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Brandanschlag Solingen: Eine Baulücke der Schande

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Das Foto von 1993 zeigt die Särge von fünf Türkinnen vor dem ausgebrannten Haus in Solingen.  Foto: dpa
Der Anschlag von Solingen vor 20 Jahren hat die Welt erschüttert. Mevlüde Genc, die fünf Familienmitglieder verlor, zeigt trotz des Verlustes Versöhnungsbereitschaft. Die Mörder müssten sich vor ihrem göttlichen Richter verantworten.  Von
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Solingen

Das Navi kennt die Adresse nicht, Untere Wernerstraße 81. Es kann sie nicht kennen, denn es gibt sie seit dem 29. Mai 1993 nicht mehr. Seit jener Nacht zum Pfingstsamstag, als vier junge Männer aus der Skinhead-Szene das Haus der Ende der 70er Jahre aus der Türkei eingewanderten Großfamilie Genc anzündeten. Drei Mädchen und zwei junge Frauen kamen in den Flammen und im Rauch um. Sie mussten sterben, weil die vier Neonazis ihren Opfern, von denen sie keines persönlich kannten, einen "Denkzettel" verpassen wollten. Ihr Motiv: Ausländerhass.

Der Routenplaner leitet zur "nächstmöglichen" Adresse, der Hausnummer 79, und dann steht man vor einer Baulücke mit hohem Symbolwert. Das freie Grundstück in der ruhigen Wohngegend ist ein beklemmendes Mahnmal, ausdrucksstärker noch als der Gedenkstein, auf dem auf Deutsch und Türkisch geschrieben steht, dass an dieser Stelle "als Opfer eines rassistischen Brandanschlags" fünf Menschen starben. "Ich habe fünf Blumen verloren", sagte die damals 50-jährige Mevlüde Genc fast lyrisch in ihrer Trauer. Ums Leben kamen ihre Töchter Gürsun (26) und Hatice (18), die Enkelinnen Hülya (9) und Sayime (4), die vor dem Haus so gern Gummi-Twist tanzten, und ihre Nichte Gülestan (12).

Das Grundstück ist abschüssig, irgendwo hinter dem steilen Abhang beginnt ein Park, der seit ewigen Zeiten "das Bärenloch" genannt wird. In den 90er Jahren, erinnern sich Anwohner, war die Parkanlage mit dem wildromantisch klingenden Namen ein beliebter Treffpunkt rechter Jugendlicher. Sie hätten "Deutschland den Deutschen" gegrölt und sich am Lagerfeuer Kanaken-Witze erzählt. Auch Familien-Oberhaupt Durmus Genc gab, als es schon zu spät war, zu Protokoll, dass er das Treiben der "Glatzen" von seinem Haus aus angstvoll beobachtete. Manchmal hätten die jungen Leute in alkoholisiertem Zustand Drohungen ausgestoßen, die er für Wichtigtuerei ungezogener Bengel hielt. Bis sie zur tödlichen Wirklichkeit wurden: "Ihr werdet brennen wie die Juden."

Auf Wunsch der Familie hatte die Stadt, die das Grundstück nach dem Abriss des verkohlten baufälligen Hauses erworben hatte, bald danach fünf Kastanien pflanzen lassen. Vier Bäume sind in den fast 20 Jahren in die Höhe geschossen. Einer musste ersetzt werden, weil Vandalen die Kastanie eines nachts regelrecht abgeholzt hatten. Auch ein "Friedensbaum" im Park hatte keine lange Lebensdauer. Die Barbaren wurden in beiden Fällen nicht ermittelt.

An diesem Nachmittag sind Siebtklässler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule mit ihrem Lehrer Christian Hüsgen an den Tatort gekommen. Sie sammeln Müll von der Wiese auf und bringen an dem neu gepflanzen Apfelbäumchen eine Erinnerungsplakette an. Schon vor zehn Jahren war im Internet anonym gefordert worden, einmal müsse doch "Schluss sein mit dem ganzen Gedenk-Scheiß." Die etwa 8000 türkischstämmigen Solinger, erzählt Ali Dogan vom "Türkischen Volksverein", hielten sich sehr zurück mit öffentlicher Trauer.

Wenn man genau hinschaut, kann man an einem Mauerrest auf dem Genc-Grundstück noch Brandspuren entdecken. Eine Frau deutet auf ein Mehrfamilienhaus gegenüber. "Da hat einer von den Vieren gewohnt." Felix K., mit 16 der Jüngste des Quartetts, seine Komplizen waren zur Tatzeit zwischen 17 und 22.

Ungefähr zweieinhalb Kilometer Luftlinie nördlich haben die Überlebenden der Großfamilie Genc ein neues Zuhause gefunden. Das Dreifamilienhaus an einer belebten Straße ist mit Zahlungen aus den Versicherungsleistungen und aus Spendengeldern finanziert worden. Am Anfang kursierten, sogar in der türkischen Community die wildesten Gerüchte über die "Luxusvilla", vom beheizbaren Pool bis zum eigenen Hubschrauber-Landeplatz. Und dass Mevlüde Genc an der Kasse im Supermarkt vorbeigehen könne, ohne zu bezahlen. Diese bösen Geschichten haben die Familie in ihrem Schmerz lange Zeit zusätzlich belastet. Keine Erfindung sind die hohe Betonmauer und der Sicherheitszaun, die den Klinkerbau einfassen sowie die Überwachungskamera. Und es gibt ein Schild, das in Deutschland zehntausendfach unbeachtet hängt, hier aber lässt es einen zusammenzucken, noch immer: "Feuerwehreinfahrt - bitte freihalten".

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Interview-Anfragen lehnt Mevlüde Genc ab, aber sie mutet sich eine Reihe öffentlicher Veranstaltungen zu. Ihre einfache, eindringliche Botschaft ist immer die gleiche, auch bei einem Abend der Initiative "Solingen erinnern" in Köln. "Habt ihr euren Kindern nicht beigebracht, dass wir alle Brüder sind?", ruft sie auf Türkisch in den Saal. Solinger Weggefährten berichten, die kleine Frau trage das Kopftuch erst, seit sie als Folge des Anschlags zu einer öffentlichen Person geworden ist. "Dieses Land ist auch unser Land", betont sie immer wieder. Eine scheinbare Selbstverständlichkeit, angesichts der rassistischen NSU-Mordserie aber eine eminent politische Aussage. Für ihre Versöhnungsbereitschaft ist sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden, und vergangenes Jahr nahm sie, nominiert von der CDU, an der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten teil.

Von ihren schlimmen Erinnerungen an jenen Tag vor 20 Jahren möchte sie nicht reden. Als die Bundesrepublik endgültig der Illusion beraubt wurde, dass Brandanschläge gegen Migranten Nachwehen des DDR-Sozialismus seien, wie der "Spiegel" schrieb.

Solingen
Ein Gedenkstein steht in Solingen vor dem Ort des Brandanschlags im Jahr 1993.
Foto: dpa

Ali Dogan, schon damals im Vorstand des "Volksvereins" aktiv, eilte sofort an den Tatort. "Es war eine extrem aufgeladene Stimmung. Entsetzen, Trauer, Wut, diese Mischung." Mittags nehmen Hunderte Menschen an einem spontanen Schweigemarsch durch die Innenstadt teil. Angst vor Übergriffen kannte der kurdische Alewit aus der Türkei. "An diesem Tag hatte ich zum ersten Mal in 20 Jahren Angst, Angst in Deutschland." Plötzlich wird die "Klingenstadt" in einem Atemzug genannt mit Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Mölln. In der übernächsten Nacht eskaliert die Empörung. Junge Türken und deutsche Autonome zünden Autoreifen an, zertrümmern Schaufenster, plündern die Auslagen.

Tage später werden drei der vier Täter verhaftet. Kurz vor dem Jahrestag kommen alte Vorwürfe hoch, Polizei und Bundesanwaltschaft hätten sich auf die "Einzeltäter-Theorie" versteift und mögliche Hintermänner verschont. An solchen Debatten hat Mevlüde Genc sich nie beteiligt. Die Mörder müssten sich vor ihrem göttlichen Richter verantworten. Alles andere würde nicht zu dem Bild passen, das sie seit 20 Jahren von sich und ihrer Familie vermittelt. Ihre jüngsten Enkel sollen die grausame Wahrheit erst später erfahren. "Ich will", sagt sie leise, "ihre Kinderseelen schützen."

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