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Limousinenservice in Overath: Illusionen verkaufen, Träume erfüllen

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Foto: Jürgen Dehniger
In Overath-Immekeppel betreibt Marco Salerno einen Stretch-Limousinenservice. Die übergroßen Fahrzeuge werden vor allem für Hochzeiten, Junggesellenabschiede und Geburtstage angemietet.  Von
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Sie sind groß, weiß und luxuriös: Lederbänke, beleuchtete Getränkebar, ein die Farben wechselnder Sternenhimmel und Knöpfe zum Einschalten von Lasershow und Nebelmaschine. Vor allem aber sind sie lang, sehr lang.

Ganz genau sind es acht Meter und 60 Zentimeter, die die Super-Stretch-Limousinen auf ihrem Stellplatz in Overath-Immekeppel wie eine optische Täuschung wirken lassen – so außergewöhnlich für Auge und Hirn, dass sie jeden Blick auf sich ziehen. Für Vermieter Marco Salerno gestaltet sich das Leben mit den drei „Lincoln Town-Cars“ weniger luxuriös. Es hat viel mit Öl an den Fingern, Erdnüssen auf dem Teppich und der ein oder anderen Ernüchterung zu tun. Missen möchte er die drei gelackten Starlets aber nicht mehr.

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Stretch-Limousinen-Vermieter ist kein Lehrberuf. Im Falle Salernos gehörten dazu „die Lust auf einen Tapetenwechsel“ und der Mut, einen gesicherten Job im Veranstaltungsmanagement aufzugeben. Was er nun seit sechs Jahren tut, bezeichnet der 31-Jährige so: „Ich verkaufe eine Illusion.“ Die Illusion, außergewöhnlich, Aufsehen erregend, etwas Besonderes zu sein; für eine Stunde oder länger dem schnöden Alltag entfliehen, und die Welt rätseln zu lassen, welcher Promi sich hinter den getönten Scheiben verbergen mag.

Tatsächlich sitzen nur selten Promis auf dem schwarzen Leder. Es sind Hochzeitspaare auf dem Weg zur Kirche, Männer auf dem Weg zum Junggesellenabschied, Mädchen auf dem Weg in die Volljährigkeit. Der älteste Gast bekam die Fahrt zum 100. Geburtstag geschenkt. Die jüngsten waren fünf Jahre alt und beim Kindergeburtstag – Stadtrundfahrt statt Schnitzeljagd. Die Grenze zur gefühlten Dekadenz ist fließend. Für die meisten jedoch ist es die Erfüllung eines Traums, die sie sich einmal im Leben für eineinhalb Stunden 200 Euro kosten lassen – geteilt durch acht, denn so viele dürfen rund um die Getränkebar Platz nehmen.„Manchmal kreischen die Mädels fünf Minuten ohne Luft zu holen“, sagt Salerno, der sich noch an eine Fahrt erinnert, bei der die frisch Volljährige vor Aufregung erst hysterisch wurde und dann gar in Ohnmacht fiel. Die Stretch-Limousine steuerte kurzerhand das nächstgelegene Krankenhaus an.

Generell ist die Fahrt im Stretch-Lincoln aber eher ungefährlich. Bestückt mit 220 PS schafft er laut Fahrzeugschein 167 Stundenkilometer. „Das hat so aber wirklich noch keiner ausprobiert“, sagt Salerno. Schließlich geht es ums Sehen und Gesehen werden. Illusionen hetzen nicht.

Marco Salerno selbst hat manche Illusion über Fahrzeuge und Fahrgäste inzwischen verloren. „Als erstes müssen Sie sich von dem Gedanken verabschieden, dass da nur gediegene Leute mitfahren“, sagt er. Je später der Abend, desto schwieriger die Gäste. Die Telefone, über die die Insassen mit dem Fahrer kommunizieren können, sind abgeklemmt. „Das ging im Fünfminutentakt“, sagt Salerno. „Irgendwann stört das den Fahrer.“ Kommunizieren können sie durch die heruntergelassene Trennwand hinter dem Fahrersitz. Die letzte Gewalt über das Oben oder Unten der Trennwand hat der Fahrer. Dann wären da noch die Foto-Shootings auf der Motorhaube – und mit Nieten an der Hose. „Mittlerweile tut mir nix mehr weh“, sagt Salerno. Eine Lackiererei ist direkt nebenan.

Auch beim Auto ist der zweite Blick aufschlussreich. Hinter dem edlen Chic verbergen sich nicht selten Sperrholz und andere Überraschungen. Das obligatorische Lederdach ist kein exklusives Ausstattungsmerkmal, sondern schlicht billiger als eine stabile Dachkonstruktion mit Dehnungsfugen. „In Deutschland und nach deutschen Standards gebaut würde das Auto das Dreifache kosten“, sagt Salerno. Es gelte: „What you get is what you pay“ – du bekommst nur das, wofür du bezahlst. Beim langen Lincoln sind das an die 100 000 Euro für einen Neuwagen. Doch neu kauft ihn hier kaum jemand. „Sie haben häufig Kinderkrankheiten“, erklärt Salerno. „Es gibt zwar eine Garantie, aber bei uns keine Werkstatt, die diese erfüllen kann.“

Nach zwei Jahren sind die Autos eingefahren und kosten deutlich weniger. Von einem Blindkauf übers Internet rät Salerno ab. „Das Risiko, betrogen zu werden, ist sehr hoch. Da wird getrickst und gefeilscht“, sagt er. Im Grunde helfe nur der Flug in die Staaten. Bis das importierte Auto die TÜV-Plakette erhält, sind rund 3.000 Euro für Sondergutachten notwendig: Gutachten, weil die Bremsanlage nicht aus der EU kommt, die Höhe der Scheinwerfer nicht verstellbar ist oder das Warnblinklicht an der Armatur grün statt orange zu blinken wagt. Obendrauf kommen die Mietwagengenehmigung und für jeden Fahrer ein Personenbeförderungsschein.

Grundsätzlich darf in Deutschland jeder mit PKW-Führerschein das 8,60-Meter-Gefährt fahren. Dabei ist das Fahrgefühl nicht nur hinten, sondern auch am Steuer ein ganz Besonderes. „Ich würde sagen, wie ein Bus“, sagt Salerno. Nur dass im Gegensatz zu Reisebussen die Hinterachse nicht mitlenkt und die Vorderreifen für europäische Verhältnisse schwach einschlagen. Selten wird daher der Beteuerung des Kunden volles Vertrauen geschenkt, wenn er versichert: „Hinten bei uns können Sie wenden“. Ein Strech-Chauffeur beherrscht den Rückwärtsgang. 50 bis 60 Fahrstunden müssen Salernos Chauffeure erstmal ohne Passagiere absolvieren. „Das Bergische Land ist die letzte Disziplin“, sagt er.

Trotz aller Hindernisse im Hintergrund: Marco Salerno hängt an seinen Autos. „Wenn sie gut gepflegt werden, laufen sie locker eine Million Kilometer“, sagt er. Dafür wünschen die sensiblen Divas alle 5.000 Kilometer eine gründliche Inspektion. Für Salerno liegt die Faszination nicht nur in den extravaganten Autos, sondern eben auch in der verkauften Illusion. In den strahlenden Augen, der Freude des Augenblicks, wenn der Wagen vorfährt, dem Teilen der besonderen Momente in anderer Menschen Leben. Einer dieser Momente ist übrigens nicht im Programm. „Wir haben hier keine Rotlichtveranstaltungen“, sagt Salerno. Auch wenn Neiders böse Zungen das gerne behaupten würden: „Da ist in den Jahren nicht ein einziges Mal etwas passiert.“

www.mein-autoerlebnis.de

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