Paralympics 2012
Nachrichten, Berichte und Videos zu Paralympics 2012 in London

Vorlesen
0 Kommentare

100-Meter-Finale: Heinrich Popow sprintet zu Gold

Erstellt
Zieleinlauf beim 100-Meter-Finale: Popow, Reardon, Czyz (v.r.). Foto: dapd
Der Leverkusener Heinrich Popow hat bei den Paralympics Gold über ein 100 Meter gewonnen. Doch wieder einmal gab es Kritik. Sein Konkurrent Wojtek Czyz warf Popow vor, ihm allein habe ein spezielles Kniegelenk zur Verfügung gestanden.  Von
Drucken per Mail
London

Heinrich Popow muss seine Mutter fürchten. Sie will kochen, reichlich und fett, damit er Gewicht zulegt, langsamer wird, den Leistungssport aufgibt. Popow hat als Kind sein linkes Bein verloren, wegen eines Tumors. Seine Mutter glaubt, dass die ewige Anstrengung seinem verbliebenem Bein schade. Sie war in London im Stadion, zum ersten Mal, mit 80 000 fröhlichen Menschen. Sie sah ihren Sohn über 100 Meter rennen wie eine Rakete und in 12,40 Sekunden Gold gewinnen, und sie hörte Interviews, die Popow zum wohl beliebtesten Paralympier Deutschlands machen. Interviews, in denen er über die Furcht vor seiner Mutter spricht. Mit Ironie, ohne Floskeln. Ein Sportler gewordenes Lächeln.

Heinrich Popow, geboren in Kasachstan, aufgewachsen im Westerwald, verkörpert die Professionalisierung des Behindertensports. "Wir werden endlich als Leichtathleten wahrgenommen", sagt er. "Nicht mehr als Behinderte und Außenseiter." Das Team des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) hat die Paralympics von London auf Platz acht der Nationenwertung beendet, mit 66 Medaillen, 18 in Gold. Vor vier Jahren in Peking hatte sie Rang elf belegt: 59 Medaillen, 14 in Gold.

Man sollte diese Wertung nicht zu ernst nehmen, aber ein Eindruck bleibt: "Es wird weiter aufwärts gehen", glaubt Heinrich Popow. In China hatte er Silber über 100 Meter gewonnen. "Ich hatte vier Jahre nur dieses eine Ziel." Popow hat in seinem Verein Bayer Leverkusen mit nichtbehinderten Athleten trainiert, er hat mit einer Agentur ein Marketingkonzept erarbeitet, er hat an seiner Prothese geschraubt, wie immer seit Beginn seiner Laufbahn. "Die Prothese ist nie wirklich fertig. So wie ich selbst."

Der Perfektionist Popow ist ein ziemlich olympischer Paralympier. Er ist selbstbewusst, inszeniert sich - und ist umstritten. Sein Kollege Wojtek Czyz aus Kaiserslautern warf ihm vor dem Finale am Freitag Technikdoping vor. Nur Popow habe ein spezielles Kniegelenk zur Verfügung gestanden. Der Gescholtene wies diese Vorwürfe zurück. Genauso wie sein Partner Otto Bock, der Weltmarktführer in Prothetik und Organisator der Paralympics-Werkstätten seit 1988. Seit Jahren reist Popow in die Firmenzentrale nach Duderstadt, um Fortschritte zu diskutieren. Der DBS rügte die Kritik von Wojtek Czyz, doch die Funktionäre blieben gelassen: Mit der Professionalisierung kommt der Streit.

Heinrich Popow kommt dem Etikett des Stars am nächsten, aber ein Vollprofi ist er nicht. In der Fußball-GmbH von Bayer Leverkusen ist er halbtags als System-Administrator tätig. Der Werksverein gewährt ihm Freiräume, die nicht alltäglich sind. "Wir müssen Modelle für eine duale Karriere ausbauen", sagt Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams. Zwei große Sponsoren haben im sogenannten Top Team die Vorbereitung auf die Paralympics von 52 Athleten unterstützt. Sie zahlten ihren Arbeitgebern einen Verdienstausfall für Training und Wettkämpfe und sie stellten Mittel für Material und Trainingslager zur Verfügung. Das Geld war auch für Heinrich Popow eine Ergänzung, kein ausreichendes Grundeinkommen.Wegen ihrer Behinderungen haben die Paralympier keinen Zugang zu den Sportfördergruppen von Bundeswehr und Bundespolizei. Das will der DBS durch elf Stellen im Öffentlichen Dienst ausgleichen: Die Schwimmerin Tanja Gröpper arbeitet im Statistischen Bundesamt, die Handbikerin Andreas Eskau im Bundesinstitut für Sportwissenschaft. "Wir haben ein Nachwuchsproblem", sagt Heinrich Popow. "Wir müssen systematisch sichten, vieles passiert durch Zufall." Das Durchschnittsalter der 150 deutschen Paralympier liegt bei 33 Jahren. Mehrere Jugendlager aus Deutschland waren in London zu Gast. Der DBS, der sechs hauptamtliche Trainer beschäftigt, wird sein junges Fördersystem weiter entwickeln und dabei an die Breite denken. Das deutsche Team gewann in elf Sportarten Medaillen, einer der besten Werte.

Viele Politiker und Unternehmer haben den DBS in London besucht. Laut einer Studie des Forschungsinstituts Sport und Markt sehen 76 Prozent der Befragten die Paralympier als Vorbilder. Werden Konzerne die Behindertensportler als Werbefiguren entdecken? Heinrich Popow hätte nichts dagegen. Jeden Morgen ist er in den sozialen Netzwerken unterwegs und tritt mit Fans in Kontakt. "Das motiviert mich." Wegen der vielen Interviewanfragen hatte er vor den Paralympics eine Agentur mit der PR beauftragt. "Meine Freunde haben schon gefragt, ob ich Schauspieler werden möchte." Möchte er nicht. Auch wenn er das Zeug dazu hätte.

FACEBOOK
Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!

Service
Peinliche SMS

Aktuelle News: Wer nichts verpassen will, wählt den SMS-Service. Das Angebot können Sie jederzeit und nach Bedarf empfangen.