Olympia 2012
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Mein Weg nach London: Vier quälend lange Winter

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Max Hoff Foto: dapd
Ein Jahr lange haben die beiden Kölner Sportler Max Hoff und Leena Günther über ihren Weg nach London berichtet. Jetzt steht der Moment vor der Weltöffentlichkeit kurz bevor.  Von
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London

Die Welt hat gesehen, wie Usain Bolt bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking mit offenen Schnürsenkeln Weltrekord rannte. Und wie der Jamaikaner jubelte, als er die Ziellinie noch gar nicht erreicht hatte. Frech, wollte man rufen. Die Welt hat auch erfahren, dass US-Schwimmer Michael Phelps nach dem Gewinn von acht Goldmedaillen in Peking Partys feierte, Marihuana rauchte und einige Kilo an Gewicht zulegte. Was für eine Verschwendung von Talent, wollte man schimpfen.

Ihre Triumphe und Eskapaden teilen die aktuellen Superstars des olympischen Sports mit Millionen Fans und Kritikern. Im Moment des Sieges werden sie bewundert, in der Niederlage, wie Bolt bei seinem Fehlstart im vergangenen Jahr bei der WM in Daegu, bedauert. Im Alltag jedoch, wenn sie sich in endlos aneinandergereihten Trainingseinheiten schinden, sind auch Bolt und Phelps allein mit sich und den Grenzen, die Körper und Geist ihnen aufzwingen. Kann man ihnen also vorwerfen, dass sie frech werden oder verschwenderisch, wenn es ihnen schließlich gelungen ist, diese Grenzen zu sprengen?

Heute Abend werden in London die Olympischen Sommerspiele 2012 eröffnet (ZDF, 22 Uhr) und in den folgenden 16 Tagen werden Bolt und Phelps und andere wieder ihre kurzen Momente im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit haben. Es sind die Tage, auf die Spitzensportler aus aller Welt vier Jahre lang hingearbeitet, von denen sie vier Jahre lang geträumt haben.

Zwischen Sport und Studium

Leena Günther
Leena Günther
Foto: Rainer Dahmen

Zwei Athleten aus Köln konnten wir in den letzten zwölf Monaten begleiten. Die Leichtathletin Leena Günther vom LT DSHS Köln und der Kanute Max Hoff von Blau-Weiß Köln und der KG Essen haben uns teilhaben lassen an ihrem Alltag. Der 29 Jahre alte Hoff gilt in London als Favorit auf Gold im Kajak Einer über 1000 Meter, zudem sitzt er im Vierer, dem ebenfalls der Gewinn einer Medaille zugetraut wird. Sprinterin Günther gehört zum deutschen Aufgebot für die 4x100-Meter-Staffel. Die 21-Jährige war dabei, als das Quartett zuletzt bei der EM in Helsinki Staffel-Gold gewann - jetzt ist das olympische Finale das Ziel. Wie es Max Hoff und Leena Günther in der Vorbereitung ergangen ist, fassen wir zum Start der London-Spiele noch einmal zusammen.

Hoff lebte als Vollprofi. Obwohl er immer Kraft aus der Kopfarbeit neben dem Training geschöpft hatte - das Abitur und ein Biologiestudium meisterte er mit Bravour - ordnete er vor London alles dem Sport unter. Günther dagegen pendelte zwischen Spitzensport und Medizinstudium.

Reibungslos verlief keine der beiden Varianten.

Vor einem Jahr waren beide gut drauf. Hoff sagte: "Ich mag es nie formulieren, aber mein Ziel ist schon, da eine Medaille zu gewinnen. Und wenn man sieht, was ich in den letzten zwei Jahren so geworden bin, kann man sich auch ausrechnen, worauf ich spekuliere." Auf Gold natürlich. Er war ja 2009 und 2010 sowohl Welt- als auch Europameister geworden.

Erste Zweifel

Leena Günther stand kurz vor ihrem ersten WM-Start. Das war real, Olympia noch so weit weg. Aber auch da wolle sie auf die Staffel setzen, "wir haben in Deutschland sehr viele, die auf ähnlich hohem Niveau laufen, da ist es schon ein Erfolg, sich national durchzusetzen und an Olympia teilzunehmen", sagte sie. Die WM wurde dann zum "Riesenerlebnis" für Günther. Sie bekam zwar keinen Staffel-Einsatz, durfte aber im Einzel laufen. Günther schied wie erwartet in der ersten Runde aus, nahm aber eine gehörige Portion Motivation mit. Für Hoff lief der Sommer weniger gut. Er wurde nicht wie in den Vorjahren Weltmeister im Kajak Einer über 1000 Meter, sondern nur Vierter. Immerhin führte er den deutschen Vierer zu Gold, aber das war nur ein kleiner Trost. Erste Zweifel waren gesät.

Dann kamen der Herbst und der Winter, dunkle, kalte Tage, die Zeit, in der Spitzensport am wenigsten Spaß macht, die aber so ungemein wichtig ist für ein gutes Abschneiden im Sommer. "Momentan fühlt man sich eigentlich grundsätzlich müde vom Training, weil man so viel macht, aber da muss man im Winter durch", sagte Leena Günther. Prüfungen musste sie auch noch absolvieren. "Ich glaube, bestanden habe ich auf jeden Fall", sagte sie irgendwann. "Eine Eins wird es nicht. Ich habe inzwischen aber auch andere Ansprüche, das ist halt so, wenn man nebenher jeden Tag Sport macht."

Max Hoff verbrachte viele Wochen in Florida und musste feststellen, dass ein Spitzensportler-Leben im Sonnenstaat auch nicht nur schön ist. Seine Berichte hörten sich dann schon mal so an: "Heute bin ich ein bisschen depressiv. Das Training nervt mich, ich bin müde, es war alles ziemlich anstrengend in der letzten Zeit." Oder so: "Das ist hier relativ emotionslos alles, man macht halt so seinen Job, ob ich dann beim dritten Mal am Tag noch Bock habe, anderthalb Stunden über den See zu fahren - ich weiß nicht. Zwischendurch denke ich auch: Du könntest jetzt noch mal mehr für deinen Kopf tun, irgendwann ist es vorbei mit dem Sport."

Dann war aber erstmal auch dieser lange Winter vorbei, das quälende Grundlagentraining hatte ein Ende. Nur die Zweifel, die blieben zunächst. Hoff dominierte national, kämpfte im Weltcup bei ersten Tests gegen die internationale Konkurrenz aber um Anschluss. Und Günther kam nicht in Schwung, kleine Zipperlein machten ihr zu schaffen, dazu schlechtes Wetter in den Rennen, sie musste um die Olympianominierung bangen.

Erst ihre Europameisterschaften brachten für beide Athleten Erleichterung. Hoff siegte auf seiner Paradestrecke und sagte: "Das gibt Mut für London." Günther gewann mit der Staffel Gold, legte als Startläuferin ein blitzsauberes Rennen hin und empfahl sich für das Olympiateam. "Ich bin dabei", sagte sie, "das ist Wahnsinn". Aller Frust, alle Zweifel, alle Schmerzen - alles war vergessen. Die Schinderei hat sich gelohnt. Und jetzt ist Olympia.

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In London geht es auch im Schwimmbecken um Gold, Silber und Bronze.

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Leena Günther beim Training.

Susanne Rohlfing hat die beiden Olympia-Teilnehmer Leena Günther und Max Hoff ein Jahr lang begleitet.

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