01.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Kommentar zur Sterbehilfe: Hilfe beim oder Hilfe zum Sterben?
07. August 2014
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Kommentar zur Sterbehilfe: Hilfe beim oder Hilfe zum Sterben?

Die Debatte um aktive Sterbehilfe wird immer wieder leidenschaftlich geführt. In Deutschland ist lediglich passive Sterbehilfe erlaubt, also „Zulassen des natürlichen Sterbens“ durch den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen. (Symbolbild)

Die Debatte um aktive Sterbehilfe wird immer wieder leidenschaftlich geführt. In Deutschland ist lediglich passive Sterbehilfe erlaubt, also „Zulassen des natürlichen Sterbens“ durch den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen. (Symbolbild)

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dpa

Köln -

Sterben kann qualvoll und grausam sein. Ärzte und Angehörige wissen davon zu berichten: von den Ängsten der Sterbenden, von Schmerzen, vom Flehen um Hilfe – um Sterbehilfe. Doch die Möglichkeiten des Arztes sind begrenzt. Zum einen, weil das Ethos seines Berufsstands darauf gerichtet ist, Leben zu bewahren, und nicht darauf, es zu beenden. Zum andern, weil das geltende Recht dem Handeln des Arztes Grenzen setzt. Danach ist ihm „aktive Sterbehilfe“ verwehrt.

Freiheitsstraße als „Totschläger”

Das heißt: Er darf auch einem unheilbar kranken Menschen kein tödlich wirkendes Mittel verabreichen, um seine Sterbensqualen zu beenden. Tut er dies doch, droht ihm als „Totschläger“ eine Freiheitsstrafe. Auch wenn der Sterbende um das tödliche Mittel ausdrücklich und ernsthaft gebeten hat, begeht der Arzt eine Straftat, eine „Tötung auf Verlangen“, die ebenfalls mit Freiheitsstrafe geahndet wird. Außerdem verliert der Arzt seine Approbation. Letzteres gilt auch für den Fall, dass der Arzt bei der Selbsttötung des Patienten lediglich mitwirkt, indem er ihm ein tödliches Medikament zur Verfügung stellt, welches der Patient aber selbst und aus freien Stücken einnimmt. Eine solche Beihilfe zur Selbsttötung, auch „ärztlich assistierter Suizid“ genannt, ist zwar nicht strafbar. Die Bundesärztekammer hat jedoch 2011 in einer Musterberufsordnung jegliche ärztliche Hilfe zum Suizid untersagt.

Passive Sterbehilfe nicht strafbar

Nicht strafbar und mit den ethischen Grundsätzen eines Arztes vereinbar ist hingegen die „passive Sterbehilfe“. Darunter versteht man das „Zulassen des natürlichen Sterbens“ durch den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen oder deren Beendigung. Ein derartiges ärztliches Verhalten setzt voraus, dass medizinische Maßnahmen nicht mehr in Betracht kommen oder aber vom Patienten abgelehnt werden, sei es ausdrücklich oder in einer für den Arzt schlüssigen (konkludenten) Form, sei es aufgrund einer entsprechenden Patientenverfügung. Ärztlich vertretbar und nicht strafbar ist auch die „indirekte Sterbehilfe“. Bei ihr handelt es sich um die palliative Verabreichung von Medikamenten, insbesondere von starken Schmerzmitteln, die sich lebensverkürzend auswirken können. Dabei bewegt sich der Arzt allerdings in einem für ihn kritischen Graubereich zur strafbaren „aktiven Sterbehilfe“.

Nicht zuletzt mit Blick auf diesen Graubereich sowie angesichts einer breiten öffentlichen Zustimmung zu aktiver Sterbehilfe wird über die geschilderte Rechtslage seit Jahren heftig diskutiert. Die Forderungen reichen von einer Freigabe der aktiven Sterbehilfe und einer Legalisierung der „Tötung auf Verlangen“ einerseits bis hin zu einem strafbewehrten Verbot der bislang straffreien Beihilfe zum Suizid andererseits. Gestritten wird insbesondere über die Zulässigkeit einer bislang nicht verbotenen „organisierten Selbsttötung“, die Vereine wie „Dignitas“ oder „Sterbehilfe Deutschland“ anbieten.

Sterbehilfe gegen innere Überzeugung

Aufhorchen ließ zuletzt, was der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, zur Debatte beisteuerte. In zwei mit ihm und seiner an Krebs erkrankten Frau Anne geführten Interviews sagte Schneider, im Ernstfall würde er seine Frau in ihrem Wunsch nach Sterbehilfe unterstützen. Das wäre zwar völlig gegen seine Überzeugung. Am Ende aber würde er sie wohl gegen seine Überzeugung, aus Liebe, auch in die Schweiz begleiten, „um dort eine Pille abzuholen“. Schneider: „Für Anne würde ich auch etwas gegen meine Überzeugung tun.“

Ich bin – wie Nikolaus Schneider – der Auffassung, dass das Leben schutzwürdig und auch im Sterben grundsätzlich nicht verfügbar ist. Auch sehe ich mit dem Philosophen Robert Spaemann, einem Streiter gegen jede Form von Sterbehilfe, die Gefahr eines Übergangs der „Tötung auf Verlangen“ zu einer „Tötung ohne Verlangen“, wie sie in den Niederlanden nach der dortigen Legalisierung der aktiven Sterbehilfe mittlerweile zu beobachten ist. Zu erinnern ist etwa an den Fall der aktiven Sterbehilfe bei einer schwer an Demenz erkrankten Frau.

Für einen konsequenten Lebensschutz spricht ferner die Palliativmedizin, die bei der Befreiung des Patienten von Schmerzen oder zumindest deren Linderung große Fortschritte gemacht hat.

Ärzte rechtlich in Schutz nehmen

Aber: Können auch palliative Maßnahmen einem Patienten nicht mehr helfen, dann bin ich mit Michael de Ridder, einem bekannten Vertreter der Palliativmedizin und der Hospizbewegung, der Meinung, dass als letztes Mittel auch die ärztliche Hilfe zum Sterben zugelassen werden sollte, sofern der Patient den Tod frei verantwortlich und nachhaltig wünscht. Der Gesetzgeber könnte diesen Fall regeln, indem er den Paragrafen 216 im Strafgesetzbuch (Tötung auf Verlangen) so ergänzt, dass der Arzt in der geschilderten Ausnahmesituation – unheilbare Krankheit, palliativ nicht zu linderndes unerträgliches Leiden – zu einer straffreien Sterbehilfe berechtigt wäre.