29.08.2016
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Begriff „Leihstimme“: Null Respekt vorm Wähler

Niedersachsenwahl

Wahlzettel bei der Niedersachsenwahl

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dpa

Wenn man den fehlenden Respekt vieler Politiker und politischer Journalisten gegenüber den Wählern illustrieren will, dann eignet sich dieses Wort perfekt. Leihstimme. Gebraucht als Kampfbegriff nach der Niedersachsenwahl, um zu sagen, dass die 9,9 Prozent für die FDP nicht echt waren, sondern nur geliehen. Um nicht zu sagen: ergaunert. Das war als Seitenhieb gegen die Liberalen gedacht, weil sie besser abschnitten als die allwissenden Demoskopen erwartet hatten. Doch der Hieb trifft weniger die Partei als 100.000 Wähler.

Denn man kann nur etwas leihen, was jemand anderem gehört. Hier wird der Begriff Leihstimme geradezu dreist. Er legt nahe, dass unsere Stimmen einer Partei gehören (in diesem Fall der CDU). Doch sie gehören einzig dem Wähler, der bei jeder Wahl selbstbestimmt und geheim sein Kreuz da machen darf, wo es ihm in den Kram passt. Er ist keiner Partei, keinem Journalisten Rechenschaft schuldig. Eine taktische Entscheidung ist so legitim wie eine ideologische, romantische oder traditionelle. Erst recht in Zeiten, in denen treue Stammwähler längst eine Minderheit sind. Die allermeisten Niedersachsen sind Wechselwähler. Sie verschenken ihre Stimmen nie, sie verleihen sie nur. Immer.

All das wird abgewertet mit dem Wort Leihstimme. Nebenbei wird der Eindruck erweckt, wer taktisch wähle, sei blöd. Eher stimmt das Gegenteil. Seine Erststimme einer großen Partei zu leihen und die Zweitstimme einer dazu passenden kleinen, ist taktisch bei engen Ergebnissen genau richtig. Hätten unter jenen Niedersachsen, die sich eine schwarz-gelbe Koalition wünschten, nur 2000 mehr ihre Zweitstimme der FDP geliehen, dann wäre die Taktik aufgegangen. Und das Ergebnis wäre kein Jota weniger legitim gewesen als das, mit dem Rot-Grün gewann.


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