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Pferdemetzgerei: „Die Fleischqualität ist kaum zu toppen“

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Sauerbraten vom Pferd: Hans-Josef Porsch schlachtet im Jahr rund 50 Pferde.  Foto: Schmittgen
Das Pferd auf dem Teller – Delikatesse oder Tabu? Schon vor dem jüngst aufgedeckten Schwindel um falsch deklariertes Pferdefleisch entzündete sich an dieser Frage ein regelrechter Glaubenskrieg.  Von
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Lindlar

Das Pferd auf dem Teller – Delikatesse oder Tabu? Schon vor dem jüngst aufgedeckten Schwindel um falsch deklariertes Pferdefleisch entzündete sich an dieser Frage ein regelrechter Glaubenskrieg. Während sich die einen für den Rheinischen Sauerbraten der traditionellen Art begeistern, schüttelt es die anderen bereits bei dem Gedanken, dass ein stolzer Vollblüter sein Ende im Fleischwolf finden könnte.

„Jedenfalls hat die aktuelle Diskussion das Pferdefleisch wieder mächtig ins Gespräch gebracht. So viele Kundenanfragen hatten wir noch nie“, freut sich Hans-Josef Porsch und zeigt auf das große Regal, das den Verkaufsraum seiner Fleischerei in Lindlar-Kemmerich ausfüllt. Dort stapeln sich die roten und blauen Dosen, die auch an diesem Morgen heiß begehrt sind. „Pferde-Gulasch“ und „Sauerbraten vom Pferd“ ist auf den Etiketten zu lesen – eigens hergestellt und schon tafelfertig. Hans-Josef Porsch ist einer der wenigen Pferdemetzger in der Region – seine Kollegen im Rheinland kann man mittlerweile an einer Hand abzählen.

Vor 51 Jahren entschied sich der gebürtige Lindlarer für den Metzgerberuf. 1983 gründete er seine eigene Landfleischerei nebst Partyservice, der heute täglich 120 Mittagessen zubereitet. „Ich kann die Aufregung der Leute verstehen. Falsche Deklaration ist eine Sauerei“, stellt Porsch klar, während er Rindergulasch – und zwar richtiges – für einen Lindlarer Kindergarten an-brät. Aus seiner Sicht ist die Beimischung von Pferdefleisch aber nur eine Frage der Zeit gewesen. „Bullenfleisch ist heute doppelt so teuer wie das vom Pferd. Für Kriminelle eine Einladung zum Betrug.“

Ausgemustert: Ein altes Bolzenschussgerät.
Ausgemustert: Ein altes Bolzenschussgerät.
Foto: Schmittgen

Und dass der Laie den Unterschied kaum feststellt, beweist der 65-Jährige mit einer persönlichen Anekdote aus dem Jahr 1975: Zur Verlobungsfeier mit Ehefrau Elisabeth hatte Porsch Pferdegulasch gebraten. Die Gäste lobten das Essen in den höchsten Tönen, dachten aber, es sei Rindergulasch. „Als meine Frau und ich schließlich fröhlich wieherten, begriffen unsere Freunde, was sie gegessen hatten“, kichert Porsch noch heute vergnügt. Allerdings, das ist dem Metzger wichtig, sei vernünftiges Pferdefleisch auf keinen Fall von minderer Qualität, im Gegenteil. „Die Fleischqualität ist kaum zu toppen. Das sieht man schon am lebenden Tier: Während Rinder und Schweine alles in sich hinein schaufeln, ist das Pferd beim Futter sehr pingelig.“

Etwa 50 Stuten und Hengste schlachtet Porsch jährlich in seinem Schlachthaus an der Lindlarer Hauptstraße. Am besten sei das Fleisch, wenn die Tiere zwischen zehn und 18 Jahre alt sind. Ohnehin wird nur geschlachtet, wenn es einen ordnungsgemäßen Tierpass gibt. „Da trägt jeder Tierarzt ein, was er gespritzt hat“, erklärt Porsch, „und erst nach einem vollen Jahr ohne Medikamente geht es in Richtung Schlachtbank“. Eine Massentierhaltung gibt es bei Pferden ebenso wenig wie die Zucht zur Fleischproduktion.

Oft kämen, so Porsch, Züchter mit Tieren zu ihm, die einen Makel haben. „Wenn das Tier ein schiefes Bein hat, ist es als Sportpferd und damit für die Züchter wertlos.“ Gut erinnert sich der Lindlarer noch an eine Kölner Schlagersängerin, der der Arzt das Reiten verbot. Der Wert ihres Pferdes: Mehrere zehntausend Euro. „Trotzdem verlangte die Dame die Schlachtung. Wenn sie das Pferd nicht mehr reiten sollte, dann sollte das auch niemand anderes tun.“ Nach kurzen Verhandlungen zückte Porsch das Bolzenschussgerät. „Ob das ein cleveres Geschäft für die Kölnerin war, weiß ich nicht. Pro Kilo Fleisch gab es zwei Euro“, schmunzelt der 65-Jährige. Über den Ruhestand denkt Porsch noch nicht nach. Und so wird es wohl noch einige Jahre einen Pferdemetzger im Bergischen geben. „Wo sollen die Leute auch sonst mit ihren Pferden hin?“, ruft er noch, bevor er mit dem fertigen Rindergulasch los fährt.

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