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Africagate: Die Fehler der Klimaforscher

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Getreide für Afrika
Getreide für den ärmsten Kontinent. (Bild: dap)

KÖLN - Nun wird es eng für Rajendra Pachauri, den Chef des Weltklimarats IPCC, der in den vergangenen Wochen so eisern versucht hat, die eklatanten Fehler seiner Organisation klein zu reden und eine persönliche Beteiligung daran zu leugnen. Von der Behauptung, wonach die Himalaja-Gletscher bis zum Jahre 2035 abgeschmolzen sein könnten, ist nichts geblieben. Hier konnte sich Pachauri noch damit verteidigen, er persönlich habe sie nie vertreten. Aber auf „Glaciergate“ sind weitere Ungereimtheiten gefolgt.

Nun steuert die unselige Geschichte auf ihren vorläufigen Höhepunkt zu: „Africagate“ heißt der jüngste Skandal um den 4. Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2007; er betrifft die angebliche Nahrungsmittelknappheit in Afrika durch ausbleibende Niederschläge, und er hat noch ein ganz anders Kaliber. Denn hier ist Pachauri persönlich involviert. Und mit dem Chef des Klimarates wird nun sogar UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mit in den Strudel hineingezogen.

Prominent verkaufte Prognose

Diesmal findet sich der Fehler nicht etwa in den Tiefen des IPCC-Sachstandsberichts. Er schaffte vielmehr - anders als bei „Glaciergate“ - den Sprung bis in den „Synthesis Report“, die so genannte „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ - und damit gewissermaßen ins „Allerheiligste“ und politisch Relevanteste des IPCC. Der „Synthesis Report“ fasst die Kernbotschaft aller Arbeitsgruppen des UN-Gremiums zusammen. Er spiegelt die gemeinsame Auffassung wider, auf die sich politisches Handeln gründen soll. Zu den Autoren gehört auch Rajendra Pachauri selber.

Bis zum Jahre 2020, so wird auf Seite 50 prognostiziert, würden in Afrika voraussichtlich „zwischen 75 und 250 Millionen Menschen“ einer erhöhten Wasserknappheit infolge des Klimawandels ausgesetzt sein. Ebenfalls „bis 2020 könnten in einigen Ländern die Erträge aus der vom Regen bewässerten Landwirtschaft um bis zu 50 Prozent“ sinken. Es sei davon auszugehen, dass „die landwirtschaftliche Produktion, einschließlich des Zugangs zu Nahrung, in vielen afrikanischen Ländern stark gefährdet“ werde: „Dies würde die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung weiter nachteilig beeinflussen und das Problem der Unterernährung verschärfen.“

Keine fundierte Grundlage

Eine wissenschaftlich tragfähige Basis für diese Behauptung bleibt der IPCC-Bericht schuldig. Der englische Internet-Blogger Richard North und die Tageszeitung Sunday Times brachten es gemeinsam ans Licht, nachdem es in der üppig sprudelnden Blogger-Szene schon seit einigen Tagen gärte. Bei den Quellenangaben führt die Spur zu Ali Agoumi, einem Mitarbeiter des marokkanischen Umweltministeriums sowie der Firma „EcoSecurities“, die ihr Geld unter anderem mit dem Handel von Verschmutzungsrechten verdient. Agoumi ist Autor eines Berichts über die „Anfälligkeit von nordafrikanischen Ländern für klimatische Veränderungen“, den die internationale Umweltorganisation „Institut für nachhaltige Entwicklung“ (IISD) mit Sitz in Kanada im Jahr 2003 veröffentlichte.

Die dort von Agoumi genannten Kronzeugen beziehen sich allerdings nur auf drei nordafrikanische Länder: Algerien, Marokko und Tunesien - ohne dass daraus konsistente Aussagen über die möglichen Folgen des Klimawandels für den Wasserhaushalt und die Landwirtschaft in ganz Afrika herzuleiten wären.

In der „Sunday Times“ bestätigte Chris Field, der neue Koordinator des IPCC-Teams zur Ermittlung der Folgen des Klimawandels, dass er im letzten Sachstandsberichts des IPCC nichts finden könne, was die weit reichende Behauptung unterstützt: „Ich gehörte nicht zu den Autoren des Synthesis-Reports, aber wenn ich ihn lese, kann ich keine Unterstützung für die Behauptung bezüglich eines Rückgangs der landwirtschaftlichen Erträge in Afrika finden.“

Dafür wurde das „Afrika-Argument“ von Pachauri in den vergangenen Jahren umso öfter, lieber und offensiver eingesetzt - und das auch immer wieder öffentlich, wie zum Beispiel bei der Präsentation des „Synthesis Reports“ am 17. November 2007 im spanischen Valencia. Die drohenden Folgen eines angeblichen durch den Klimawandel verursachten Wassermangels in Afrika spielten auch eine prominente Rolle bei Pachauris Rede vor der Weltklimakonferenz im polnischen Poznan Ende 2008.

Obama mit "Afrika-Argument" geködert

Und schließlich im September 2009, als sich im UN-Hauptquartier in New York an die hundert Regierungschefs aus aller Welt zur Eröffnung des „Summit on Climate Change“ trafen. Im Namen der „weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft“, die „fünf Jahre lang unermüdlich“ gearbeitet habe, um den IPCC-Bericht fertig zu stellen, beschwor Pachauri die Gefahren herauf, die dadurch entstünden, dass bis 2020 die landwirtschaftlichen Erträge in einigen afrikanischen Ländern um „bis zu 50 Prozent sinken“ könnten: „Die Folgen des Klimawandels würden unverhältnismäßig schwer für einige der ärmsten Regionen und Gemeinschaften der Welt.“

Während der Rede von Pachauri saß US-Präsident Barack Obama in der ersten Reihe und trat direkt nach Pachauri ans Rednerpult. Er versprach der Welt eine Neuorientierung in der amerikanischen Klimapolitik. Prominenter geht es kaum.

Auch Ban Ki Moon, seit 2007 Generalsekretär der Vereinten Nationen, machte sich das „Afrika-Argument“ zu Eigen. Bei einem Besuch am 27. Juli 2009 in Ulan Bator in der Mongolei zeichnete er vor Vertretern der Regierung und großem Publikum ein düsteres Bild. In einem dringenden Appell, sich auf den Klimawandel einzustellen, beschwor auch Ban Ki Moon die - angeblich - dramatische Situation in Afrika herauf: Die Erträge aus der vom Regen bewässerten Landwirtschaft könnten in einigen afrikanischen Ländern innerhalb der nächsten zehn Jahre um die Hälfte fallen: „Das sind Furcht erregende Szenarien.“

Klimaforscher angeschlagen

Alles Schall und Rauch? Die These von drohender Hungersnot in Afrika infolge des Klimawandels hält einer wissenschaftlichen Überprüfung jedenfalls nicht stand. Die Glaubwürdigkeit des IPCC und seines Chefs ist schwer angeschlagen. Hinter den Kulissen dürfte es schon gären, eine erste öffentliche Äußerung gab es schon. Die Sunday Times konfrontierte den prominenten britischen Klimaforscher Robert Watson - er war 1997 bis 2002 Pachauris Vorgänger im Amt des IPCC-Chefs - mit den Vorwürfen. Seine Reaktion fiel erschütternd eindeutig aus: „Jede solcher Prognosen sollte auf von Fachgutachtern geprüfte Literatur begründet werden, die sich auf Computermodelle berufen kann, die zeigen, wie landwirtschaftliche Erträge auf den Klimawandel reagieren. Ich kann solche Daten, die den IPCC-Report unterstützen, nicht erkennen.“

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