28.09.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Karneval in Köln: Streng bewachte Weiberfastnacht

Doppelt so viele Polizisten wie üblich patrouillierten am Donnerstag durch Köln, hier auf dem Bahnhofsvorplatz.

Doppelt so viele Polizisten wie üblich patrouillierten am Donnerstag durch Köln, hier auf dem Bahnhofsvorplatz.

Foto:

Banneyer (2), Rakoczy

8.30 Uhr am Kölner Hauptbahnhof. „Eine Stadt mit K, eine Stadt mit K“, dröhnt es aus den Lautsprechern eines Schnellimbiss. Pinguine und Bären stehen Schlange für einen „Coffee to go“. Ein Trupp Teufel marschiert mit wehenden Umhängen Richtung Ausgang. Die ersten „kleinen Feiglinge“ kreisen – Weiberfastnacht 2016 in Köln am Rhein. Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz haben drei Polizeiwagen Stellung bezogen, zwei Stunden später werden es mehr als doppelt so viele sein. Kamerateams aus Frankreich, Spanien und den Niederlanden spähen ihre nächsten Interviewpartnerinnen aus. „Haben Sie Angst? Nein? Warum nicht?“

Die Fragen kommen selbstverständlich nicht von ungefähr. Vor genau fünf Wochen tobte in Köln der Mob. Hunderte Frauen wurden in der Silvesternacht auf dem Bahnhofsvorplatz von zumeist jungen Nordafrikanern bedrängt und sexuell belästigt. Mehr als 1000 erstatteten Anzeige.

Weltöffentlichkeit sieht genau hin

Und nun also Karneval. Die „Fünfte Jahreszeit“. Die gilt per se als die Zeit der Narretei und möglicher Exzesse in der Spaßhochburg am Rhein: Bützchen, Kölsch und bunte Kostüme. Doch nach dem fatalen Start ins neue Jahr stehen die sechs „Tollen Tage“ diesmal unter ganz besonderer Beobachtung. „Die Weltöffentlichkeit wird sehr genau hinsehen, wie Köln diese Herausforderung meistert“, prophezeite Anfang der Woche Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die nach den Silvestervorfällen nicht immer eine glückliche Figur abgab. Und setzte fast trotzig nach: „Wir werden weiterhin so feiern wie bisher. Das lassen wir uns nicht zerstören.“

Einfach wird das nicht. Trotz eines umfangreichen Sicherheitskonzepts, das den Narren die nötige Narrenfreiheit gewährleisten soll. Rund 2500 Polizisten, so viele wie nie zuvor, patrouillieren in diesen Tagen in Zwölf-Stunden-Schichten durch Kölns Straßen, um jedwede Entgleisung des jecken Treibens zu unterbinden. Die Kölner Verkehrsbetriebe und das Ordnungsamt haben personell kräftig aufgestockt.

„Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“

Die Sicherheitsbehörden fürchten nicht nur eine Wiederholung der Vorfälle in der Silvesternacht – man gehe auch von einer „abstrakt hohen Gefährdungslage im terroristischen Bereich aus“, sagt der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies. Knapp 40 bekannten Gewalttätern ist das Betreten bestimmter Bereiche schon im Vorfeld untersagt worden. Andere „potenzielle Straftäter“ haben in den vergangenen Tagen als kleine Warnung „Besuch“ von der Polizei bekommen. Indes: „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“, darin sind sich alle einig.

In der Sakramentskapelle des Kölner Doms wird um neun Uhr der letzte Gottesdienst des Tages gefeiert. 30 Gläubige senken die Köpfe, als der Priester ihnen versichert, dass Jesus ihnen helfen werde, ihre Konflikte zu lösen. Von draußen hört man das Johlen der Narren. Die schweren Bronzetüren am Hauptportal werden heute nicht geöffnet. Um 9.45 Uhr schließt auch das schmale Nordportal bis zum nächsten Morgen um sechs Uhr.

Und zum ersten Mal in der Geschichte des Doms ist das Gebäude rundum mit Bauzäunen abgesichert, um es vor Vandalismus und urinierenden Männern zu schützen. Auch das eine Reaktion auf die Vorfälle in der Silvesternacht. Um zwölf Uhr schieben an diesem sehr speziellen Donnerstag zudem 250 Mitglieder der altehrwürdigen Karnevalsgesellschaft „Rote Funken“ symbolisch Wache vor den verwitterten Sandsteinmauern, um sie vor „Wildpinklern“ zu schützen. Tapfer halten sie ein Plakat mit dem Logo des Doms in den Himmel: „Nit dunn, seht ehr ni, dat he d’r Dom steiht?“

Vor dem „Früh am Dom“ stehen die Jecken schon seit acht Uhr morgens Schlange. Security-Mitarbeiter tasten jeden Gast ab, ob er Waffen oder Flaschen dabei hat. Nicht einmal ein Fläschchen Nasenspray hat in diesem Jahr eine Chance, den Sicherheits-Check zu passieren: „Könnten ja KO-Tropfen drin sein.“ Auf dem Roncalliplatz an der Südseite des Doms parken inzwischen mehrere Polizeiwagen. Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamtes pflügen in der Altstadt durch die Menge. Private Sicherheitsdienste sichern die Zugänge zum Alter Markt. Fast scheint es, als sei Köln heute die sicherste Stadt Deutschlands.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was feiernde Frauen zur erhöhten Polizeipräsenz in Köln sagen.

„Weg mit dem Ding“, raunzt Mathias H. vom Sicherheitsdienst „TUEG Schillings“ einen Jecken an, der sich einen Kanister auf den Rücken geschnallt hat. „Sonst kommt du hier nicht rein.“ In dreifacher Mannschaftsstärke seien die Kollegen und er in diesem Jahr angetreten, sagt H. Sein Augenmerk gilt Jacken, die sich verdächtig ausbeulen, und Waffenattrappen. „Das geht gar nicht.“ Darin ist er sich mit Kölns Polizeipräsident Mathies einig, der die Jecken im Vorfeld gebeten hatte, auf „Spielzeugwaffen, die täuschend echt aussehen“ zu verzichten.

Die erhöhte Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften kommt vor allem bei den Frauen gut an. Angst vor Terror? Grapschenden Händen? „Nee“, versichern Elfi, Ulla und ihre Begleiterinnen einstimmig. Die sechs Freundinnen mit dem Logo „Op Jöck“ auf den Jacken sind schon am Vortag aus dem Rheingau angereist. Regen tropft von ihren roten Hüten, die Füße stecken in identischen roten Kunstfellstiefeln. Alter Markt, Neumarkt und dann zurück nach Hause – das war in den vergangen Jahren ihr Weiberfastnacht-Programm. Und das wird auch in diesem Jahr ihr Programm bleiben. „Hier ist überall Polizei, und das ist auch gut so. Passieren kann überall was.“

„Lass mich von so einem Scheiß nicht vom Feiern abhalten“

Kathrin aus Stuttgart sieht das genauso. „Ich lass mich doch nicht von so einem Scheiß vom Feiern abhalten“, sagt sie. Sie ist 68 Jahre alt und wie in jedem Jahr als Teufel unterwegs. „Wo kommen wir denn hin, wenn die uns die Freude verderben? Dann hätten die ja gewonnen, und das will ich nicht.“

Dennoch: In der Zentrale von „Köln Tourismus“ herrscht gähnende Leere. Geschäftsführer Josef Sommer, der in einem bunten Kostüm steckt, ist an Weiberfastnacht durchaus etwas mehr Betrieb gewohnt. Mag sein, dass der Besuchermangel dem miesen Wetter geschuldet ist. Mag sein, dass es andere Gründe gibt für die mangelnde Nachfrage nach Informationen. Die Buchungslage sei glücklicherweise gut, sagt Sommer. „Manche Hotelportale melden sogar mehr Buchungen als sonst.“ Das stimme ihn optimistisch. „Doch es wäre fatal für Köln, wenn noch etwas passiert.“ Dichter Regen fällt vom Himmel, ein kalter Wind fährt den Jecken unter die bunten Jacken und Perücken. Trotzdem wird gesungen, getanzt, gehüpft, getrunken.

Viele haben sich als Polizisten, als FBI-Mitarbeiter oder Sicherheitsleute verkleidet. Auch den Frauen baumeln falsche Handschellen von Gürteln, sie tragen Käppis aus Lack und Leder – fast so, als wollten sie die latente Bedrohung weglachen, unter der nicht nur der Kölner Karneval in diesem Jahr leidet.

Ein paar Meter weiter, auf dem Roncalliplatz, steht einsam ein bunt beklebter Bauwagen: der „Frauen Security Point Köln“. Er dient als Anlaufstelle für Frauen, die sexuell belästigt wurden, und ist Teil des neuen Sicherheitskonzepts der Stadt. Eigentlich soll er ab elf Uhr elf besetzt sein, doch niemand ist zu sehen. Journalisten aus ganz Europa umkreisen ihn ratlos mit ihren Kameras. Auch mögliche Opfer finden sie hier nicht. Stattdessen stellen sich Anna, Marie und Sofia aus Gladbach vor den Wagen und bitten um ein Foto. „Um denen zu Hause zu zeigen, wie sicher wir uns fühlen“.

„Alles ruhig. Keine besonderen Vorkommnisse“, melden Polizei, Stadt und Festkomitee wenig später in einer ersten Tagesbilanz. Alles ruhig – das hatte die Polizei nach Silvester allerdings auch erstmal gesagt.

nächste Seite Seite 1 von 2