29.07.2016
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Ausstellung „Dialog mit der Zeit“: Neue Ideen für eine alternde Gesellschaft

Bundespräsident Gauck lässt sich die Ausstellung erklären.

Bundespräsident Gauck lässt sich die Ausstellung erklären.

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dpa

Berlin -

Unsere Ahnen wurden vor 100 Jahren im Schnitt 50 Jahre alt. Heute liegt die Lebenserwartung in Deutschland bei etwa 80 Jahren. 30 geschenkte Jahre. Wie gehen wir mit dieser Zeit um? Was erwarten wir vom Alter? Welche Probleme und welche Chancen birgt der demografische Wandel?

Mit diesen Fragen setzt sich die Ausstellung „Dialog mit der Zeit“ auseinander, die Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstag im Berliner Museum für Kommunikation eröffnete. Vergangenes Jahr war sie schon in Frankfurt zu sehen. „Die Tatsache, dass wir heute länger leben und länger körperlich und geistig fit sind als die Menschen vor fünfzig Jahren, muss nicht nur unser Bild vom Alter verändern, sondern auch die Lebenslaufpolitik insgesamt“, sagte Gauck. Die Menschen müssten begreifen, dass Wechsel, auch Berufswechsel, und damit Umlernen, nicht nur ein Problem sind, sondern auch eine Chance, Körper und Geist neue Anregungen zu geben. Viele Menschen könnten womöglich weit über das siebzigste Lebensjahr hinaus Unternehmen und Gesellschaft nützlich sein. Vorausgesetzt, diese würden die Chance wahrnehmen. „Eine Gesellschaft des längeren Lebens braucht eine Politik des längeren Atems“.

Gauck sprach gesetzliche Maßnahmen an – flexiblere Rentenaltersgrenzen und grundsätzlich neue Absprachen zwischen den Tarifpartnern – zum Beispiel, was die Weiterbildung von Arbeitnehmern betreffe. Nicht nur Branchen- und Berufswechsel müssten selbstverständlicher werden. Auch müssten Lebensläufe entzerrt werden, meinte der Bundespräsident. Die Entwicklung habe nämlich dazu geführt, dass heute die 30- bis 40-Jährigen sowohl mit der Erziehung der Kinder als auch mit dem beruflichen Aufstieg belastet seien. Auch Ältere sollten noch Aufstiegsmöglichkeiten haben.

„Abhängigkeit als etwas ganz Natürliches“

Es ist die Rede eines Präsidenten, der sich als Kämpfer für die Freiheit versteht. Sicher möchte er nicht den Eindruck aufkommen lassen, er befürworte einen Staat, der den Bürgern vorschreibt, wann sie ihre Kinder zu bekommen haben. Aber er sagt, „wir müssen die Lebenszeit neu strukturieren“, die Berufsbiografien müssen verändert werden. Da spricht ein Präsident, der den Eindruck hat, dass Politik und Tarifpartner das Thema nicht wirklich ernst nehmen. Warum sonst hätte er die Regierung an einen Passus aus ihrem Koalitionsvertrag von 2013 erinnert: „Ältere Beschäftigte sind unverzichtbar im Arbeitsleben . . .Wir werden den rechtlichen Rahmen für flexiblere Übergänge vom Erwerbsleben in den Ruhestand verbessern“.

Joachim Gauck weist auch darauf hin, dass die Menschen heute am Ende ihres Lebens in immer mehr Fällen eine immer längere Phase der Hilflosigkeit erleben. „Bei einem Neugeborenen fällt es uns leicht“, sagt Gauck, „die Abhängigkeit als etwas ganz Natürliches und als natürliche Verpflichtung für das Umfeld zu begreifen. Dieses Selbstverständnis müssen wir für die letzte Phase erst noch erringen – jeder für sich und unsere Gesellschaft insgesamt.“ Die Ausstellung läuft bis zum 23. August.