25.07.2016
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Reportage: Das Wunder von Hiddenhausen

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Max Grönert

Der Ort liegt irgendwo in der ostwestfälischen Pampa zwischen Herford und Bünde. Die Lage könnte man charmant umschreiben mit „günstig an der westfälischen Küchenmeile gelegen“. Kaum eine deutsche Einbauküche, die nicht aus dieser Ecke Nordrhein-Westfalens stammt. Objektiv gesehen besteht die Gemeinde Hiddenhausen aus sechs Ortsteilen, von denen jeder dadurch gekennzeichnet ist, dass er genauso aussieht wie der andere und von einer vielfrequentierten Landstraße durchkreuzt wird.

Und doch. Hiddenhausen gehört zu den meistprämierten Orten im Land. Denn Hiddenhausen hat das demografische Monster besiegt, die Überalterung. Die Gemeinde wächst, ohne dass sie Neubaugebiete ausweist. Hier wurde das Projekt „Jung kauft Alt“ erfunden. Die Gemeinde wirbt dafür, dass junge Paare Häuser aus den 50ern und 60ern erwerben und renovieren. Wer das tut, erhält eine Prämie – bis zu 10 000 Euro können herausspringen. Und dafür bekommt man (anders als in Köln) in Hiddenhausen mehr als eine Garage.

„Ein Blick in den Demografieatlas hat uns nach der Jahrtausendwende gezeigt, dass wir etwas tun müssen. Der Ort war überaltert und würde deutlich schrumpfen. Von knapp 20 000 Einwohnern im Jahr 2009 auf 17 500 im Jahr 2030.“ Andreas Homburg, Wirtschaftsförderer im Rathaus, fackelte nicht lange, er handelte. 2007 stand (nach drei Jahren der Vorbereitung) das Konzept gegen verfallende Immobilienpreise, gegen deprimierende Leerstände mitten im Ort, für eine Verjüngung der Gemeinde. Nur wenn die Bevölkerungsstruktur stimmt, kann Hiddenhausen überleben – sonst wird es zum aussterbenden Ort.

Schrumpfprozess gebremst

Sieben Jahre und 350 Häuser später ist alles anders: Hiddenhausen hat den Schrumpfprozess gebremst und verzeichnet seit vier Jahren wesentlich mehr Zu- als Wegzüge. Eine ganze Schulklasse – 23 Kinder – stammt aus Familien, die Häuser aus dem Projekt übernommen haben. Aus Familien wie Clinton und Anja Shepheard mit Tochter Emma (2).

„Am besten“, hatte der rundliche Elektrikermeister mit der ebenso runden Brille gesagt, „am besten treffen wir uns an der Ruine.“ Damit meint er das Haus im Stadtteil Sundern, in das er und sein Frau in vier Wochen einziehen werden. Das mit der Ruine ist stolze Ironie: Die Doppelhaushälfte aus den 50er Jahren trägt ein neues Dach, Fenster mit Rollläden, die Treppe und die Bäder sind saniert – nur Farbe und Tapeten fehlen noch. „Wir wollten auf keinen Fall in ein Neubaugebiet ziehen“, sagt der Mann, der die Jugendfeuerwehr in Herford ehrenamtlich leitet. „Wir wollten wissen, in welche Nachbarschaft wir ziehen.“ Und damit meint er nicht nur das nahe gelegene Vogelschutzgebiet. Er meint auch die Kindertagesstätte und die Grundschule in Steinwurfnähe.

Die Shepheards hatten lange vergeblich nach einem bezahlbaren Haus gesucht. Und dann kam dieses: 120 Quadratmeter mit Garten. „Meine Frau hat sich sofort verliebt. Die hatte die Fantasie, wie alles aussehen würde, und direkt im Geiste Wände rausgerissen.“ Das ist eine nicht zu verkennende Leistung gewesen, denn das Haus war vier Jahre unbewohnt – und übervoll mit Möbeln, Werkzeugen und Gerätschaften. Shepheard: „Da musste zum Ausräumen ein Profi ran.“
Die größte Überraschung bot der Garten: „Erst als ich die drei Meter hohen Brennnesseln abgesägt hatte, habe ich gesehen, dass das Grundstück noch viel größer ist!“ Beim Kampf gegen Unkraut hat Shepheard direkt seinen Nachbarn kennengelernt: „Der guckte durch die Hecke und staunte.“ Und hilft seitdem mit Werkzeug, Zuspruch – mit guter Nachbarschaft.

„Win-win-win-Situation“

Das Wichtigste am Angebot der Gemeinde sei ihm gewesen, sagt Shepheard, dass sie das Gutachten eines Sachverständigen zahlte: „Da wusste ich, was an Sanierung auf mich zukommt, und konnte ich sicher sein, dass ich keine böse Überraschung erleben würde.“ Dann entschuldigt er sich freundlich. Er muss die Heizung im rosa gestrichenen Zimmer seiner kleinen Tochter Emma (2) montieren. Die Zeit drängt.

Andreas Homburg sitzt in seinem Büro im Hiddenhauser Rathaus und lächelt zufrieden. Er sprich von einer „Win-win-win- Situation“, und das nicht, weil er stottert. Der kleine, drahtige Mann mit dem Schnurrbart ist quasi der Geburtshelfer des Konzepts, das jüngst auch zu den prämierten Projekten des Wettbewerbs „Land der Ideen 2014/15“ gehörte. Homburg hatte 2004 nicht nur die Fantasie, sondern auch einen Chef, der unkonventionelle Ideen liebt. Einen SPD-Bürgermeister, der schon zweimal wiedergewählt wurde und dessen Motto ist: „Wenn der Wind der Veränderung stärker weht, dann bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.

Wir haben uns für Windmühlen entschieden.“ Zum Wunder von Hiddenhausen gehört auch der Stadtrat. Der besteht zwar aus fünf Fraktionen, fällt aber die meisten Beschlüsse einstimmig. Also auch den für „Jung kauft Alt“. 270 000 Euro kostet es im Jahr, das ist nicht wenig in einer Gemeinde, die mit 20 Millionen Euro in den Miesen steckt. Doch die Investition kommt zurück: Wer im Ort wohnt, zahlt Steuern, nutzt und finanziert die Infrastruktur. Und: Sorgt dafür, dass der Ort weiter die an die Einwohnerzahl gebundenen Zuweisungen vom Land erhält.

„Jung kauft Alt“, das ist auch die Geschichte einer gelungenen Kommunikation. Die Gemeinde hat alle an einen Tisch gebracht: Geldinstitute, Makler, Landschaftsplaner, Architekten. „Wir haben geredet, geredet und geredet. Und wir haben von Anfang an klargemacht, dass die Gemeinde zwar die Idee hat, aber keine Häuser vermitteln will und wird.“ Erst als alle Beteiligten auf einem Informationsstand waren, ging das Konzept in den Rat – nicht umgekehrt. Nun ist es in Hiddenhausen beileibe nicht so, dass die Leute für Häuser Schlange stehen müssen: Leerstände gehören zum Ortsbild, das Einfamilienhaus-Angebot ist groß, aber nicht immer schön und architektonisch bestenfalls durchschnittlich.

Alles in fünf Minuten zu erreichen

Die Tatsache, dass durch jeden Ortsteil eine Landstraße führt, birgt die angenehme Konsequenz, dass Discounter und Supermärkte sich angesiedelt haben, die sich allein aus der Einwohnerzahl heraus nicht tragen würden. Sie leben vom Durchgangsverkehr, und die Hiddenhauser profitieren. Man kann in jedem Ortsteil zu Fuß einkaufen gehen – und trifft nicht nur auf einen Tante-Emma-Laden.

Sie habe, hat eine der ersten Teilnehmerinnen von „Jung kauft Alt“ nach wenigen Wochen berichtet, noch nie einen so mittelmäßig aussehenden Ort kennengelernt, sei aber noch nirgendwo so herzlich in einer neuen Nachbarschaft aufgenommen worden. „Tja,“ sagt Andreas Homburg, „das wird wohl stimmen.“ Und er fährt mit uns, weil alles in Hiddenhausen in fünf Minuten mit dem Auto zu erreichen ist, in den Ortsteil Eilshausen – zu Jennifer und Hendrik Blumenthal und ihren beiden Töchtern Lena (14) und Hanna (acht Wochen). Blütenweißes Haus, Tipptopp-Fenster, drinnen schöne helle Räume auf zwei Etagen.

Wenn die Mädchen Glück haben, werden sie so alt wie die Vorbewohner, die es auf gesegnete 99 und 101 Jahre brachten – bevor das Haus über die LBS angeboten wurde. Der Bankberater informierte über das familienfreundliche Angebot der Stadt. „Der Rest“, sagt der Ingenieur Hendrik Blumenthal, der in einem Nachbarort arbeitet, „war Liebe auf den ersten Blick – und ein Einzug acht Wochen nach Sanierungsbeginn.“ Schöne Überraschung: Eigentlich wollte das Paar Laminat verlegen – und entdeckte unter dem alten Belag gut erhaltene alte Dielen.

Der Rheinländer, der in Herford aufgewachsen ist, und seine Frau finden: „Es ist ein positives Gefühl, wenn man weiß, dass junge Leute hier gern gesehen sind.“ Es sei mehr die Botschaft von „Jung kauft Alt“ gewesen als der tatsächliche finanzielle Vorteil. Die Krabbelgruppe für die beiden Töchter Lena (14 Monate) und Hanna (acht Wochen) liegt da, sagt Jennifer und zeigt in die eine Richtung, die Grundschule – und zeigt in die andere – dort. Dabei wirkt es fast so, als ob der Zeigefinger die Einrichtungen berühren könnte.

Weil in der Nachbarschaft Frauen im selben Krankenhaus entbunden haben, sind schon die ersten Kontakte hergestellt. Nur die Treue zum 1. FC Köln bleibt unzerstörbar. Wird Ehefrau Jennifer nach der Kinderpause einen Job finden? „Klar“, sagt sie – und mit der Nennung ihrer Qualifikation schließt sich der Kreis. Sie kennt sich aus mit der juristischen Betreuung von Senioren.

Die bilden (noch) die Mehrheit in Hiddenhausen. Wer sein Haus aufgibt, zieht zwar gerne ins nahe Bad Oeynhausen; viele aber wollen im Heimatort bleiben, Vier-Zimmer-Wohnungen sind bei ihnen begehrt. Ein Pflegeheim existiert schon länger, und in zweien der Ortsteile auch Hausgemeinschaften mit Senioren-WGs. Die Pläne für entsprechende Häuser in den anderen Orten liegen vor, versichert Homburg, „da sind wir dran“. Dort, wo demnächst die Sparkassenfiliale in einem Ortsteil schließt, bleibt zumindest ein Automat. Und: In das Haus zieht oben eine Arztpraxis ein – und unten eine Sozialstation. Keine schlechte Nachfolge.