01.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Statistik zum Glücksspiel: „Das Kölner Ordnungsamt hat den Überblick verloren“
30. March 2015
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Statistik zum Glücksspiel: „Das Kölner Ordnungsamt hat den Überblick verloren“

Besonders in Köln wird immer mehr Geld in Spielautomaten geworfen.

Besonders in Köln wird immer mehr Geld in Spielautomaten geworfen.

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dpa

Köln -

In Nordrhein-Westfalen wird immer mehr Geld an Spielautomaten ausgegeben. 2014 haben Spieler allein in Spielhallen rund 1,34 Milliarden Euro verzockt. An Spielautomaten in Gaststätten haben Spieler zusätzlich fast 155 Millionen Euro verspielt. In den letzten zehn Jahren haben sich die Ausgaben am Spielautomaten damit mehr als verdoppelt: 2004 wurden noch fast 500 Millionen Euro in Spielhallenautomaten gesteckt. Das hat der Arbeitskreis gegen Spielsucht e.V. in Unna ermittelt. Die Zahlen werden alle zwei Jahre bei Kommunen in NRW mit mehr als 10.000 Einwohnern nachgefragt.

Zum Teile lassen sich die landesweiten Mehrausgaben mit dem Anstieg an Spielgeräten in NRW erklären. Sowohl die Anzahl der Spielgeräte in Gaststätten, als auch in Spielhallen ist gestiegen. Insgesamt verzeichnet die Landeskoordinierungsstelle für Glücksspielsucht 2014 fast 62 500 Geldspielgeräte in nordrhein-westfälischen Spielhallen und Gaststätten. 2012 waren es noch fast 60 000 Geräte.

Geschäft mit kranken Menschen

In Köln geben Spieler besonders viel Geld aus. Laut Statistik verbuchten die Spielhallen in der Domstadt für das abgelaufene Jahr 2013 Einnahmen von etwas mehr als 75 Millionen Euro. Zwei Jahre zuvor waren es noch knapp 52 Millionen Euro. Auch die Anzahl der Spielhallen ist in den vergangenen Jahren deutlich nach oben geschnellt. Waren es 2008 noch 191, waren es Ende 2013 bereits 248 Zockerbuden. Allerdings weiß niemand genau, wie viele Automaten zusätzlich in gastronomischen Einrichtungen aufgestellt sind. Die Stadt Köln hat dazu seit vier Jahren keine Angaben mehr gemacht. Die letzte Zahl datiert aus dem Jahr 2010. Damals waren es 1851 Automaten. "Zuständig für die Erhebung sind Ordnungsamt und Steueramt. Wir gehen davon aus, dass sie angesichts der unkontrollierten Zunahme inzwischen völlig den Überblick verloren haben", sagt Ilona Füchtenschnieder, Leiterin der Landeskoordinierungsstelle für Glücksspielsucht in NRW, zu ksta.de. Eine Stellungnahme der Stadt Köln dazu ist angefragt.

Dabei haben die Kommunen durchaus ein Interesse daran, die genauen Zahlen zu erfahren. Rund zehn Millionen Euro jährlich nimmt allein die Stadt Köln über die Vergnügungssteuer für Automaten ein. „Wir hatten noch nie so viele Geräte in Spielhallen wie jetzt“, sagte Josef-Rainer Frantzen, Leiter des Kölner Kassen- und Steueramts, dem Kölner Stadt-Anzeiger vor knapp einem Jahr. Doch um das Eintreiben der Abgabe muss sich das Amt oft selbst kümmern. Denn sollten die Geldschlucker nicht ordnungsgemäß angemeldet sein, muss dies das Kassen- und Steueramt durch Kontrollen ermitteln. Bei der hohen Anzahl von Kneipen, Gaststätten und Imbissbuden dürfte sich das mitunter schwierig gestalten. Allerdings lohnt der genaue Blick: Immerhin darf jede gastronomische Einrichtung bis zu drei Automaten aufstellen.

Das Kernproblem aber freilich ist: Das Spiel ums schnelle Geld kann auch schnell süchtig machen. Derzeit schätzt die Landeskoordinierungsstelle die Zahl der Glücksspielsüchtigen auf 40.000. „Die Beratungsnachfrage nehme aber stetig zu“, sagt Füchtenschnieder. Schätzungen der Universität Hamburg zufolge sind mindestens 56 Prozent des Geldes, das in den Schlitzen der Automaten landet, von Süchtigen erspielt worden ist. "Das ist ein großes Problem, die Anzahl der Spielsüchtigen gerade bei den Automaten nimmt jährlich zu", sagt die Expertin. Die Sucht befördere tragische Schicksale. "Nicht wenige verspielen Haus und Hof. Sie leihen sich Geld aus kriminellen Kreisen, pumpen Freunde an oder plündern die eigene Familienkasse", erklärt Füchtenschnieder. "Die Branche macht Geschäfte mit kranken Menschen."

Sperrsystem auch in NRW

Deshalb fordert sie, dass vor allem die Automaten aus der Gastronomie verschwinden, da es nicht möglich sei, diese Zonen ordentlich zu kontrollieren und Süchtigen den Zugang zu erschweren. Zudem verlangt sie für NRW eine ähnliche Gesetzgebung wie in Hessen. Dort wurde ein so genanntes Sperrsystem eingeführt, bei dem sich Süchtige freiwillig bei Spielhallen registrieren lassen können und keinen Zutritt mehr erhalten. Seit der Einführung hätten sich dort bereits 7500 Menschen auf die Sperrliste setzen lassen. "Die Regelung scheint sich zu bewähren", sagt Füchtenschnieder. „NRW ist davon allerdings noch ganz weit entfernt, aber für uns steht das ganz oben auf der Agenda.“ Spielsüchtige könnten sich so selbst schützen, außerdem hält Füchtenschnieder eine verpflichtende Quittung für sinnvoll. Diese würden den Spielern ihre verspielte Zeit, Einsätze, Gewinne und Verluste direkt vor Augen führen.

Aber das alleine wird nicht reichen. Die Automatenbranche betreibe eine sehr aggressive Lobbypolitik, zudem versuche sie immer wieder, gesetzliche Bestimmungen zu umgehen, kritisiert die Sucht-Expertin. Nach derzeitiger Regelung in der Glücksspielverordnung dürfen an einem Automat nicht mehr als 20 Cent in fünf Sekunden und nicht mehr als 80 Euro in einer Stunde verspielt werden. Ein einfacher Kniff jedoch habe ausgereicht, die Bestimmung auszuhebeln. Der Automat wandelt zu Beginn des Spiels das Geld einfach in Punkte um. Darauf hat der Gesetzgeber nun reagiert. Ab November 2018 ist das Punktespiel verboten. 

Auch die Entwicklung in Köln, wo demnächst eine Spielbank der Kommune kräftig Geld in die Kassen spülen soll, sieht Füchtenschnieder kritisch. "Es gibt in NRW vier Spielbanken, ich glaube nicht, dass man da noch eine mehr braucht."

Für Spielsüchtige und Angehörige gibt es eine kostenfreie Expertenhotline: 0800 0776611.