Politik
Nachrichten, Berichte und Videos aus Deutschland und aller Welt

Vorlesen
2 Kommentare

Armutsbericht: Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Erstellt
Fast zweieinhalb Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gelten als arm. Ihre Eltern haben nur wenig Geld. Oftmals sind neue Kleidung, gesundes Essen oder ein Besuch im Zoo nicht drin. Foto: dapd
Studien zur Armut in Deutschland kommen derzeit fast im Wochentakt auf den Markt. Ein Land des Elends ist die Bundesrepublik deswegen noch lange nicht. Wohl aber ein reiches Land, in dem „die da unten“ relativ abgehängt sind. Und es gibt mehr arbeitende Arme.
Drucken per Mail
Berlin

Sie durchwühlen Papierkörbe nach Pfandflaschen, verkaufen Obdachlosenzeitungen und schlafen unter Brücken oder auf Abluftschächten. Es sind Arme, die ins Auge fallen und an die man spontan denkt, wenn wieder ein Armutsbericht alarmierende Botschaften über zunehmende Bedürftigkeit hierzulande verbreitet. Diese offensichtliche Not meinen die Studien jedoch eher nicht.

In wohlhabenden Ländern wie Deutschland wird Armut als „relative Armut“ definiert, orientiert am Lebensstandard der Gesellschaft. Arm ist, wer materiell, sozial und kulturell nicht mithalten kann. Wer seinen Kindern keinen Kino- oder Theaterbesuch spendieren kann. Wer im Expertendeutsch von der sozio-kulturellen Teilhabe ausgeschlossen ist. Das sind laut Statistik hierzulande 16 Millionen Menschen. Als direkt arm gelten - je nach Definition - zwischen 7 und knapp 13 Millionen.

Nach gängiger Definition gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Diese Schwelle liegt in der einen Untersuchung bei 952 Euro im Monat, in der anderen bei 848 Euro für Singles. Grund sind unterschiedliche methodische Grundlagen. Das macht die Ergebnisse schwer vergleichbar. So kommt eine Studie zum Ergebnis wachsender Armutsquoten, die andere konstatiert „Verfestigung auf hohem Niveau“.

Experten weisen denn auch auf die grundsätzliche Schwierigkeit der Armutsmessung hin. Denn tatsächlich gemessen werden Ungleichheiten zwischen oben und unten. Das kann zu skurrilen Ergebnissen führen: So nimmt die Armutsquote dann ab, wenn Reiche etwa in der Finanzkrise mehr bluten müssen als die unteren Schichten. Dabei hat sich deren materielle Situation in diesem Fall gar nicht verbessert.

Reich an Armutsberichten

Abgesehen von den methodischen Problemen steht fest: Deutschland ist reich an Armutsberichten. Seit Mitte Oktober sind mindestens sieben erschienen, durchweg mit dem Tenor: Immer mehr Deutsche leben in Armut. Das stimmt, zumindest für die Zeit bis 2005. Danach stagnierte freilich die Entwicklung. 2011 hat es dann wieder laut Mikrozensus einen Zuwachs gegeben. Vor allem wegen „Armutslöhnen“ und der Zunahme prekärer Beschäftigung, sagt Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Je nach Ansatz beträgt der Unterschied zwischen Arm und Reich gerade mal 2250 Euro. Unbestritten ist: Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich vertieft, die Mittelschicht schrumpft. Und es ist schwieriger geworden, sich von unten hoch zu arbeiten. Die Volksweisheit „einmal arm, immer arm“ hat neue Aktualität erhalten.

Das sieht auch der Armuts- und Verteilungsexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Markus Grabka, so: „Mich beunruhigt am meisten, dass die Mobilität zwischen den Schichten abgenommen hat. Das ist ein schlechtes Zeichen“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Die Gründe für die Verfestigung von Milieus sieht er „unter anderem in der Ausweitung des Niedriglohnsektors und der Absenkung des Spitzensteuersatzes.“

Dass Berichte über Armut derzeit Hochkonjunktur haben, dürfte nicht allein an der für Spenden besonders günstigen Weihnachtszeit liegen. Auch die Bundesregierung dürfte dazu beigetragen haben, und zwar mit dem noch nicht verabschiedeten Armuts- und Reichtumsbericht. Darin wurden kritische Bewertungen des Bundesarbeitsministeriums korrigiert, etwa zur Vermögensverteilung und der Problematik von Niedriglöhnen. Auf Intervention von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) mussten ganze Passagen umgeschrieben werden. Für Kritiker ein eindeutiger Fall von „Schönfärberei“. (dpa)

Auch interessant
Anzeige
Videos
Sonderveröffentlichung
Familienrecht
Die Kalkulation sollte ein Fachmann übernehmen.

Wann besteht Anspruch auf Unterhaltszahlungen? Fachanwältin Astrid Koppe informiert!

FACEBOOK
Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!

Service
Peinliche SMS

Aktuelle News: Wer nichts verpassen will, wählt den SMS-Service. Das Angebot können Sie jederzeit und nach Bedarf empfangen.