29.06.2016
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Verbale Entgleisung: Muslime entsetzt über Kardinal Meisner

Hat einmal mehr für Unverständnis gesorgt: Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln.

Hat einmal mehr für Unverständnis gesorgt: Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln.

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Max Grönert

Köln -

Entgeistert und mit Unverständnis haben Vertreter der Muslime, aber auch die Bundesregierung auf Äußerungen Kardinal Joachim Meisners über christliche und muslimische Familien reagiert. Vor Angehörigen des "Neokatechumenalen Weges", einer katholischen Bewegung, hatte der Kölner Erzbischof am 24. Januar gesagt, "eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien".

Meisner bezog sich dabei auf den Kinderreichtum der Muslime. Einen Videomitschnitt der Veranstaltung im Kölner Maternushaus stellte das Erzbistum ins Internet.

Bekir Alboga von der Türkisch-Islamischen Union Ditib sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", er sei sprachlos. "Man stelle sich vor, ein muslimischer Würdenträger in vergleichbarer Position würde diesen Satz formulieren - ein Empörungsschrei ginge durch die Gesellschaft." Eigentlich, so Alboga, "dürfte die Aussage des Kardinals nicht unbeantwortet bleiben".

„Rustikaler Abgang“ Meisners

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD), sprach von der "persönlichen Meinung eines katholischen Würdenträgers", die sie nicht kommentiere, "auch wenn ich sie nicht verstehe".

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, vermutete den Versuch des Kardinals, "sich mit Sarrazin-ähnlichen Äußerungen über Muslime einen rustikalen Abgang zu sichern". Meisner bediene Ressentiments und islamfeindliche Stimmungen, "die wir so von der katholischen Kirche und besonders vom neuen Papst nicht kennen. Statt einander abzuwerten, sollten die Religionen einander stützen und schätzen." Auch der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, forderte mehr Respekt im interreligiösen Miteinander.

Vor Angehörigen des Neokatechumenats berichtete Meisner, er habe Bedenken gegen ihre Gemeinschaft im Vatikan stets mit dem Argument ausgeräumt, "Leute, dahinter steht die Glaubenskraft von Eheleuten, die zehn Kinder in die Welt setzen". Auch der Gründer der Bewegung, der spanische Künstler Kiki Argüello, rühmte die Fruchtbarkeit der Familien in seiner Gemeinschaft. Sie hätten "mehr Kinder als die Muslime". Kritiker werfen dem Neokatechumenat geheimbündlerische, autoritäre Strukturen vor.

Erste Reaktionen auf den Bericht des „Kölner Stadt-Anzeiger“

Auf seiner Facebookseite appelliert der Kölner SPD-Politiker Martin Börschel an Papst Franziskus, er möge bei der Entscheidung über die Meisner-Nachfolge bedenken, „dass sich die allermeisten Menschen im Erzbistum nach einem Oberhirten sehnen, der versöhnt statt spaltet und der die Amtskirche - statt sich selbst genug zu sein - in die Mitte der Gesellschaft zurückführt....!“