23.07.2016
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Historiker Wolffsohn: Kritik an Kopfgeld für Nazi-Verbrecher

Wiesenthal-Center

Auch in der Kölner Innenstadt hängen Nazi-Fahndungsplakate.

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dpa

Mit einer Plakatkampagne unter dem Motto „Spät, aber nicht zu spät“ sucht das Simon-Wiesenthal-Zentrum seit Dienstag in mehreren deutschen Großstädten nach den letzten noch lebenden NS-Kriegsverbrechern. Auf den insgesamt 2000 schwarz-roten Postern der Aktion „Last Chance“ werden bis zu 25.000 Euro Belohnung für Hinweise ausgelobt, die zur Ergreifung noch lebender Täter führen.

„Millionen Unschuldiger wurden von Nazi-Kriegsverbrechern ermordet“, lautet der Plakattext. „Einige der Täter sind frei und am Leben. Helfen Sie uns, diese vor Gericht zu bringen.“

Die Plakate wurden am Dienstag in Berlin und Köln aufgehängt, auch in Hamburg sollte die Aktion beginnen. Hintergrund der Kampagne ist das Urteil gegen den ehemaligen KZ-Aufseher John Demjanjuk aus dem Jahr 2011. Nach dem damaligen Richterspruch des Münchner Landgerichts reicht die Tätigkeit in einem Vernichtungslager oder die Zugehörigkeit zu den mobilen Einsatzgruppen aus, um wegen Beihilfe zum Mord verurteilt zu werden. Demjanjuk war Wachmann im Lager Sobibor gewesen und in dem Münchner Verfahren wegen Beihilfe zum Mord in 20.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.

Der Leiter des Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, äußerte die Erwartung, dass die Aktion Hinweise auf NS-Täter aus den damaligen Todeslagern und Einsatzgruppen bringen werde. Seiner Schätzung zufolge könnten noch etwa 60 mögliche Täter am Leben sein. Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hatte im April mitgeteilt, dass sie nach dem Demjanjuk-Urteil gegen 50 frühere KZ-Aufseher des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau Vorermittlungen führt.

Kritik von Wolffsohn

Kritik an der vom Wiesenthal-Zentrum ausgeschriebenen Belohnung äußerte der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn. Viel wichtiger sei, dass eine solide, intensive Aufarbeitung der NS-Verbrechen weitergehe, sagte Wolffsohn im Deutschlandradio Kultur. Die Plakataktion bringe überhaupt nichts, sondern rufe eher Mitleid mit den betagten Kriegsverbrechern hervor.

Zudem sei ein Aufwiegen der NS-Verbrechen mit Zahlen absurd. „Ich finde es geradezu pietätlos und schamlos: 25.000 Euro für Schwerstverbrecher“, sagte der Ex-Professor der Münchner Bundeswehr-Universität. Mit einer moralisch intensiven Aufarbeitung habe das nichts zu tun. (afp)