30.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Helmut Kohl wird 85: Zeitreise in die Bonner Republik
01. April 2015
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Helmut Kohl wird 85: Zeitreise in die Bonner Republik

Helmut Kohl war 25 Jahre lang CDU-Chef und 16 Jahre lang Bundeskanzler.

Helmut Kohl war 25 Jahre lang CDU-Chef und 16 Jahre lang Bundeskanzler.

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Stefan Worring/Archiv

Bonn -

Einmal noch ist Helmut Kohl hier gewesen, als seine Kanzlerschaft längst Geschichte war. Im Büro, in dem er so lange regiert hat, dass Spötter ihn schon den „ewigen Kanzler“ nannten. Im Bungalow dahinter, wo er sogar ein Jahr länger wohnen durfte. Denn seinen Bezwinger Gerhard Schröder zog es nach der Bundestagswahl 1998 nicht nach Bonn, sondern gleich nach Berlin, obwohl das neue Kanzleramt dort noch nicht fertig war.

Seit die politische Macht vom Rhein an die Spree entschwunden ist, hat der Entwicklungsminister die Schlüsselgewalt über die Liegenschaften des einstigen Kanzleramts. Nicht lange nach seinem Einzug fand der geschichtsbewusste Hausherr Gerd Müller, dass es an der Zeit sei, Helmut Kohl einzuladen an dessen alte Wirkungsstätte. Die anderen Kanzler sollen folgen. Für Kohl war ein passender Termin bald gefunden: der 28. November 2014. Zwei Steinwürfe weit von hier, im Bundestag, der damals im alten Bonner Wasserwerk tagte, hatte er 25 Jahre zuvor sein Zehn-Punkte-Programm vorgestellt. Den Startschuss zum Prozess der deutschen Einheit.

Es waren bewegende Momente für den kleinen Kreis, der an jenem Novembertag 2014 im Kanzleramt dabei gewesen ist. An der Spitze Helmut Kohl und seine Ehefrau Maike. Der Besuch war zwar keine geheime Kommandosache, aber mit Rücksicht auf seinen Gast mochte Müller die Reise in die Vergangenheit auch nicht an die große Glocke hängen. Der nostalgische Trip auf den eigenen Spuren begann für Kohl im ehemaligen großen Kabinettssaal. An der langen Wand gegenüber den Fenstern zum Park hängen Fotos aus den Amtszeiten der Kanzler, die hier gearbeitet haben: Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder.

Schädel-Hirn-Trauma nach Sturz 2008

Langsam fuhr Kohl mit seinem Rollstuhl die kleine Galerie entlang, die am „Tag der offenen Tür“ auch anderen Besuchern gezeigt wird. Aber ihm fiel zu den meisten Bildern, denen aus seinen 16 Regierungsjahren zumal, eine kleine Geschichte ein. Auch wenn ihm seit seinem schweren Sturz 2008, als er sich ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog, das Sprechen Mühe bereitet. Die braunen Ledersessel stehen noch wie zu seinen besten Zeiten um den ovalen Tisch, an dem die Minister Platz nahmen. Niedrig sind sie, sodass Menschen normalen Wuchses fast mit dem Kinn auf der Platte landen. Der Sitz des Kanzlers ist nicht nur im Rücken höher. Herrschaftsdesign am Kabinettstisch.

Auf der anderen Seite des „Heckel-Zimmers“ (wegen der Bilder des expressionistischen Malers Erich Heckel), in dem Kohl wie zuvor Helmut Schmidt seine Gäste begrüßte, liegt das Herz des Hauses: das Arbeitszimmer des Bundeskanzlers. Wie alles hier in nicht ganz dunklem, aber eben auch nicht sehr hellem Eichenholz gehalten. Geschmack der 70er Jahre. In den Regalen ein paar eher zufällige Erinnerungstücke – angefangen mit einer Pfeife und einer Schnupftabakflasche seines Vorgängers. An der Stirnwand neben dem Fenster zeugen ein heller Fleck und zwei lose Drähte von dem Gemälde, das Helmut Kohl hier hatte aufhängen lassen: ein Porträt des katholischen Publizisten Josef Görres. Darunter auf einem kleinen Tisch, fast verschwindend hinter Aktendeckeln, stand jener Apparat, von dem viele sagen, er sei Helmut Kohls wichtigstes Arbeitsgerät gewesen: das Telefon. Es war sein Kommunikations-, aber auch sein Herrschaftsinstrument.

Der Mann aus der Pfalz war ja nicht nur 16 Jahre Bundeskanzler, der mit seinesgleichen in aller Welt zu reden hatte, sondern auch ein Vierteljahrhundert lang Vorsitzender der CDU. Oft schon morgens, bevor die Staatsgeschäfte losgingen, pflegte er seine Kontakte in die Partei. Er sprach sich mit den Größen der Landesverbände ab. Er zeigte auch Hinterbänklern im Bundestag, dass er sie wahrnahm. Er gratulierte zum Geburtstag, fragte nach den Lieben oder stauchte zusammen. Er plauderte mit diesem Kreis- oder jenem Ortsvorsitzenden – und war auf diese Weise besser als jeder andere über die Stimmung in der CDU informiert. Und in der nicht immer freundlichen Schwester CSU obendrein. Gut möglich, dass er hier auch mit den ominösen Spendern an seine Partei telefoniert hat, für die er einen Teil seines Rufs ruiniert hat, weil er ihre Namen bis heute nicht preisgeben mag.

Nicht nur am Telefon konnte der „Kanzler der Einheit“, der „Vater des Euro“, wunderbar informell sein. In einer seiner Strickjacken (die lange im Haus der Geschichte ausgestellt war), bekam ihn nicht nur Michail Gorbatschow zu sehen – bei dem berühmten Gespräch 1990 im Kaukasus, in dem der Mann aus dem Kreml grünes Licht für die deutsche Einheit gab. Zusammen mit Hosenträgern und Hausschuhen gehörten die legeren Teile zu jener Kluft, die Kohl gezielt einsetzte, um ausgewählten Besuchern in Bonn seine entspannte Volkstümlichkeit zu signalisieren. Und ihre Bedeutung.

Ein seltsames Zwischenstadium ist konserviert in dem alten Arbeitszimmer des Bundeskanzlers. Zwischen aktueller Zweckbestimmung für gelegentliche Besprechungen der Leitung des Entwicklungsministeriums – und Museum. Im Haus der Geschichte, Kohls Gründung drüben auf der anderen Seite der Adenauerallee, arbeiten sie an einer Konzeption.

Das wichtigste Möbelstück allerdings fehlt. Mit Gerhard Schröders Einverständnis hat Kohl seinen Schreibtisch damals in sein Abgeordnetenbüro schaffen lassen. Erst in Bonn, dann in Berlin. Müllers Vorgänger Dirk Niebel (FDP) versuchte, dem Altkanzler das historische Stück abzuschwatzen – vergeblich. Das schwere Möbel bleibe bei Kohl, solange der es brauche, heißt es im Haus der Geschichte.

Für jenen Abend im November 2014 hatte der Gastgeber ein Foto vergrößern und auf eine Staffelei stellen lassen – eine Ansicht des Zimmers mit seinem Schreibtisch, wie er aussah, als Helmut Kohl hier gearbeitet hat. Zwischen Pfeifenständer, Münzsammlung und geschnitzten Figuren aus aller Welt blieb gerade noch Platz für ein, zwei Aktenstapel und die Unterschriftsmappe. Daneben das 240-Liter-Aquarium mit den Beilbäuchen, Panzerwelsen, Schrägschwimmern und wie sie alle heißen, deren Anblick ihn unzählige Male beruhigt hat.

Bei seinem Auszug hat es jener Personenschützer bekommen, der sich rührend um die Kanzlerfische gekümmert hat. In dessen Haus ist es bei einem Brand zersprungen. Auch ein Teil der angeblich 700 Elefantenfiguren ist zu sehen. Juliane Weber hat sie zur Erinnerung bekommen, die legendäre Dame im Vorzimmer, um die es so viele Spekulationen gab, die aber doch nicht mehr war als seine Sekretärin und seine Vertraute und die seiner Ehefrau Hannelore.

Bestimmt fünf Minuten haftete Helmut Kohls Blick auf diesem Bild des Raums, den er so lange wie kein anderer den seinen nennen durfte. Schweigend. Welche Erinnerungen mögen an seinem inneren Auge vorbeigezogen sein? Er hat es den Umstehenden nicht verraten. Es sei denn, später seiner Frau Maike.

Auch die heute 50-Jährige hat hier gearbeitet – in der Wirtschaftsabteilung. Schröders Wahl zu Kohls Nachfolger war ihr Kündigungsgrund. Auch sie erlebte einen magischen Moment an diesem Abend, der sie – so kitschig das klingen mag – mit ihrer Vorgängerin verband. Nach diversen Beratungen hat der Kanzler die Schlussfassung des Zehn-Punkte-Programms daheim in Oggersheim formuliert. Nun hält Maike Kohl-Richter das Papier in der Hand: von Hannelore Kohl auf ihrer Reiseschreibmaschine getippt, mit Helmut Kohls handschriftlichen Änderungen.

Später ist es dann noch weitergegangen durch den Park zu jenem Gebäude, das einmal zu den umstrittensten der Republik gehörte: dem Kanzlerbungalow. Ludwig Erhard hat ihn 1964 von Sep Ruf, einem der wichtigsten Architekten der Nachkriegsmoderne, bauen lassen. Für viele eine kühle Provokation. Vor allem für seine Bewohner. Kohl und seine Vorgänger passten ihn ihren Begriffen von Wohnlichkeit an. Inzwischen hat der filigrane Flachbau den Status eines Museums. Selbst die Gardinen dürfen nur mit Handschuhen bewegt werden. Hier erinnert ein altes Karussellpferd, das sie für einen guten Zweck ersteigert hat, an Hannelore Kohl, die erste Frau des Altbundeskanzlers. 2001 hat sie sich das Leben genommen.

Im repräsentativen Esszimmer des Bungalows traf Kohl zum Abschluss seiner Reise in die Vergangenheit politische Weggefährten, die ihm zu Freunden geworden sind. Darunter seinen Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Theo Waigel, der als Finanzminister die Einführung des Euro managte. Was sie beredet haben, wissen wir nicht. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass auch von seinem Geburtstag die Rede gewesen ist. Am Karfreitag, 3. April, wird Helmut Kohl 85 Jahre alt.