nichts mehr einfällt? Tilly schüttelt den Kopf. Einem wie ihm fällt immer etwas ein, auch wenn das Team allmählich meutert. „Die Leute sind ausgelaugt und waren »not amused« darüber, dass der Zug nachgeholt wird. Das ist wie bei einem Fußballspiel, das in die Verlängerung geht.“

Tilly sieht das etwas anders. „Ich bin Workaholic, und diese neue Chance, schöne Gemeinheiten über die Straße fahren zu lassen, macht mir einfach Spaß.“ Prinz Hanno I. trägt an diesem Nachmittag weißes T-Shirt, weiße Strümpfe, Prinzenhose und Prinzenschuhe. Gleich komme der Fotograf einer Boulevardzeitung vorbei. Daher das Outfit. Die Zeitung plane einen Bericht darüber, dass der Prinz während der Session zugenommen habe und nicht mehr in sein Kostüm passe. „Bei Stress nehme ich immer zu“, sagt Hanno Steiger (35), der in seinem bürgerlichen Leben Unternehmensberater ist und mit Venetia Sara alias Sara Flötmeyer (30) in einer hellen Neubauwohnung in Düsseldorf-Derendorf zusammenlebt.

Seit einer Woche arbeitet das Paar wieder in seinen bürgerlichen Berufen, er in seinem Büro in Meinerzhagen, sie in ihrem eigenen Modeatelier. Noch ist der kommende Sonntag „ganz weit weg“. An einem Bücherregal im Wohnzimmer lehnt müde die reich bestickte Prinzenmütze mit den sieben Pfauenfedern. Daneben stehen Plastiktüten mit Geschenken, die das Prinzenpaar während der kurzen Session bekommen und noch nicht ausgepackt hat.

Dennoch: Er freue sich auf den Zug am Sonntag, sagt Hanno I., der inzwischen eine bequeme Jogginghose trägt. Siebenmal ist er – als Adjutant des Prinzen – bereits mitgefahren im Zug „Es war unbeschreiblich. So stelle ich mir einen Drogenrausch vor.“ In diesem Jahr wollte er endlich selber als Prinz auf dem Wagen stehen. „Und dann das!“ Die Stimmung sei gedrückt gewesen nach der Absage, erinnert sich Hanno I. „Aber wir waren nicht in Staatstrauer.“ Ein paar Tage später ist das Düsseldorfer Prinzenpaar auf Teneriffa beim dortigen Karnevalsumzug mitgefahren, mit Wurfmaterial und allem Drum und Dran. „Schön war’s“, sagt Venetia Sara. Ein Ersatz für den abgesagten Zug war es nicht.

Und jetzt also der Nachschlag: Rosenmontag an einem Sonntag, Mitten in der Fastenzeit. Ist das nicht ein bisschen komisch? Prinz Hanno I. lächelt. „Zumindest wird man diesen Rosenmontagszug nicht so schnell vergessen.“