29.07.2016
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Moderne Trauerkultur: Individualismus über den Tod hinaus

Rokstyle, das erste Fashionlabel für Grabsteine

Rokstyle, das erste Fashionlabel für Grabsteine

Foto:

Stein Hanel GmbH

Irgendwas stimmt an dieser Broschüre nicht: Ein blasses Modell ist darauf zu sehen, in elegantes Tüll gehüllt, den Mund leicht geöffnet, lasziver Blick wie in einem gewöhnlichen Modemagazin. Doch sie posiert nicht für Parfüm oder Schmuck, sondern für das „erste Fashionlabel für Grabsteine.“

Vielleicht haben die beiden verantwortlichen Steinmetz-Brüder aus Leutershausen bei Nürnberg auf einen kleinen PR-Coup gehofft und mit dem Text in ihrem Werbematerial ein wenig übertrieben: „Die Marke gewährt innewohnende Lebensfreude und trägt dieses Lebensgefühl über den Tod hinaus.“ So außergewöhnlich sind die Steine gar nicht, ein wenig verziert mit Ornamenten und Swarovski-Blingbling.

Den Geschmack künftiger Kunden könnte „Rokstyle“ – so der Name des Labels – trotzdem treffen. „Bestattung wird zur Frage des Stils“, sagt Norbert Fischer, der sich an der Uni Hamburg mit Trauerkultur und Friedhofsgeschichte beschäftigt.

Nachdem Jahrzehnte lang Kirche und Kommunen den Deutschen vorgeschrieben haben, wie ihre Beerdigung und letzte Ruhestätte auszusehen haben, können Sterbende und ihre Angehörigen inzwischen viel phantasievoller mit dem Tod umgehen.

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends entwickelt sich das traditionelle Reihengrab zum Auslaufmodell – das Familiengrab hat schon länger ausgedient. Die Vorschriften was Form und Aussehen von Gräbern angeht, werden vielerorts gelockert, die Bestatter reagieren darauf mit Innovationen beim Design. Auch die Zeremonien werden individueller. Gut so, meint der Historiker Fischer. „Die Trauerkultur muss der gesellschaftlichen und kulturellen Vielfalt Rechnung tragen.“

Auf Schalke oder in den Weltraum

Das fängt bei kleinen Bildern auf dem Grabstein an, die den Charakter oder die Vorlieben des Verstorbenen symbolisieren. Bei der Trauerfeier legt der Bestatter statt Bach-Kantaten gerne auch Rockmusik auf und lässt den Leichnam bei Wunsch von einem Motorad-Korso durchs Dorf fahren. Statt die Lebensgefährtin der Erde zu übergeben, lassen sich die sterblichen Überreste zu einem Diamanten pressen. Fluss- oder Seebestattungen etwa sind längst nichts Ungewöhnliches mehr. Jetzt kann man seine Asche sogar in den Weltraum schießen - für 25.000 Euro. Und wer zu Lebzeiten schon in der Kurve des HSV oder auf Schalke gestanden hat, möchte seine letzte Ruhe vielleicht unter dem Rasen der neuen Vereinsfriedhöfe finden.

So viel Individualismus ist jedoch nicht jedermanns Sache. Immer mehr Deutsche lassen sich umgekehrt anonym bestatten. Für die Angehörigen ist das praktisch, denn sie sparen sich die Pflege und einen großen Teil der Kosten für die Beerdigung. Für viele ist selbst eine ganz gewöhnliche Bestattung unerschwinglich geworden, seitdem das Sterbegeld 2004 abgeschafft wurde.

Volker Faßbender, Inhaber der Bestattungsfirma Kröger in St. Augustin, hat auf diesen Einschnitt reagiert. Auch privat: Seinen beiden Kindern hat er zu ihrem 14. Geburtstag jeweils eine Sterbegeldversicherung eingerichtet. „Das sollte für alle Pflicht werden“, sagt Faßbender. Dadurch  würde auch die Zahl der anonymen Bestattungen abnehmen,  die nach Angaben der Verbraucherinitiative Aeternitas auf nunmehr rund 20 Prozent gestiegen sind.

Probleme bei Sonderwünschen 

Faßbender gefällt es, individuelle Wünsche umzusetzen. Immer häufiger fragen ihn seine Kunden zum Beispiel nach Waldbestattungen, bei der eine Urne neben den Wurzeln eines Baumes eingesetzt wird. Das klingt romantisch. Bringt aber auch Probleme mit sich. „Die Bäume stehen manchmal mitten im Wald und sind nicht immer gut zu erreichen“, sagt Faßbender.

So interessant die Alternativen für die Trauernden sind, die Trends verschärfen die Probleme für die Verwalter der Friedhöfe und führen noch immer oft zu Konflikten mit den Regularien. Erst kürzlich musste eine Familie darum kämpfen, den Grabstein für ihren verstorbenen Sohn mit dem Logo des BVB verzieren zu können. Erst nach vielen Gesprächen und einem starken Medienecho konnten sich die Angehörigen mit dem kirchlichen Betreiber einigen.

Und weil immer mehr Hinterbliebene den Friedhof ganz meiden, bleiben vor allem in Städten viele Grabflächen leer. Auch ungenutzte Parzellen verursachen jedoch ungeheure Kosten: laut Aeternitas deutschlandweit rund 300 bis 500 Millionen Euro jährlich. Kein Wunder, dass die Ausgaben für jene steigen, die ihre verstorbenen Angehörigen wie gewohnt unter die Erde bringen wollen. Ein Teufelskreis, der am Stellenwert der herkömmlichen Grabstätte in unserer Gesellschaft kratzt.

Ganz unschuldig scheint an dieser Entwicklung ausnahmsweise das Internet zu sein. Manche befürchteten schon, dass Trauerportale oder sogar Facebook die Erinnerungskultur am Friedhof ersetzen könnten. Laut dem Hamburger Trauerforscher Norbert Fischer hat eine Studie aber kürzlich das Gegenteil bewiesen: Wer sich online für die Erinnerung an seine Liebsten engagiert, tut das offenbar verstärkt auch auf den Friedhöfen. Für die technische Verbindung dieser zwei Welten sorgt unlängst der Kölner Steinmetz Andreas Rosenkranz.

Vom Friedhof ins Internet

Im Herbst erregte er landesweit große Aufmerksamkeit, als er zum ersten Mal in Deutschland Entwürfe von Grabsteinen mit QR-Codes vorstellte. Mit den Codes können Friedhofsbesucher über ihr Handy Informationen des verstorbenen abrufen und so beispielsweise Bilder und Videos ansehen.

In Köln hat noch niemand eines seiner Werke bestellt, dafür kamen umso mehr Anfragen aus Süddeutschland. Trauerkultur ist dynamisch und verändert sich mit der Zeit, sagt Rosenkranz. Ebenso unsere Vorstellung vom Friedhof. Trotzdem: „Das individuelle Grabmal wird es immer geben“, ist der Steinmetz sicher.