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Hintergrund: 15 Fragen und Antworten zur Euro-Krise

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EZB
Euro-Symbol vor der EZB. (Bild: dpa)

Warum verschulden sich Staaten überhaupt?

Weil sie mehr ausgeben wollen, als sie einnehmen. Das liegt nicht unbedingt an staatlicher Verschwendungssucht, sondern kann ökonomisch sinnvoll sein. Denn wenn der Staat über Kredite das Wirtschaftswachstum ankurbelt, dann kann er die Schulden aus einem höheren Bruttoinlandsprodukt (BIP) zurückzahlen. Diese Rechnung ist für die meisten Industriestaaten in den letzten Jahren allerdings nicht aufgegangen.

Wie verschulden sich Staaten?

Sie borgen sich laufend Geld von den Finanzmärkten und geben dafür Schuldscheine aus. Diese Anleihen sind das verbriefte Recht auf Zinszahlung und Rückzahlung der Schuld am Ende der Laufzeit. Daher sind Anleihen Wertpapiere, die an den Börsen gehandelt werden. Da Staaten die sichersten Schuldner sind, gelten Staatsanleihen als relativ sichere Geldanlage.

Wer sind die Finanzmärkte?

Die Geldgeber: Banken, Versicherungen, Investmentfonds, Vermögensverwalter und einzelne Anleger. Für sie sind Staatsschulden ein gutes Geschäft: Auf die Anleihen kassieren sie relativ sichere Zinsen, sie können diese Papiere an der Börse verkaufen. Banken können zudem die Anleihen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheit hinterlegen und erhalten dafür Euros, mit denen sie neue Geschäfte machen können.

Warum haben die Finanzmärkte das Vertrauen in Griechenland verloren?

Im Oktober 2009 gab die griechische Regierung zu, bei ihrer Verschuldung gelogen zu haben. Tatsächlich liege sie deutlich höher, vor allem wegen der Wirtschaftskrise. Das machte die Märkte nervös. Das heißt: Die Anleger erwarteten, dass wegen der schlechten Nachrichten griechische Anleihen fallen würden. Die Anleger verkauften daher die Anleihen, und dadurch fiel ihr Börsenwert tatsächlich. Gleichzeitig wurden neue Kredite für Griechenland immer teurer - und das, obwohl das Land ohnehin schon hoch verschuldet war. Dies machte die Märkte noch nervöser, sie ließen die Anleihen weiter fallen, die Renditen stiegen, und schließlich waren Neukredite für Griechenland unbezahlbar.

Wie wurde daraus eine Euro-Krise?

Weil die Finanzmärkte begannen, Anleihen jener Länder zu verkaufen, in denen die Schulden ebenfalls stark gestiegen waren. Im Falle Irlands war der Grund für den Schuldenanstieg die staatliche Rettung der Banken. Im Falle Portugals war es das schwache Wirtschaftswachstum.

Ist Griechenland bankrott?

Einerseits ja, denn Athen erhält von den Finanzmärkten kein Geld mehr zu bezahlbaren Zinsen. Andererseits nein. Denn die EU hat durch Hilfskredite die Zahlungsunfähigkeit verhindert. Im Gegenzug muss Griechenland sparen. Das tut es, dennoch steigt die Schuldenlast, was eine Pleite oder weitere Hilfen erzwingt.

Warum lässt man Griechenland nicht einfach pleitegehen?

Erstens würde dies zu massiven Verlusten für die Hauptgläubiger Athens führen: die griechischen Finanzinstitute. Das Finanzsystem des Landes wäre damit bankrott. Zweitens fürchtet die EU, dass eine Pleite Griechenlands an den Finanzmärkten zu der Erwartung führen würde, dass nun auch andere Länder pleitegehen. Die Krise würde sich ausbreiten - unter Umständen auch auf Spanien oder Italien. Zur Rettung dieser Länder hat die EU nicht genug Geld. Damit drohen das Auseinanderbrechen der Euro-Zone und massive Verluste für die Banken in Europa.

Können die Hilfspakete die Pleite überhaupt verhindern?

Die Hilfskredite kaufen vor allem Zeit. Ob eine Pleite Griechenlands verhindert werden kann, hängt vor allem davon ab, ob die Wirtschaft bald wieder wächst. Hier sieht es schlecht aus. Doch die Zeit, die die Hilfspakete kaufen, geben auch Irland und Portugal, vor allem aber Spanien und Italien Zeit, sich zu erholen. Sie sollen abgeschirmt werden für den Fall, dass Griechenland es nicht schafft. In ein paar Jahren, so die Hoffnung, würden andere Länder von einer eventuellen Zahlungsunfähigkeit Griechenlands dann nicht mehr angesteckt. Insofern sollen die Hilfspakete weniger Griechenland retten als vielmehr die Euro-Zone vor Griechenland schützen.

Was spricht für einen Schuldenerlass?

Ein teilweiser Verzicht der Gläubiger auf Rückzahlung oder Zinsen wäre für Griechenland günstig. Und die Politik will eine Umschuldung, um die privaten Gläubiger Griechenlands an der Rettung zu beteiligen. Problem sind hier die Ratingagenturen, die im Auftrag der Anleger die Kreditwürdigkeit von Ländern bewerten: Jeden Verzicht der Gläubiger werten sie als einen "Zahlungsausfall". Damit könnte ein fatale Kettenreaktion ausgelöst werden.

Wann ist die Krise vorüber?

Letztlich erst, wenn die Finanzmärkte wieder zu dem Schluss gelangen, dass ihr Geld in allen Euro-Staaten sicher angelegt ist.

Muss Deutschland um jeden Preis am Euro festhalten?

Klares Ja. Die deutsche Wirtschaft profitiert wie keine andere von der Einheitswährung. Fast die Hälfte ihrer Exporte kaufen die übrigen Eurostaaten. Bräche die Eurozone auseinander, würden die anderen ihre Währungen gegenüber der deutschen abwerten. "Deutsche Unternehmer müssten ihre Ausfuhren verteuern, ihre Exporte würden zurückgehen", sagt Winfried Fuest, Finanzexperte vom IW Köln. Ein Schlag für die deutsche Ausfuhr, die allein die hiesige Konjunktur immer wieder in Schwung gebracht hat. Die Lohnzurückhaltung der Deutschen wäre für die Katz.

Würde es helfen, wenn sich die stabilen Staaten von den schwächeren im Süden trennten - also die Schaffung von zwei Eurozonen?

Nein. Ein Nordeuro würde gegenüber seinem Gegenpart sofort um rund 30 Prozent aufwerten. Mit ähnlichen Konsequenzen für den deutschen Export wie oben beschrieben. Der Unterschied gegenüber einem generellen Auseinanderbrechen der Eurozone: Deutsche Ausfuhren in die Nordländer wären nicht betroffen. Dennoch würde die Arbeitslosigkeit steigen. Hinzu kommt noch: Deutsche Banken könnten einen Großteil ihrer Forderungen gegenüber den Nicht-Euro- oder Nicht-"Nordeuro"-Staaten abschreiben.

Kann Deutschland aus der Eurozone austreten?

In der EU sind bis auf Dänemark, Schweden und Großbritannien alle Staaten vertraglich verpflichtet, die gemeinsame Währung einzuführen, sobald sie die ökonomischen Voraussetzungen erfüllen. Das heißt: Kein EU-Mitglied kann die Währungsunion verlassen. Dazu müsste es aus der EU austreten. Diese Möglichkeit besteht, seit der Lissabon-Vertrag in Kraft ist. Neben den ökonomischen hätte ein EU-Austritt immense politische Folgen.

Im Gespräch ist auch eine gemeinsame europäische Anleihe. Kann das funktionieren?

Die Euro-Anleihe, deren Zins für alle gelten würde, spaltet die Union. Rund die Hälfte der Staaten ist dafür, die andere Hälfte auch die Bundesregierung, vehement dagegen. Aus Sicht der Gegner ist entscheidend: Eine Euro-Anleihe würde für sie teurer, weil der Gemeinschaftszins über dem liegt, den sie derzeit zahlen. Mit ihrem erhöhten Zinsbeitrag sorgten sie für eine Art EU-Finanzausgleich, und den lehnt Berlin strikt ab.

Sollte der Rettungsschirm aufgestockt werden?

Befürworter der Idee setzen darauf, dass erst ein Notfallfonds, der quasi über unbegrenzte Mittel verfügt, für Ruhe an den Märkten sorgt. Mit seinem Limit heizt der aktuelle Schirm die Spekulation eher an - reicht der Schirm, oder lohnt es sich darauf zu wetten, dass er zu klein ist?. Das Spekulationsargument lässt sich allerdings auch gegen die Befürworter einer Aufstockung wenden: Wer aufstockt, gibt zu erkennen, dass er die Mittel für nicht ausreichend hält. Das nährt Vermutungen, dass ein weiteres - und diesmal ein großes - Euroland am Abgrund stehen könnten.

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