25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | „Breaking the Silence“ darf in Köln nicht ausstellen: Absage sorgt für Demokratie- und Antisemitismus-Debatte
14. June 2015
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„Breaking the Silence“ darf in Köln nicht ausstellen: Absage sorgt für Demokratie- und Antisemitismus-Debatte

Derzeit ist die Ausstellung "Breaking the Silence" in Zürich zu sehen.

Derzeit ist die Ausstellung "Breaking the Silence" in Zürich zu sehen.

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REUTERS

Köln -

„So haben wir in Gaza gekämpft“, lautet der Titel der Ausstellung, die international für Aufmerksamkeit sorgt. Es handelt sich um einen Report, in dem Aussagen von 60 Militärangehörigen der unterschiedlichsten Dienstgrade zusammengetragen wurden, die die israelische Kriegsführung und das Verhalten der israelischen Armee in den besetzten Gebieten aufs Schärfste kritisieren.

Im Herbst sollte die Ausstellung im Rahmen einer Veranstaltungsreihe im Foyer der Volkshochschule am Haubrich-Hof gezeigt werden. Nach Protesten der israelischen Botschaft hat Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) die Ausstellung nun abgesagt.

Die Beziehung soll nicht gestört werden

Im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der deutsch-israelischen Beziehungen und dem 55. Jahrestag des Schüleraustauschs zwischen Köln und seiner israelischen Partnerstadt Tel Aviv sei die Ausstellung fehl am Platz, lautete die Begründung der Stadt. Sie passe nicht zu den Jubiläumsfeiern, die vor allem das Versöhnliche betonen sollten. Man sei außerdem besorgt, dass die Ausstellung antisemitische Reaktionen hervorrufen könne.

Der Vorsitzende der Kölner Christlich-Jüdischen Gesellschaft, Jürgen Wilhelm, verteidigte die Empfehlung seines Vereins, die Ausstellung abzusagen. Zwar sei die Schau „ein offensichtliches Zeichen demokratischer Kultur in Israel, an der es auf palästinensischer Seite fehlt“. Trotzdem seien die Darstellungen, die allein das Vorgehen der israelischen Armee, nicht aber das der Palästinenser zeigten, in dieser „absoluten Einseitigkeit“ nicht hinnehmbar. „Solange nicht andere Fotos, Filme und Augenzeugenberichte hinzukommen, raten wir von der Präsentation ab“, sagte Wilhelm dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Netanjahu zieht die Fäden

Die Rolle der israelischen Botschaft wollte Wilhelm nicht kommentieren. Die Berliner Diplomaten arbeiteten selbstverständlich auf Weisung der rechten, nationalkonservativen Regierung Netanjahu. Es sei ein „fragwürdiges Mittel“, diplomatischen Einfluss so geltend zu machen, wie hier geschehen. „Ich hätte ein solches Ansinnen zurückgewiesen. Die Stadt Köln hätte ihre Entscheidung auch selbstständig treffen können“, so Wilhelm.

Der Konflikt im Gazastreifen im Sommer 2014 war die gewalttätigste militärische Konfrontation, die die Region in den vergangenen Jahren erlebt hat. 2205 Palästinenser kamen ums Leben, so die Angaben der Vereinten Nationen. 18000 Wohnungen wurden beschädigt oder zerstört, 108000 Palästinenser obdachlos. „Breaking the Silence“ (Das Schweigen brechen) ist eine bekannte israelische Nichtregierungsorganisation, die seit 2004 Aussagen von Soldaten zu ihren Kriegseinsätzen sammelt. Den Aktivisten der Organisation geht es darum, Israel mit der „Wahrheit über seine Politik“ zu konfrontieren.

Vor einigen Tagen hat sie ihren Bericht über die Operation „Protective Edge“ veröffentlicht, den Waffengang im vergangenen Sommer gegen die Hamas in Gaza. Die hohen Todeszahlen und vielen Verletzten seien die Folge einer bewussten Änderung der Art und Weise, in der die israelische Armee ihre Kriege führt, sagt die Organisation. Treffen die Berichte des Reports zu, dann wären in Gaza völkerrechtliche Mindestkriterien wie jene der Genfer Konventionen in eklatanter Manier missachtet worden.

In Israel extrem umstritten

Wenn Soldaten über ihren Dienst sprechen, ist das überall heikel, umso mehr aber in Israel, dessen Existenzrecht immer noch infrage gestellt wird. Die Organisation ist in Israels nationalen Lagern extrem umstritten. Ihre Aktionen lösen dort tiefe Verbitterung aus. Schließlich ist die Armee auch heute noch die wichtigste Institution im Land. Kein Wunder. Denn die israelische Armee versteht sich als die fairste weltweit. Auch im bislang letzten Gazakrieg gab es wiederholt Meldungen, dass palästinensische Bewohner vor Angriffen von den Israelis gewarnt worden seien. Mit ihren Aktivitäten stellt „Breaking the Silence“ das Bild der israelischen Streitkräfte in Frage.

In Deutschland hat das Bild Israels in Folge des jüngsten Gaza-Konflikts stark gelitten. Experten registrieren eine Zunahme antisemitischer Äußerungen und Gewalttaten, die nach dem Gazakrieg 2014 noch einmal an Stärke und Aggressivität zugenommen hätten.

Die Antisemitismus-Expertin Monika Schwarz-Friesel, die heute um 18 Uhr im VHS-Forum über aktuelle Formen von Judenfeindlichkeit diskutiert, sprach von einer „fatalen Israelisierung“ in der gesellschaftlichen Debatte. „Der moderne Antisemitismus artikuliert sich als Kritik des Staates Israel und seiner Politik, und es gibt kaum noch eine Diskussion, die nicht diese Kurve nimmt.“ Das führe zur Belebung des alten Stereotyps vom kollektiven Weltjudentum. „Was aber haben Juden in Deutschland oder anderswo mit dem zu tun, was die israelische Regierung tut?“, fragte Schwarz-Friesel. Zur Ausstellung selbst wollte sich die Berliner Forscherin nicht äußern, da sie diese nicht gut genug kenne.