Politik
Nachrichten, Berichte und Videos aus Deutschland und aller Welt

Vorlesen
0 Kommentare

Der Angeklagte gibt den Märchenonkel

Erstellt
Drucken per Mail
Bild: dpa
Das bedruckte Klopapier

61-Jähriger erhält einjährige Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Störung des öffentlichen Friedens.

VON HARALD BISKUP

Lüdinghausen -Die Saaluhr zeigt ungefähr 15 Minuten nach elf, als der Richter zur Urteilsbegründung anhebt, worauf gewiss niemand geachtet hätte, wenn dieser bizarre Fall nicht ausgerechnet an Weiberfastnacht verhandelt worden wäre. Ansonsten aber hält sich der Spaßfaktor bei diesem Prozess in Grenzen, wobei das häufige Grinsen des jungen Vorsitzenden Rätsel aufgibt. Ist es Belustigung über einen Angeklagten, der mit dem Stempelaufdruck „Der Heilige Koran“ versehene Toilettenpapierrollen an Moscheen und an diverse Medien verschickt hat, um auf sich aufmerksam zu machen? Oder Ausdruck der Verachtung für einen Mann, der sich mit seinem kruden Weltbild zum Retter des Abendlandes aufschwingt?

Es kommt weiß Gott nicht alle Tage vor, dass ein deutsches Amtsgericht über die Beschimpfung religiöser Bekenntnisse zu befinden hat. Und dass Lüdinghausen Fernsehteams aus der ganzen Republik anlockt. Weil der Fall durch den Karikaturen-Streit und die weltpolitische Lage insgesamt eine zuvor nicht abzusehende „besondere Dynamik“ entwickelt habe, wie Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer ausführt, hatte man sich in der münsterländischen Kleinstadt für sämtliche Eventualitäten gerüstet. Mit Protesten war gerechnet worden - von erzürnten Muslimen als auch von Vertretern jener „schweigenden Mehrheit“, die der Angeklagte so gern für sich reklamiert. Aber alles bleibt ruhig.

Manfred van H, groß, schlank, schütteres graues Haar, ist nach abgebrochenem Gymnasialaufenthalt zur See gefahren, hat fast 15 Jahre als Bauleiter in fast allen arabischen Ländern gearbeitet. Nach der Rückkehr in die Heimat versuchte er sich als Aushilfselektriker und Objektleiter bei einer Reinigungsfirma. Die Biografie eines Unsteten.

Er wisse, erklärt er dem Gericht bedeutungsvoll, „was Islam praktisch bedeutet“. In Saudi-Arabien habe er mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen geköpft worden seien. Was Wahrheit ist und was Legende, darüber bringt dieses Verfahren keinen Aufschluss, ebenso wenig wie über die Behauptung, er habe mit seiner „Aktion“ ein Mahnmal für Opfer islamischen Terrors finanzieren wollen. .

Er bezeichnet sich gar als entfernten Verwandten Theo van Goghs, dessen gewaltsamer Tod letzter Auslöser für sein Handeln gewesen sei. Aus dem Handgelenk zitiert er jene blutrünstigen Suren, die der Mörder des niederländischen Regisseurs auf einen Zettel gekritzelt hatte. Sein eigenes Koran-Exemplar vor ihm auf dem Tisch habe er in einer Moschee erworben. Es gehört zu den skurrilen Szenen dieses Prozesses, dass Amtsrichter Carsten Krumm sich van H.s Koran aushändigen lässt und ihn kurzerhand beschlagnahmt. „Nur zum Kopieren. Den kriegen Sie wieder.“

Nur schemenhaft wird im Gerichtssaal in der westfälischen Provinz die Person dieses Mannes deutlich, den der Richter später einen „erheblich Verblendeten“ nennen wird. Als Lügengeschichte entpuppen sich H.s wortreiche Schilderungen von einem ominösen „Wander-Stammtisch“ engagierter Studenten, die angeblich die gleichen Ziele verfolgten wie er. Er allein, schleudert ihm der Staatsanwalt entgegen, sei der „Spiritus Rector“ gewesen. Ein bisschen viel der Ehre für jemanden, der den Islam bewusst habe beleidigen und seine Anhänger demütigen wollen. Klopapier mit eindeutigen Aufdrucken zu bestempeln, stelle „keine intellektuelle Auseinandersetzung“ dar, sondern sei „reine Schmähkritik“ und deswegen strafbar.

So vage und wirr die Erklärungsversuche des Angeklagten zu dem „komplexen Hintergrund“ seiner Aktivitäten klingen, so spleenig muten die Fantastereien über jenes geplante „Mahnmal“ an: Auf einem der Kaaba in Mekka nachempfundenen Würfel solle eine angekettete nackte Frau neben dem „Denker“ von Rodin stehen.

Mangelnde Empathie und Toleranz wird ihm später sein Bewährungshelfer bescheinigen. Insgesamt sechs Jahre hat Manfred van H. wegen verschiedener Delikte im Gefängnis gesessen. Sonst wäre er wohl mit einer Geldstrafe davongekommen, obwohl seine Tat „abstrakt“ geeignet sei, den öffentlichen Frieden zu stören. Und dann formuliert der Richter spontan einen Satz, auf den der Mann auf der Anklagebank mit heftigem Kopfschütteln reagiert: „Aus so etwas kann ein Orkan werden mit unabsehbaren Folgen.“

Auch interessant
Anzeige
Videos
Sonderveröffentlichung
Familienrecht
Die Kalkulation sollte ein Fachmann übernehmen.

Wann besteht Anspruch auf Unterhaltszahlungen? Fachanwältin Astrid Koppe informiert!

FACEBOOK
Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!

Service
Peinliche SMS

Aktuelle News: Wer nichts verpassen will, wählt den SMS-Service. Das Angebot können Sie jederzeit und nach Bedarf empfangen.