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ANALYSE: Eine verschenkte Provokation

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Solange Geert Wilders' Islam-kritischer Film „Fitna” nur als Androhung existierte, war er ein großartiges Beispiel für den Wahnsinn, in den die islamistische Bedrohung freie Gesellschaften stürzen kann. Doch leider ist es nicht bei der Androhung geblieben. Von Tobias Kaufmann.

Jetzt ist »Fitna« endlich raus. Der groß angekündigte Film des niederländischen Politikers Geert Wilders erregte die Gemüter, ohne dass überhaupt klar war, was er denn genau zeigen würde – geschweige denn, ob man ihn je zu sehen bekäme. Seit Donnerstagabend steht er im Internet. Über Interesse muss er sich nicht beklagen: Mehr als 2, 5 Millionen Menschen haben ihn schon gesehen. Das Thema brennt vielen auf den Nägeln und auf der Seele. Aber, um es kurz zu machen: Der Film ist eine Enttäuschung.

Zitate aus dem Koran werden, mit Musik untermalt, verschnitten mit Bildern der Opfer von islamistischen Terroranschlägen, mit den widerlichen Bestrafungsformen der Scharia und mit barbarischen Stammesangewohnheiten wie Mädchenbeschneidung. Die Botschaften des Films lauten: Der Koran ist ein Buch voller menschenverachtender Passagen. Ein Islam, der sich auf die wortgetreue Anwendung dieser Texte beruft, will die Welt beherrschen. Wir stehen kurz vor der Islamisierung Europas und sie beschert uns Steinigungen, Terror und Gewalt. Europa wird unterwandert von einer Besorgnis erregend wachsenden Zahl von Moslems. Wenn wir die Werte des Westens gegen den islamischen Ansturm nicht verteidigen, werden wir untergehen.

Dass Wilders alles durcheinanderwirft in Bild, Text und Ton, um diese Warnung wirkungsvoll rüberbringen zu können, mag Islamexperten und Filmkritiker stören. Doch solche ästhetische Kritik ist albern. Michael Moore hat es mit zugegeben besseren Bildern aber mit exakt der selben Methode und der selben halbseidenen Propaganda in den Olymp der Dokumentarfilmer gebracht. Aber Moore ist links, er greift die US-Regierung und kapitalistische Lobbys an. Das gilt als schick.

Wilders hat es schwerer: Er ist rechts, gehört also nicht per se ins Lager der Guten. Er provoziert gefährliche Extremisten, diktatorische Regime – das ist mutig und aller Ehren wert. Aber er attackiert eben auch eine Minderheit, die zu den schwächsten Gliedern in den europäischen Gesellschaften gehört. Das ist schäbig. Denn dem Film fehlt es an Empathie mit jenen Menschen, die die ersten und häufigsten Opfer jener faschistisch-religiösen Bewegung sind, vor der Wilders warnt: Muslimen. Die Bilder gepeinigter Frauen in Wilders Werk sind, so der Eindruck, nur Mittel zum Zweck. Nicht eine unbeugsame, pathetische, rücksichtslose Treue zu den Menschenrechten scheint diesen Film anzutreiben, sondern das Kalkül, unverzichtbare Werte für eine Anti-Einwanderungskampagne zu missbrauchen.

Wilders ist mutig

So bleibt »Fitna« auch politisch unter dem Niveau eines aufrüttelnden Films wie »Submission«, der den Filmemacher Theo van Gogh das Leben kostete. Aber selbst das ist nicht der entscheidende Punkt, der »Fitna« so enttäuschend macht. Eine Provokation muss nicht penibel gemacht sein, sie muss nur treffen.

Und das ist die größte Schwäche von Wilders Film. Er schlägt so viel kaputt, dass es auch die Punkte trifft, bei denen der Politiker recht hat: Etwa bei der Homophobie muslimischer Einwanderer-Männerzirkel, die in den Niederlanden zu einer realen Bedrohung für Schwule geworden ist – was aber aus Angst, unnötig zu provozieren, nur selten offensiv thematisiert wird. Wilders stört, dass die muslimische Minderheit nach wie vor eine Art Welpenschutz in zu vielen europäischen Gesellschaften besitzt. Nicht zuletzt deshalb, weil aus der Mitte dieser Minderheit eine Extremistenclique erwachsen ist, die in der Lage ist, mit Terror, Gewalt und Mord – oder deren Androhung – die Meinungsfreiheit in freien Gesellschaften auszuhebeln. Mit dieser Sorge hat Wilders durchaus recht.

Sein Film aber ist nicht in der Lage, sie glaubwürdig zu artikulieren. Dazu ist das 15-Minuten-Video zu oberflächlich, zu beliebig, zu unpersönlich. Der Aufruf an die Muslime, sich vom Joch des Islamismus zu befreien, verpufft deshalb. Das ist enttäuschend, weil Wilders ein mutiger Mann ist, der wegen seiner Meinung unter Todesdrohungen leben muss – und der eine These vertritt, die ohne Abstriche richtig ist: "Seht Euch diesen Hass an! Und stoppt ihn!"

»Fitna« war am stärksten, solange niemand den Film gesehen hatte. Solange über eine theoretische Provokation gestritten wurde, solange allein anhand der Möglichkeit, dass ein Koran-feindlicher Film in den Niederladen veröffentlicht werden könnte, Gefährdungsszenarien durchgespielt und finstere Drohungen ausgestoßen wurden – solange war Wilders Film ein großartiges Beispiel für den Wahnsinn, in den die islamistische Bedrohung selbst beschauliche Länder wie Holland inzwischen gestoßen hat.

Wilders hätte dies auf die Spitze treiben können. Er hätte, statt den Film ins Netz zu stellen, eine Pressekonferenz einberufen und sagen können: »Ich habe nur ein paar Clips aus dem Internet zusammengeschnippelt, die ich niemandem gezeigt habe – und jetzt guckt, wie Ihr Euch ins Hemd macht. Wie Ihr Euch echauffiert und wie Ihr beschwichtigt. Das soll der freie Westen sein, das strahlende Vorbild, mit dem wir den Rest der Welt von unseren Werten überzeugen wollen? Und Ihr Muslime, die Ihr Euch empört über eine Provokation, die es nur theoretisch gab, glaubt im Ernst, einen überlegenen Gegenentwurf darzustellen?«

Doch leider wurde der Film real. Und in dem Moment verpuffte fast alles, was er bis dahin zu sagen in der Lage war. Was allerdings bleibt ist der Wahnsinn. Wegen eines Clips im Internet müssen Parlamentsgebäude abgesperrt werden. Es wird zu Mord und Totschag aufgerufen. Diese Reaktionen sind viel interessanter, viel aufrüttelnder als jedes Bild in Wilders' Collage.

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