28.05.2016
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Terrororganisation ISIS: „Nur scheinbar die größte Rolle“

Isis-Kämpfer haben irakische Soldaten gefangen genommen.

Isis-Kämpfer haben irakische Soldaten gefangen genommen.

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AP/dpa

Köln -

Herr Todenhöfer, Bagdad bereitet sich auf den Angriff der Dschihadisten vor, heißt es. Wer steckt hinter diesem völlig überraschenden Vormarsch?

Jürgen Todenhöfer: Eine Fehleinschätzung von Politikern und Medien, die den Irak nicht kennen. Die Terrororganisation ISIS spielt nur scheinbar die alles überragende Rolle. Der Aufstand wird in Wirklichkeit überwiegend vom FNPI getragen , dem"Nationalen, Panarabischen und Islamischen Widerstand" des Irak. Das ist eine säkulare Koalition mehrerer Gruppen, die schon mit großem Erfolg gegen die US-Armee gekämpft haben.  Dieser irakische Widerstand, bei dem ich 2007 im umkämpften Ramadi eine  Woche verbrachte, ist von den USA jahrelang systematisch totgeschwiegen worden, obwohl er ihr Hauptfeind war. Er hat sie letztlich aus dem Irak vertrieben.

Sie sagen, die Mehrheit seien gar keine Dschihadisten, sondern säkulare Kämpfer?

Todenhöfer: Ja natürlich. Ich habe in den letzten Tagen mehrfach mit Führern des FNPI gesprochen. Nach ihrer Auffassung spielt ISIS als Juniorpartner des Aufstands zwar militärisch eine wichtige Rolle. Diese Dschihadisten aus aller Welt verbreiten wegen ihres Todesmuts und ihrer Härte Furcht und Schrecken. Das hat große psychologische Wirkung. Diese Leute sind außerdem medial begabt. Ihre schwarze Fahnen sind überall präsent und erwecken den Eindruck, sie beherrschten das gesamte Gefechtsfeld. Für TV-Kameras  sind das attraktive Bilder. Aber mit ihren etwa tausend Mann vor Mossul hätten sie in der fast Zwei-Millionenstadt , die ich gut kenne, keine Chance. Der Nationale Widerstand hingegen ist in Mossul mit über 20.000 Mann präsent und wird von der Bevölkerung getragen.

Wer ist dieser irakische Widerstand genau?

Todenhöfer: Der FNPI rekrutiert viele Leute aus der ehemaligen irakischen Elite. Frühere Führer der irakischen Armee und Verwaltung, die einst - auch mangels Alternative- unter Saddam Hussein dienten. Sie besitzen viele Waffen und sind im Land stark vernetzt. Es sind  Leute, die vom US-Zivilverwalter Paul Bremer   nach dem Einmarsch frist- und hirnlos entlassen wurden.  Er löste damals die Armee und große Teile der Verwaltung einfach auf. Nicht nur Sunniten, auch viele Schiiten, die gesamte Verwaltungs-Elite des Landes, wurde vom Hof gejagt, wenn sie der Baath-Partei angehörten. Und das war bei den Meisten der Fall. Die sozialistische Baathpartei war nun mal die einzige Partei, an der man nicht vorbei kam, wenn man in Armee oder Verwaltung Karriere machen wollte.

Auf dem Weg zum gescheiterten Staat

Was heißt das für die besetzte Millionenstadt Mossul?
Todenhöfer: Das überwiegend sunnitische Mossul hatte immer Sympathien für den  Nationalen Widerstand. Zu den jetzt über 20.000 bewaffneten Kämpfern des FNPI können schon morgen 30. 000  weitere hinzustoßen. Aber auch die 1000 internationalen ISIS- Kämpfer  könnten weiteren Zulauf bekommen.  Doch sie haben eben noch das zweite Kampffeld Syrien, das sie nicht einfach aufgeben werden. Dort sind sie noch stärker als im Irak. Das militärische Zweckbündnis zwischen ISIS und dem FNPI im Irak ist allerdings sehr labil. Hier haben sich Feuer und Wasser zusammengetan. ISIS will einen Gottesstaat, der FNPI eine säkulare Demokratie. Wie schnell so ein Bündnis  scheitern kann, hat sich 2007 gezeigt, als der Nationale Widerstand Al Qaida, mit der er zeitweise militärisch kooperiert hatte, einfach davon jagte. Die Iraker werden sich nicht von Ausländern regieren lassen.

Warum kämpft diese nationale Widerstandsfront gegen die Regierung des eigenen Landes?
Todenhöfer: Weil Maliki vor allem Sunniten und Baathisten weitgehend von echter politischer Teilhabe  ausgeschlossen hatte und sie täglich diskriminierte. Inzwischen bekommt der Widerstand zudem Unterstützung von Bevölkerungsteilen, die wirtschaftlich unzufrieden sind, und unter der Instabilität des Landes leiden. Der Irak ist auf dem Weg zu einem gescheiterten Staat.

Aber viele Menschen fliehen, wie erklären Sie das?
Todenhöfer:  Mit der Angst vor Kämpfen und der Angst vor ISIS. Das ist normal. Die Menschen sehen wie wir im  Fernsehen die schwarzen ISIS-Fahnen. Für viele sind das Symbole der Gewalt. Übrigens waren die schwarzen Fahnen nicht in allen eroberten Städten zu sehen. Insgesamt hat die Bevölkerung jedoch auf den Einmarsch der Aufständischen erstaunlich positiv reagiert. Die Armee hat praktisch keinen Widerstand geleistet. Drei Elite-Brigaden haben sich freiwillig ergeben. Unter Zurücklassung ihrer Waffen.

Iran hat kluge Regierung

Wer sind die Menschen des nationalen Widerstands?
Todenhöfer: Ihr Anführer ist Izzat Al-Duri. Ein hochdekorierter Soldat, der auch Stellvertreter Saddam Husseins war und seit Jahren von den Amerikanern mit viel Geld vergeblich gesucht wird. Er ist der starke Mann in Mossul. Sein Bild hängt jetzt an vielen öffentlichen Gebäuden. Sprecher des FNPI ist Abu Mohammed, den ich mehrfach getroffen habe. Der Nationale Widerstand distanziert sich klar von Angriffen auf Zivilisten.

Es sind Hussein-Leute, sein Regime war nicht gerade menschlich.
Todenhöfer: Der FNPI ist keine Nachfolge-Organisation. Er will neue Wege gehen, hat sich geöffnet, liberalisiert und strebt eine Demokratie an. Er will eine neue Seite der Geschichte aufschlagen. Die Vergangenheit  ist nicht sein Vorbild.

Wie stark ist der irakische Widerstand? Hat er die Chance, Bagdad einzunehmen.

Todenhöfer: Ob Bagdad eingenommen wird, kann ich nicht beurteilen. Dass allerdings drei Elitebrigaden kampflos überlaufen, ist  bemerkenswert. Doch jetzt wird die Gegenreaktion des Maliki-,Regimes kommen und damit auch die Gefahr eines Bürgerkriegs.

Welche Rolle spielt der irakische Ministerpräsident Maliki?

Todenhöfer: Maliki hat es nicht geschafft, das irakische Volk zu integrieren, mehr als ein Drittel hat er ausgeschlossen. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen.
Droht nun die Spaltung des Irak?
Todenhöfer: Maliki ist gescheitert. Der Irak hat nur eine Zukunft, wenn es eine echte innere Aussöhnung im Land gibt. Davon dürfen nur Leute ausgenommen werden, die schwere Straftaten begangen haben. Aber nicht, weil sie einer Partei oder einer Konfession angehört haben oder angehören. Ich habe den Eindruck, wichtige Politiker Irans sehen das ähnlich.

Wie kann diese Aussöhnung ermöglicht werden?
Todenhöfer: Vor dem Vormarsch hätte ich gesagt, das muss durch Verhandlungen  mit Maliki geschehen. Jetzt bezweifle ich das. Maliki scheint verbrannt.

Der Nachbar Iran wird einer Absetzung Malikis kaum tatenlos zusehen.
Todenhöfer: Iran hat zur Zeit eine kluge Regierung. Sie kann kein Interesse daran haben, dass der Ministerpräsident des Irak von mehr als einem Drittel des Landes boykottiert wird und dass bürgerkriegsähnliche Zustände entstehen. Die Aussöhnung liegt also auch im iranischen Interesse. Zur Lösung der komplizierten politischen Probleme des Irak plädiere ich für eine internationale Konferenz. Unter Teilnahme des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Sonst kommt der Irak und der Mittlere Osten nicht mehr zur Ruhe. Führende Mitglieder des FNPI  haben mir gesagt, dass sie eine solche Konferenz begrüßen würden.  Sie läge auch im westlichen Interesse. Was sich in Syrien und im Irak abspielt, entwickelt sich zunehmend zu einer Weltkrise. Einigen Schlafwandlern des Westens scheint das noch immer nicht klar zu sein.

Nun wollen die Amerikaner möglicherweise eingreifen. Kann das das Land befrieden?

Todenhöfer: Den Amerikanern kann ich nur raten, sich militärisch rauszuhalten. Sie haben im Irak schon genug Unheil angerichtet. Über eine halbe Million Iraker haben in ihrem Lügenkrieg nach neueren Untersuchungen amerikanischer Universitäten ihr Leben verloren. Was wollen die USA in einer Großstadt zum Beispiel mit Drohnen? Ich war vor einer Woche in der Grenzregion Pakistan- Afghanistan. Alle nicht von den USA finanzierten Experten gehen davon aus, dass unter den 3.500 durch Drohnen getöteten Menschen gerade einmal 30 erwähnenswerte Militante waren. Das ist weniger als 1 Prozent. Über 90 Prozent der Getöteten  waren  Zivilisten. Mossul kann man nicht mit Drohnen angreifen. Der Anteil der getöteten Zivilisten würde weit über 90 Prozent betragen. Dasselbe gilt für Bombenangriffe. Die USA würden damit ISIS geradezu einen Gefallen tun. Wenn sie die zum Märtyrertod bereiten ISIS-Kämpfer angreifen, machen sie diese zu Helden. Darauf warten die nur.
Was in diesen Tagen von US-Politikern über den Irak geäußert wird, ist schlicht ignorant. Und einen Flugzeugträger mit dem Namen Bush Richtung Irak zu schicken, ist auch nicht gerade ein Zeichen politischer Sensibilität.