31.07.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Atomreaktor: Störfall jahrzehntelang vertuscht

Ungefährlich? Störfälle in Atomreaktoren können schnell unbeherrschbar werden.

Ungefährlich? Störfälle in Atomreaktoren können schnell unbeherrschbar werden.

Foto:

dpa

Köln -

Nein, man kann es nicht wirklich begreifen, auch wenn man berücksichtigt, dass die Haltung zur Kernenergie in den 60er und 70er Jahren noch eine andere war. Der Bericht einer unabhängigen Expertenkommission zum ehemaligen Forschungsreaktor in Jülich, der jetzt bekanntwurde, stellt den Betreibern ein verheerendes Zeugnis aus. Störfallmeldungen wurden verharmlost, Sicherheitsschalter manipuliert, bei Problemen eine Vogel-Strauß-Politik betrieben - offenbar aus der Geisteshaltung heraus, nicht wahrhaben zu wollen, was nicht wahr sein darf. Eine gefährliche Strahlenbelastung für die Bevölkerung habe es aber nicht gegeben, heißt es in dem Bericht.

Spätestens seit 2008 verdichten sich Hinweise, dass es während des 21 Jahre langen Betriebs massive Unregelmäßigkeiten gegeben hat. Nach Fukushima setzten das Forschungszentrum Jülich und die "Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor" (AVR) eine unabhängige Expertengruppe ein, um die Historie aufzuarbeiten.

Große Euphorie am Anfang

Als der Reaktor 1967 in Betrieb ging, war die Euphorie groß. Eine Kernschmelze schien in dem Versuchsreaktor aus physikalischen Gründen nicht möglich, darin war er den üblichen Leichtwasserreaktoren überlegen. Als Konstruktionsfehler erweist sich im Nachhinein der über dem Reaktorkern gelegene Dampferzeuger, über den die Hitze abgeführt wurde, um unter anderem eine Stromturbine anzutreiben. Bei einem größeren Leck in den Rohren bestand die Gefahr eines Wassereinbruchs - schlimmstenfalls mit der Folge einer Verpuffung und Explosion. "Kühlgasfeuchte zu hoch" hieß eine Sicherheitsschaltung, die bei Überschreitung eines bestimmten Werts eine Schnellabschaltung des Reaktors auslösen sollte. Schon bei drei kleineren Wassereinbrüchen habe die Betriebsmannschaft die Messbereiche allerdings so umgestellt, "dass die Reaktorschutzanregungen unwirksam wurden und der Reaktor wieder angefahren werden konnte", heißt es in der Expertise.

Ähnlich wurde Mitte Mai 1978 auch bei einem bekanntgewordenen "Dampferzeugerstörfall" verfahren. "Der Messbereich wurde noch weiter verstellt, um eine Schnellabschaltung zu vermeiden", heißt es. Auch als nach fünf Tagen immer noch ein zu hoher Füllstand angezeigt wurde, ging man nicht von einem (tatsächlich vorhandenen) Leck am Dampferzeuger aus. Erst als weitere Versuche fehlschlugen, das Wasser bei laufendem Betrieb zu trocknen, wurde der Reaktor einen Tag später abgefahren.

Auch wenn "unstrittig" sei, dass man wegen der Wassermengen von einem GAU weit entfernt gewesen sei, ist die Einstufung in die harmloseste Störfallkategorie doch "definitiv zu niedrig ausgefallen", so die Experten. Insgesamt wurden aus Jülich bis zum Betriebsende 1988 überhaupt nur 48 Ereignisse gemeldet - "deutlich weniger als bei anderen deutschen Kernkraftwerken". Bei Stichproben fanden sich in den Dokumenten auch Hinweise auf andere Ereignisse - einen Säureeinbruch 1971, eine unbeabsichtigte Kettenreaktion 1977, ein Gebläseschaden 1979, wiederholte Störungen an der Beschickungsanlage für den aus rund 100 000 kleinen Brennstoffkugeln bestehenden Reaktorkern ("Core").

Technik wurde angepriesen

Zeitweise wurde der Reaktor mit acht verschiedenen Arten von Brennelement-Typen betrieben - ausgeschlossen, hier noch "reproduzierbare Ergebnisse zu erhalten", urteilt der Berliner Atomexperte und Buchautor Gerd Rosenkranz, den vor allem erschüttert, dass man damals trotz offenbar "grundsätzlicher Probleme" in der ganzen Welt mit diesem Reaktorkonzept "hausieren gegangen" sei, um die Technik anzupreisen.

Auch die Temperatur im Reaktor war laut Experten sehr viel höher, als es die Berechnungen erlaubten. Als Reaktion darauf wurde einfach der zulässige Grenzwert hochgeschraubt. Eine Messung mit sogenannten "Monitorkugeln" bewies, dass mit den Temperaturen etwas nicht stimmte. Dennoch sei zwischen 1972 und 1986 "keine weitere Temperaturmessung mit Monitorkugeln" erfolgt, "obwohl sich viele einschlägige Randbedingungen geändert hatten", heißt es in dem Bericht.

Dass sich die Ursachen für den Temperaturanstieg bis heute nicht rekonstruieren lassen, mutet durchaus gespenstisch an. Möglicherweise hätten sich auch "mehrere Ursachen überlagert". Für "nicht nachvollziehbar" halten die Gutachter auch, dass nach der Auswertung der Ergebnisse "keine weiteren sicherheitstechnischen Analysen vorgenommen wurden".

Noch kein Grenzwert für Tritium

Menschen und Umwelt seien durch den Betrieb des Reaktors "keiner radiologischen Gefahr ausgesetzt" gewesen, erklärt das Forschungszentrum Jülich. Glück gehabt? Fest steht, dass es insbesondere beim Dampferzeugerstörfall zu erhöhter Freisetzung im Inneren kam und solche Kontaminationen beim Reaktorbetrieb "insbesondere die Strahlenexposition des Betriebspersonals bei Arbeiten am Primärkreis erhöhen". Tritium gelangte auch in die Umgebung. Allerdings gab es dafür 1978 noch keinen Grenzwert: "Der später festgelegte Grenzwert wäre aber etwa um das Dreifache überschritten worden."

Mental scheinen die Propheten der Hochtemperaturreaktor-(HTR)-Technologie darauf getrimmt gewesen zu sein, Probleme lieber zu vertuschen. Die Experten sprechen von Verhaltensweisen, "die einerseits ein ausgeprägtes Überlegenheitsgefühl aufwiesen, andererseits aber auch eine unzureichende Fähigkeit zur Selbstkritik und eine Unterschätzung der Schwachstellen beim HTR-Konzept und bei konkreten Anlagen erkennen ließen". Zu konstatieren sei allerdings auch "ein hohes Maß an Idealismus und an persönlicher Integrität".