27.08.2016
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Bayer-Kommentar: Komische Komplexe

Leverkusens Trainerduo Sami Hyypiä (l.) und Sascha Lewandowksi (r.)

Leverkusens Trainerduo Sami Hyypiä (l.) und Sascha Lewandowksi (r.)

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dpa

Leverkusen -

Zu den großen Errungenschaften von Bayer 04 Leverkusen in der jüngeren Vergangenheit gehört dies: Die andernorts gerne und diskreditierend benutzten Spottnamen "Werksklub" und/oder "Vizekusen" hat der Verein sich angeeignet, rechtlich schützen lassen und zu koketten Imagekriterien umgedeutet. Das ist nett und zeugt von einer Portion Selbstironie, die einer Branche, in der Leute ihren Job in kurzen Hosen ausüben, gut steht.

Dass sie in Leverkusen damit ihre komischen Komplexe überwunden hätten - diese Hoffnung musste man jedoch begraben, als im nächsten Schritt die Ein-Mann-Show Michael Ballack geholt wurde - mitten hinein in ein hierarchisch flach strukturiertes, unballackhaft spielendes Team. Da war es wieder, das alte Bayer-04-Verlangen, mehr zu sein als - nur? - ein verlässlich am Rande der Champions League spielender Top-Klub.

Aus Gründen, die man bei einer Person in einer schwierigen Kindheit suchen würde, ist das Bayer-04-Gebilde stets mit sich unzufrieden: Zu Reiner Calmunds Zeiten diente der importierte "Zirkusmief" als Ablenkung von der Geldkoffer-Politik; seither kämpft man mit einem Seriositäts-Überschuss, weil mit Wolfgang Holzhäuser ein Akten-Fex dem Klub das Gesicht verleiht. Weltmeister Rudi Völler soll in diesem Kontext die notwendige Grätschen-Glaubwürdigkeit verkörpern - und das tut er. Aber er ist, wie viele seiner Generation, befangen in einem grundlegenden Irrtum: Wer nicht hochklassig gespielt hat, kann von Fußball nicht wirklich Ahnung haben. Als würden die Klopps, Tuchels, Streichs, Slomkas und - ja doch: Löws - nicht täglich ebenso das Gegenteil beweisen wie auf der anderen Seite die großen Scheiterer Matthäus, Brehme, Doll oder Kohler.

Auf diesem Irrtum basiert der nächste: In Leverkusen fühlen sie sich mit einem gelernten Trainer und "No-Name" (Selbsteinschätzung Sascha Lewandowski) an der Seite des Superhelden Sami Hyypiä - eine Art Ballack in finnisch und in nett - in Sachen Glamour unterrepräsentiert. Als würde es nicht reichen, wenn sie gut spielen.

In dem Unheil, das gerade angerichtet wird, weiß Rudi Völler sich von einem Teil des Boulevards ermuntert und angefeuert - was das Ausmaß des Irrtums nur potenziert und zudem eine Frage aufwirft: Wer macht bei Bayer 04 eigentlich die Personalpolitik?