Panorama
Nachrichten, Bilder und Videos zu Leben, Wetter und Prominenten

Vorlesen
0 Kommentare

Song Contest : Der ESC ist eine Bastion der Anarchie

Erstellt
An Startnummer elf wird für Deutschland die Disco-Pop-Formation Cascada mit dem Lied „Glorious“ antreten.  Foto: dpa
Die Faszination des ESC überlebt trotz überzuckerter Show und veralteter Punktevergabe. Man weiß, man könnte seine Zeit sinnvoller nutzen. Stattdessen kann man seinen Blick – wie bei einem Verkehrsunfall – einfach nicht von dieser Show abwenden.  Von
Drucken per Mail
Köln/Malmö

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen Pralinen und nehmen sich vor, nur eine einzige zu essen. Sie stellen die Schachtel in den Schrank. Sie setzen sich auf das Sofa, doch Ihre Gedanken kreisen immer nur um die Schokolade. Sie gehen wieder zum Schrank, essen noch eine Praline. Und so geht es weiter – bis die Schachtel leer ist. Danach ist Ihnen ein bisschen schlecht, Sie haben ein schlechtes Gewissen, aber irgendwie hat es auch Spaß gemacht. Für die nächsten Wochen und Monate haben Sie von Pralinen allerdings erst mal genug.

So wie mit diesen Kalorienbomben ist es auch mit dem Eurovision Song Contest, kurz ESC (Samstag, 20.15 Uhr, ARD). Süß und klebrig, ja völlig überzuckert kommt einmal im Jahr dieser europäische Gesangswettbewerb daher. Man weiß, man könnte seine Zeit sinnvoller nutzen. Man könnte ein geistreiches Buch lesen, einen guten Film sehen oder ein bisschen klassische Musik hören. Stattdessen kann man seinen Blick – wie bei einem schlimmen Verkehrsunfall – einfach nicht von dieser Show abwenden. Denn ein Blick in die Halbfinals, die diese Woche in Malmö stattfanden, reicht aus, um zu wissen: Hier ist alles möglich. Frauen, die von Riesen auf die Bühne getragen werden, Kostüme, die von der zarten Elfe im weißen Kleidchen über rappende Astronauten, Männer in Röcken bis hin zur völlig überschminkten Diva im Glitzerfummel reichen. Musik von der schmachtenden Ballade bis zur sinnfreien Ska-Folklore-Nummer „Alcohol Is Free“ waren da zu bestaunen. Dazu viel Pyrotechnik. Das alles ist wie ein Kindergeburtstag auf Extasy.

Dabei sind sie Regularien der Show penibel festgelegt: Die Interpreten müssen mindestens 16 Jahre alt sein. Jeder Interpret darf in einem Jahr nur für ein Land antreten. Das Lied muss live gesungen werden. Lied oder Auftritt dürfen keine politische Botschaft enthalten, Werbung für etwas machen oder Schimpfwörter enthalten. Beim Auftritt dürfen keine lebenden Tiere mitwirken. Nein, das Regelwerk klingt nicht so, als sei das alles eine Spaßveranstaltung. Welch Irrtum. Denn auch wenn die Europäische Rundfunkunion, die den Wettbewerb verantwortet, die Einhaltung dieser Regeln akribisch überwacht, so ist der ESC in Wahrheit die letzte Bastion der Anarchie.

Fernsehen ist ein schnelllebiges Geschäft, was vor zehn Jahren noch modern war, will heute niemand mehr sehen. Nur der ESC ist seit Jahrzehnten nicht totzukriegen. Rund 125 Millionen Zuschauer hat das große Finale jedes Jahr. Und jeder – egal, ob in Finnland, Portugal oder Polen – weiß, was ihn erwartet. Dauerlächelnde Moderatoren, nichtssagende Einspielfilmchen, die Auftritte und schließlich die endlos lange Punktevergabe mit dem immer gleichen Ablauf: Dank für die fantastische Show. Zwölf Punkte gehen an …

Nichts bleibt, wie es ist. Das gilt auch und vor allem für Europa. Die europäische Gemeinschaft befindet sich in ihrer vielleicht größten Krise. Die wirtschaftlichen Probleme stellen die Solidarität mit den Nachbarländern auf eine harte Probe. Doch einmal im Jahr spielt all das keine Rolle. Beim ESC hat Serbien dieselben Chancen wie Deutschland, ist Estland auf Augenhöhe mit Frankreich. Es geht darum, ein paar Stunden lang Spaß zu haben, den tristen Alltag zu vergessen. Und immer zu wissen: Es ist völlig egal, wer gewinnt. Hauptsache, die Party war ein Erfolg.
Die Mutter von Forrest Gump hat gesagt: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt.“ Aber sie kannte ja auch den Eurovision Song Contest nicht.

Auch interessant
Anzeige
Videos
Kunden testen neuen Toyota i-Road
Anzeige
Toyota i-Road

Im Rahmen des neuen i-Road-Testprojekts testen 20 Personen die innovativen Fahrzeuge.

Unsere Sonderveröffentlichungen
FACEBOOK
Hintergrund
Köln
Das Jahr der Luft- und Raumfahrt

Die Kölner Wissenschafts- runde hat 2013 das Jahr der Luft- und Raumfahrt ausgerufen. Wir zeigen Protagonisten, Reportagen, Interviews, Bilder und  Videos.

Kleinanzeigen
Service

Was bringt Ihnen der der heutige Tag? Was kommt in dieser Woche auf Sie zu? Lesen Sie Ihr aktuelles Horoskop.

ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!

Service
Peinliche SMS

Aktuelle News: Wer nichts verpassen will, wählt den SMS-Service. Das Angebot können Sie jederzeit und nach Bedarf empfangen.