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Schüler pausenlos unter Druck

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Immerzu pauken: Das hat unter Umständen sogar einen negativen Lerneffekt.

Ob Einzelunterricht von privat oder in kleinen Gruppen an einem Nachhilfe-Institut - der Markt boomt.

Tom ist sieben und nach Überzeugung seiner Lehrer ein ganz aufgewecktes Kerlchen. Die Leistungen des Drittklässlers, der zweisprachig aufwächst, liegen gut über dem Durchschnitt. Die Eltern dürften eigentlich nicht klagen. Toms Alltag ist für einen Grundschüler mehr als die Norm: Der reine Sachunterricht an einer teuren Privatschule geht von 8.30 Uhr bis 15.15 Uhr. Zweimal pro Woche ist Tennis angesagt, einmal Schwimmen. Seit Neuestem hat seine Mutter „Kumon“ für Tom entdeckt, sein drei Jahre jüngerer Bruder Bennet ist auch schon angemeldet.

Dienstags und freitags sitzt Tom in einem Klassenraum in einer Kölner Grundschule und paukt ellenlange Zahlenreihen im Akkord, die Uhr ständig im Blick. „Es ist so wichtig, dass die Kinder so früh wie möglich lernen, sich zu konzentrieren“, begründet die Mutter die Wahl der Lernmethode für 65 Euro im Monat, die nach japanischem Vorbild Kindern ein Gespür für Zahlen und Logik vermitteln soll.

„Das ist sinnentleerter, stumpfsinniger Drill“, sagt dagegen Michael Fritz vom Transfer-Zentrum für Neurowissenschaft und Lernen der Ulmer Universität und ergänzt: „Fremdbestimmtes Lernen ist nicht gerade die beste Motivation.“ Toms Mutter hingegen freut sich über erste Erfolge: „Kinder trödeln doch sonst so gerne. Aber mit dieser Methode kriegt man das weg.“ Dem Kind mache es zwar keinen Spaß, aber „da muss er durch“.

„Heutzutage sind Eltern viel zu sehr fixiert auf schulische Dinge“, sagt der Bielefelder Jugendforscher Professor Christian Palentien. Das eigentliche Leben sei schließlich auch ein wesentlicher Prozess des Lernens. Jedes Grundschulkind müsse erst einmal seinen ureigenen Rhythmus finden, und dazu bedarf es Zeit, betont der Erziehungswissenschaftler. Er verweist auf das PISA-Land Finnland: „Die haben das erkannt und schulen erst mit sieben Jahren ein“.

Der Jugendforscher warnt auch vor den Folgen. Kinder, die von ihren Eltern zu Höchstleistungen angetrieben würden, reagierten häufig mit Gesundheitsstörungen wie Allergien und Asthma, haben Studien an der Bielefelder Uni festgestellt: „Wer derart unter Druck steht, reagiert sich auf dem Schulhof mit aggressivem Verhalten ab.“ Palentien spricht von dem immer häufiger auftretenden Phänomen, „dass nicht die Brennpunktkinder, sondern die aus der Mittelschicht durch Gewalt auffallen“.

Stefan ist neun und gibt in der vierten Klasse nicht den geringsten Anlass zur Klage. Gleichwohl hat seine Mutter ihrem Sohn zusätzlichen Einzelunterricht bei einer Grundschullehrerin im Erziehungsurlaub verordnet. Der Junge mit den sehr guten bis guten Leistungen soll nicht auf irgendeine höhere Schule, sondern auf ein Elite-Gymnasium. „Draußen spielen mit Gleichaltrigen wäre sinnvoller für ihn, bei den Super-Leistungen. Aber soziale Kompetenz kann ich ihm nun mal nicht beibringen“, kommentiert die unterrichtende Pädagogin und hält den Einzelunterricht „für völlig unnötig“.

Der Nachhilfe-Markt boomt. Ob Einzelunterricht von privat oder in kleinen Gruppen an einem Nachhilfe-Institut: In einer Welt, in der die Bildung eine immer größere Rolle spielt, „ist die Förderung des Kindes eine Investition in die Zukunft“, werben die Anbieter um Kundschaft.

Der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer von der Ulmer Universität warnt hingegen vor zusätzlichem Schulstoffangebot im Grundschulalter: „Wenn Grundschüler lernen, das Gehirn falsch zu benutzen, arbeiten sie gegen das Gehirn.“ Sein Kollege Michael Fritz vom Transferinstitut ergänzt: „Wenn ich das Hirn ständig voll stopfe, gebe ich ihm keine Chance, das Gelernte abzuspeichern.“

„Da wird viel Geld mit verdient,“winkt auch Pädagogin Helene Nau ab. Die langjährige Direktorin an einer Kölner Grundschule hält den Einzelunterricht bereits für Erstklässler in der Regel für „überzogen“ und kritisiert die Vorgehensweise der Institute: „Bei den Einstufungstests ist da grundsätzlich jedes Kind erst einmal Legastheniker.“ Nachhilfe mache „nur dann Sinn, wenn echte Defizite vorhanden sind oder die Schule versagt“, unterstreicht Pädagoge Fritz. Ohne Frage müsse der Schulstoff zu Hause auch wiederholt angewendet und geübt werden. Nur komme es eben dabei auf die richtige Form und die entsprechende Dosis an. „Wer beim Lernen Spaß hat, der ist auch motiviert, weiter dazuzulernen.“

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