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150 Jahre SPD: Als Merkel Nein zum Tanz mit Gabriel sagte

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Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Reihe mit SPD-Chef Sigmar Gabriel und Frankreichs Präsident Francois Hollande.  Foto: dpa
150 Jahre Sozialdemokratie. Zum Jubiläum im Leipziger Gewandhaus erhält die SPD reichlich Lob. Lustig geht es auch zu, auch die CDU-Konkurrenz ist vor Ort. Einen schweißtreibender Breakdance mit Sigmar Gabriel lehnt Kanzlerin Angela Merkel lachend ab.
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Leipzig

Ein schweißtreibender Breakdance mit Sigmar Gabriel ist für Angela Merkel dann doch zu viel des Guten. Nach einer Einlage der früheren Tanz-Weltmeister „Flying Steps“ aus Berlin flüstert Frankreichs Präsident François Hollande Gabriel zu, das könne er doch auch mal machen. Als Gabriel dann beim Festakt zum 150-jährigen Bestehen der deutschen Sozialdemokratie an das Rednerpult im Leipziger Gewandhaus tritt, sagt er: „Aber nur, wenn Frau Merkel mitmacht.“ Die Kanzlerin lacht, bleibt aber sitzen.

Später macht Gabriel die politische Konkurrentin mit seinen Worten auch noch versehentlich zur Bundespräsidentin. Er betont aber, dass es da noch keinerlei geheime Absprachen gebe.

Einer der stärksten Momente an diesem besonderen Donnerstag ist Gabriels Begrüßung an Luise Nordhold aus Ritterhude, seit 82 Jahren Mitglied der SPD. An Herbert Pietschmann, „der seit über 81 Jahren bei uns ist“. Und an Johannes Geerken, der seit über 86 Jahren Mitglied ist. Alle drei sind gerührt.

Und Gabriel erinnert an den Sozialdemokraten Karl Richter, der zu seinem 100. Geburtstag gesagt habe: „Du musst das Leben nehmen, wie es ist. Aber Du darfst es nicht so lassen.“ Ein besseres Land komme nicht von allein, die SPD sei seit 150 Jahren Treiber, Konstante und Rückgrat der Demokratie.

Die SPD war auch immer die Partei der kleinen Leute. „Willy Brandt, der Deutschland mit seinen Nachbarn aussöhnte, war unehelicher Sohn einer Konsumverkäuferin“, betont Gabriel. Angela Merkel würdigt die SPD als „streitbare und unbeugsame Stimme der Demokratie in Deutschland“.

Anders als am verregneten Vortag strahlt sogar die Sonne über der Stadt, in der die Sozialdemokratie mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) am 23. Mai 1863 ihre Geburtsstunde hatte. „Zwölf Männer aus zwölf Städten starteten hier vor 150 Jahren eine Bewegung, die das Land verändert hat“, betont Gabriel. 1890 erwuchs aus dem ADAV und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei die SPD.

Ganz am Ende des Festakts singen der Leipziger Universitätschor und der Chor der Oper Leipzig Beethovens „Ode an die Freude“, aber der Tag steht vor allem im Zeichen einer Ode an die älteste deutsche demokratische Partei. 1600 Gäste aus 80 Ländern haben sich eingefunden, als Hollande aus seiner Limousine steigt, orgelt ein Leierkastenspieler die Marseillaise. Frankreichs Sozialisten boten vielen vor den Nazis geflüchteten SPD-Politikern nach 1933 Asyl, bis heute sind die Verbindungen eng.

In der ersten Reihe sitzen die Altkanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder, Merkel, Gabriel, Hollande, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Ihm fällt die Bürde zu, zu zeigen, dass die SPD auch heute mehrheitsfähig ist. Farbtupfer des Tages ist Grünen-Chefin Claudia Roth in einem schrillen Kostüm mit allen denkbaren Farbkombinationen von Papageien.

Bundespräsident Joachim Gauck schlägt in seiner Rede eine weite Brücke: „Dies ist ein Feiertag für die älteste Partei in Deutschland, es ist aber auch ein Feiertag des europäischen Ringens um Freiheit und Demokratie“. Armut und Ausbeutung seien 1863 für Millionen Deutsche bedrückender Alltag gewesen. Er erinnert an die Forderungen im Eisenacher Programm von 1869 nach freien Wahlen, das Verbot von Kinderarbeit und nach der Unabhängigkeit der Gerichte.

Anders als später die Kommunisten habe die SPD auf Reform statt Revolution gesetzt. „Es war die SPD, die den mühsamen und schließlich mehrheitsfähigen Weg beschritt, das Leben der Menschen konkret Stück für Stück zu verbessern, statt utopische Fernziele zu proklamieren“, sagt Gauck.

Wie alle Redner verweist er auf den 23. März 1933 und das Nein der 94 SPD-Abgeordneten zur Übertragung aller Macht auf Adolf Hitler (Ermächtigungsgesetz). Fraktionschef Otto Wels schleuderte Hitler entgegen: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“. Gabriel betont mit Blick auf die Zustimmung von Konservativen und Liberalen: „Nie haben wir etwas getan, für das wir uns so sehr schämen mussten, dass wir unseren Namen hätten ändern müssen.“

Der daheim gebeutelte Hollande listet SPD-Errungenschaften auf. „Das ist ein wunderbares Programm.“ Er zollt auch Respekt für die Hartz-Reformen. Er weiß, dass er auch so etwas wie die Agenda 2010 bräuchte. Der nach einer Handoperation gehandicapte Schröder nimmt das Lob gerührt zur Kenntnis.

Doch wird die SPD auch eine große Zukunft haben? Gabriel verweist auf Herausforderungen. „Die Globalisierung darf nicht Reichtum für wenige, sondern muss Gerechtigkeit für alle bedeuten.“ Vielleicht muss er aber beim Arbeiten an dieser Vision doch noch mit Merkel tanzen - in einer großen Koalition als Juniorpartner. (dpa)

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