26.07.2016
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Kursziel null Euro: Wie böswillige Gerüchte einem Unternehmen schaden

Symbolbild Aktienkurs

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dpa

Die Studie schlug ein wie eine Bombe: Auf 60 Seiten nahmen die Analysten von Zatarra Research & Investigations den Münchner Anbieter für Bezahldienste Wirecard auseinander. Wirecard mache illegale Geschäfte und betreibe Geldwäsche, so der Vorwurf im Kern. Die  Wirecard-Aktie sei wertlos. Das Kursziel laute null Euro.

Die Warnung verfehlte ihre Wirkung nicht: Der Aktienkurs des bis dahin als kerngesund geltenden Unternehmens brach schlagartig um mehr als 20 Prozent ein. Das war am 24. Februar. Seitdem bemüht sich das Unternehmen mit aller Macht, die Vorwürfe zu entkräften.  „Wir sind allen Vorwürfen nachgegangen. Jeder einzelne Punkt ist falsch. Das sind haltlose Unterstellungen“, sagte Unternehmenschef  Markus Braun. Um wieder Vertrauen bei den Investoren zu gewinnen, kaufte Braun Ende Februar aus seinem Privatvermögen für fast acht Millionen Euro Wirecard-Aktien  und ist nun  größter Aktionär des Unternehmens.

Zatarra, eine ominöse Firma

Geholfen hat das freilich nichts. Der Aktienkurs des im Technologieindex Tecdax notierten Unternehmens gab weiter nach. Am Mittwoch machte der Kurs dann immerhin wieder einen kleinen Sprung nach oben. Der Grund: Wirecard hat seine Gewinnprognose für das laufende Jahr deutlich erhöht. Trotzdem ist der Aktienkurs noch weit von seinem Höchstkurs entfernt, den er vor der vernichtenden Prognose von Zatarra erreicht hatte. Dabei sind die Vorwürfe  zumindest in Zweifel zu ziehen. Denn Zatarra ist eine ominöse Firma. Sie verrät weder die Autoren der Studie noch nennt sie eine postalische Adresse oder Telefonnummer. Im Internet wird nur eine Email als Kontaktadresse angezeigt. Gegründet wurde die Firma erst kurz bevor die Studie verfasst wurde. Bis heute hält Zatarra an den Vorwürfen fest.

Aus diesen Gründen drängt sich der Verdacht auf, dass die Gerüchte bewusst gestreut wurden, um den Aktienkurs abstürzen zu lassen. Es wäre ein besonders krasser Fall von Kursmanipulation. Hinter Zatarra könnten so genannte Short-Trader stecken, also Spekulanten, die auf fallende Kurse setzen. Zatarra hat mittlerweile eingeräumt, selbst mit Wirecard-Aktien zu handeln.

Finanzaufsicht schaltet sich ein

Die Finanzaufsicht Bafin ist bereits aktiv geworden: „Wir prüfen routinemäßig, ob es Handel in diesen Wertpapieren im Hinblick auf mögliche Marktmanipulationen gab“, sagte eine Bafin-Sprecherin auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Auffällig ist: Zatarra ist auch der Name einer  Figur aus dem Roman „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas.  In dem Roman wird Zatarra aus dem Gefängnis entlassen und sinnt nach Rache. Sind es auch Rachegelüste, die die Analysten von Zatarra umtreiben?  Diese Vermutung jedenfalls drängt sich auf, wenn man noch weiter zurückblickt: Im Jahr 2008 nämlich war Wirecard schon einmal Zielscheibe von Short-Attacken von Spekulanten. Damals wurden zwei Täter erwischt und sogar verurteilt. Einer davon war Mitarbeiter der Aktionärsvereinigung SdK. Der Vorfall war nicht gerade positiv für das Image der Aktionärsschützer.

Die Täter von damals sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Sie könnten hinter den Analysten von Zatarra  stecken und sich nun an Wirecard rächen wollen, so die Vermutung – wie die  Figur aus dem Grafen von Monte Christo.

Könnte jedem Unternehmen passieren

„Was Wirecard gerade passiert, kann heute im Prinzip jedem  börsennotierten Unternehmen passieren“, sagt Robert Halver, Aktienexperte der Baader-Bank. „Denn jeder kann irgendwelche negativen Gerüchte über bestimmte Firmen im Internet  streuen.“ Umso wichtiger sei es deshalb, dass Unternehmen, die Zielscheiben solcher Attacken werden, offensiv damit umgehen und für größtmögliche Transparenz sorgen, damit die Investoren das Vertrauen nicht verlieren, so Halver.

Ob Wirecard hier alles richtig gemacht hat, ist zweifelhaft. Das Unternehmen reagierte jedenfalls nicht sofort auf die Vorwürfe, sondern erst als diese durch Medien verbreitet wurden.  Hinzu kommt, dass das Geschäftsmodell von Wirecard für Außenstehende nur schwer zu verstehen ist. Die Firma wickelt Zahlungen für andere Unternehmen ab. Zu seinen Kunden zählen auch Glücksspielanbieter – eine Branche, die stark in Verruf geraten ist.  Zudem bemängeln Kritiker, dass die Firmenstruktur von Wirecard sehr kompliziert sei. All das machte es Zatarra offenbar leicht, Wirecard in Misskredit zu bringen.


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