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Spagat: Zwischen Tradition und Revolution

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Daniel Harding Foto: Deutsche Grammophon/Julian Hargreaves

30. Mai - Rafał Blechacz und das Mahler Chamber Orchestra mit Schumann und Henze verleihen der Domstadt für einen Abend eine rhythmisch-pulsierende Kraft.

Wann waren Sie das letzte Mal am Rhein? Haben Sie dort auch diese rhythmisch-pulsierende Kraft gespürt, die zu Beginn von Robert Schumanns »Rheinischer« Sinfonie erklingt? Wie der volle Orchesterklang heranschwappt und dann in majestätischem Strom, von wellenartigem Impuls angetrieben, dahinfließt? Auch wenn man hier gerne etwas Programmatisches heraushören möchte – Schumann selbst strich alle Bezeichnungen in seiner Sinfonie, die er zuvor illustrierend im Manuskript notiert hatte, kurzerhand wieder. Nicht einmal der Beiname »Rheinische Sinfonie«, der gerne mit dem lebensfrohen Treiben der Rheinländer, von verträumten Sommernächten, vom Land der Weinberge und dergleichen mehr assoziiert wird, stammt von ihm. Selbst wenn es stimmen sollte, dass der eigenartige vierte Satz inspiriert war von der feierlichen Erhebung des Kölner Erzbischofs Geissel zum Kardinal, ist diese Szene noch lange nicht Gegenstand der Musik; noch bei der Uraufführung trug dieser von choralartigen Bläserpartien geprägte Satz den Titel »Im Character der Begleitung einer feierlichen Ceremonie«, der dann aber bei der Drucklegung in »Feierlich« umbenannt wurde: Schumann meinte, »man dürfe den Leuten nicht das Herz zeigen«, da ihnen »ein allgemeiner Eindruck des Kunstwerkes … besser« täte. Ausgelassen ist diese chronologisch letzte Sinfonie Schumanns sehr wohl, erfüllte den Komponisten doch eine gewisse Euphorie, als er 1850 mit seiner Frau Clara und den Kindern nach Düsseldorf umgezogen war, um dort das Amt als Städtischer Musikdirektor anzutreten. Nur wenige Tage später begann er, seine Sinfonie zu schreiben. Der Anblick des Kölner Domes habe ihn inspiriert, berichtete er später. In dieser Zeit scheint Schumann voller Lebensfreude, Hoffnung, Tatendrang und Aufbruchstimmung gewesen zu sein, denn die fünf Sätze der Sinfonie entstanden in gut 30 Tagen (allein die Skizze zum ersten Satz schrieb er in nur zwei Tagen nieder)! Die Eindrücke der neuen Umgebung haben ihn sehr wohl angeregt, denn es ging ihm nun um (s)eine Sinfonie, »die vielleicht hier und da ein Stück Leben widerspiegelt« und in der »volkstümliche Elemente vorwalten«.

Bereits in Schumanns erstem Dresdner Jahr (1845) sollte aus vormals einem Satz (Allegro affettuoso) – betitelt mit »Phantasie für Klavier und Orchester« –, der allerdings keinen Verleger fand, ein dreisätziges »Concert für das Pianoforte mit Begleitung des Orchesters « werden. Er griff dabei nicht nur einzelne Themen wieder auf, sondern knüpfte auch an den kammermusikalischen Charakter der Phantasie an. So tritt der Solist vornehmlich nicht mit dem gesamten Klangkörper, sondern mit einzelnen Instrumenten oder Instrumentengruppen in einen Wechselgesang; Schumann gelang eine starken Verschmelzung von Klavier- und Orchesterklang und eine Erneuerung des »konzertanten« Stils (ein Novum ist zudem das Solo der Celli im Ruhepol des Intermezzos). Schumanns Beitrag zur Gattung stellt das erste bedeutende romantische Klavierkonzert dar. Das erste Werk dieser Gattung, das nach außen hin zwar die »klassische« Dreisätzigkeit bewahrt und im ersten und letzten Satz dem Sonatenschema folgt (Exposition, Durchführung, Reprise, Coda; wer hat es nicht gelernt in der Schule?), aber im Grunde genommen nur aus einem alles umfassenden Satz besteht, der sein formales Korsett ausgesprochen locker geschnürt hat, um seine (thematische) Freiheit ausleben zu können. Es fällt nicht leicht, eine Brücke von Schumann zu Hans Werner Henze zu schlagen, außer dass das Klavierkonzert des einen in der Stadt entstand, wo der andere im Herbst letzten Jahres aus dem Leben schied. Zumal Henzes »Sonata per archi« für Streichorchester von 1957/58 – hier folgen einem Thema 32 Variationen – sich auf Beethoven bezieht – man denke an dessen »32 Variationen über ein eigenes Thema« (WoO 80). Anfang der 1950er-Jahre verließ Henze Deutschland Richtung Italien und verfolgte das Geschehen in seiner alten Heimat nur über die Nachrichten; 1995 erklärte er rückblickend (insbesondere hinsichtlich der Arbeit anderer zeitgenössischer Komponisten wie Pierre Boulez und Bruno Maderna): »...auf mich, der ich fest entschlossen war, meine künstlerischen Entschlüsse auf eigene Faust zu fassen und unabhängig von anderer Leute Dekrete und Glaubenssätze zu arbeiten und zu leben, wirkten diese Nachrichten eher wie aus einer anderen, mich nicht (mehr) interessierenden Welt kommend, wie Nachklänge und Anachronismen.« Auch wenn Henze – wie Beethoven – mit revolutionären Ideen sympathisierte, gehörte er zu denen, die die Kluft zwischen der Neuen Musik und dem breiten Publikum, zwischen der »modernen« Kunstsprache und den vergangenen kompositorischen Errungenschaften wieder verkleinern wollten. In dieser Zeit entstand in Neapel (neben seinen Opern »König Hirsch« und »Prinz von Homburg« und dem Ballett »Undine «) unter anderem seine Streicher-Sonate.

30.05.2013
Donnerstag 20:00 Uhr

(Fronleichnam)
Rafał Blechacz Klavier
Mahler Chamber Orchestra
Daniel Harding Dirigent
Hans Werner Henze
Sonata per archi (1957/58)
für Streichorchester
Robert Schumann
Konzert für Klavier und Orchester
a-Moll op. 54 (1841–45)
Robert Schumann
Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 »Rheinische«
(1850)

€ 62,- 52,- 44,- 32,- 21,- 10,- | Z: € 44,–
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