25.08.2016
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NRW-Politiker zweifeln an Sicherheit: AKW Tihange ist „unmittelbare Bedrohung für das Rheinland“

Das Atomkraftwerk Tihange in Belgien.

Das Atomkraftwerk Tihange in Belgien.

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dpa

Köln -

Die erneute Inbetriebnahme des umstrittenen belgischen Atomreaktors Tihange 2 nahe der deutsch-belgischen Grenze stößt hierzulande auf heftige Kritik. „Das Kraftwerk stellt eine unmittelbare Bedrohung für das Rheinland dar“, erklärt Oliver Krischer, stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion aus Düren. Seine Heimatstadt liegt gerade einmal rund 100 Kilometer vom Meiler entfernt. Die belgischen Behörden spielten mit den Menschen in Deutschland „russisches Roulette“, so der Grüne weiter. Von einem „Bröckel-Reaktor“ spricht der grüne NRW-Umweltminister Johannes Remmel.

Ähnlich äußerte sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Detlef Seif aus Weilerswist (Kreis Euskirchen), der das Wiederanfahren des Reaktors für „unverantwortlich“ hält. „Ich glaube nicht, dass das Kraftwerk sicher ist.“ Es sei 2014 wegen Tausender Haarrisse im Reaktorbehälter stillgelegt worden, plötzlich sei das aber nicht mehr dramatisch. Dann könne man „ja gleich ein Zelt darüber spannen“ und benötige keinen Überbau aus Stahl, um den Reaktorkern und die radioaktiven Brennelemente zu ummanteln.

Die Informationspolitik der belgischen Behörden indes sei katastrophal. „Bis heute wurde nicht verständlich dargelegt, warum keine Gefahr mehr von dem Kraftwerk ausgeht“, so Seif, der allein wirtschaftliche Interessen hinter der erneuten Inbetriebnahme vermutet. Bereits Ende November hatte Seif gemeinsam mit weiteren Abgeordneten aus Aachen, Düren und Heinsberg die belgische Umweltministerin Marie Christine Marghem aufgefordert, die Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 (bei Antwerpen) nicht wieder anzufahren – vergebens. Letztgenannter Meiler wird am morgigen Donnerstag wohl ebenfalls ans Netz gebracht.

Die Stadt Aachen – rund 70 Kilometer von Tihange 2 entfernt – hat in der vergangenen Woche auf ihre Weise auf die Gefahr aufmerksam gemacht, die von jenseits der Grenze droht: Der Krisenstab der Stadt simulierte einen Störfall im Meiler. Von einer ersten vagen Schadensmeldung bis zum größten anzunehmenden Unfall (GAU) seien verschiedene Szenarien absolviert worden, heißt es aus dem Rathaus. Dazu gehörte unter anderem die Verteilung von Jodtabletten an die Bürger. „Wir sind in der Lage, auf eine atomare Bedrohung im Katastrophenschutz zu reagieren“, zog der Aachener Feuerwehrchef Jürgen Wolff ein positives Fazit. Die konkrete Handlungsfähigkeit sei dabei immer auch von der Schwere der Bedrohung abhängig.

Rechtliche Schritte geprüft

Nichtsdestotrotz hofft man auch im Aachener Rathaus, dass der umstrittene Reaktor schon bald wieder abgeschaltet wird – und dann für immer. Die Stadt hatte daher auch rechtliche Schritte geprüft, diese seien jedoch ohne Erfolgsaussicht, heißt es. Aufgeben will Oberbürgermeister Marcel Philipp allerdings nicht: „Wir haben die einstimmig verfasste Resolution des Stadtrates, in der die Landes- und Bundesregierung mit Nachdruck aufgefordert werden, sich für eine Stilllegung von Tihange einzusetzen. Wir haben uns als Stadt an die belgische Atomaufsicht und die zuständige Stelle der Deutschsprachigen Gemeinschaft gewendet. Und über die Euregio richten wir uns direkt an das Kraftwerk.“

Eine Katastrophenübung nach dem Vorbild Aachens sei im Kreis Euskirchen derzeit nicht geplant, erklärte Landrat Günter Rosenke auf Nachfrage. Die zuständigen Stellen seien auf einen Katastrophenfall vorbereitet. So würden aktuell unter anderem im Rahmen der medizinischen Gefahrenabwehr nach Zuteilung des Landes Nordrhein-Westfalen 85 000 Kaliumiodidtabletten zur Verteilung an die Bevölkerung zentral vorgehalten. Die Kreisstadt ist rund 125 Kilometer von Tihange entfernt, andere Orte des Kreises wie etwa Hellenthal rund 80 Kilometer.

Damit die Tabletten möglichst nicht zum Einsatz kommen müssen, nimmt Rosenke die Bundesregierung in die Pflicht. „In Deutschland werden vergleichsweise sichere Kraftwerke abgeschaltet, um die Risiken für die Bevölkerung zu minimieren. Gleichzeitig schaut man in Berlin dabei zu, wie in Belgien unsichere Reaktoren wieder ans Netz gehen. Wer soll das verstehen?“ Der Kreistag habe sich bereits vor einiger Zeit mit einer Resolution zur Abschaltung an die Bundesregierung gewandt. Die Antwort habe gelautet, es handele sich dabei um keine kommunale Angelegenheit. „Das akzeptiere ich. Doch dann fordere ich auch gleichzeitig, dass sich der Bund nachdrücklich für eine endgültige Abschaltung einsetzt.“


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