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Interview: „Bereitschaft zur Therapie wächst“

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Die Bereitschaft, sich wegen psychischer Erkrankungen behandeln zu lassen, ist in den letzten Jahren gewachsen. Foto: dpa
Heutzutage gebe es eine viel höhere Bereitschaft, sich gegen psychische Krankheiten behandeln zu lassen, betont der Arbeitswissenschaftler Norbert Breutmann. Sehr ernst zu nehmen seien die steigenden Frühverrentungen wegen seelischer Störungen.
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Herr Breutmann, NRW und weitere Bundesländer planen eine Verordnung gegen beruflichen Stress. Wie bewertet die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände diese Initiative?

Norbert Breutmann: Wir teilen die Auffassung von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, dass ein Bedarf für eine solche Verordnung nicht besteht. Es gibt das Arbeitsschutzgesetz, das mit der letzten Novelle etwas präziser gefasst worden ist, gerade im Punkt psychische Belastung aus der Gestaltung der Arbeitsaufgaben. Wir haben also hier keine Regelungslücke, sondern eine Handlungsunsicherheit bei der Umsetzung. Da hilft keine neue Verordnung.

Woher rührt diese Unsicherheit?
Breutmann: Das Thema wurde von der Gewerbeaufsicht, für die die Länder zuständig sind, und der Unfallversicherung bisher nicht prioritär behandelt. Wir haben auch wenig vernünftige, betrieblich verwendbare Unterlagen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Dort werden aber im Moment gerade viele Aktivitäten zu dem Thema vorbereitet. Mit dem neuen Jahr startet eine Kampagne, um die Handlungsunsicherheit zu beseitigen. Ende Januar gibt es dazu eine Auftaktveranstaltung mit der Bundesministerin.

Wer steckt hinter der Kampagne?

Breutmann: Dahinter steckt die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie, in der Bund, Länder und die Unfallversicherung zusammenarbeiten. Hier hat man sich darauf verständigt, sich 2013 dem Thema psychische Belastung im Arbeitsprozess schwerpunktmäßig zu widmen. Das ist effektiver als eine neue Verordnung. Bei der würde sich ja auch die Frage stellen, inwieweit sie überhaupt vollzogen werden kann. Wir haben ja ohnehin ein Vollzugsdefizit bei der Gewerbeaufsicht, weil die Länder, gerade auch NRW, dafür viel zu wenig Beamte haben, um Kontrollen vorzunehmen.

Norbert Breutmann
Norbert Breutmann ist bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände zuständig für den Bereich Arbeitswissenschaft.
Foto: Norbert Breutmann

Jetzt schieben Sie den schwarzen Peter staatlichen Stellen zu, obwohl er doch eigentlich bei den Betrieben liegt. 

Breutmann: Hier muss man genau definieren, worüber man spricht. Vor allem zwei Gründe führen zu häufigeren Diagnosen psychischer Erkrankungen. Das Wissen unter Ärzten über die Zusammenhänge zwischen körperlichen Erkrankungen und psychischen Hintergründen wächst, was zu mehr Diagnosen mit dem Befund „psychische Störung“ führt. Was früher oft unbehandelt blieb oder in anderen Diagnosen versteckt war, wird nun behandelt und neu zugeordnet. Hinzu kommt, dass Menschen psychische Probleme verstärkt selbst wahrnehmen und offener mit dem Thema umgehen. Diese größere Offenheit erleichtert es Ärzten, vorhandene psychische Erkrankungen zu diagnostizieren. Sehr ernst zu nehmen sind aber auch die steigenden Frühverrentungen wegen psychischer Störungen. Auf sie sind 40 Prozent der vorzeitigen Pensionierungen zurückzuführen. Das sind Dinge, die wir sehr ernst nehmen und die man angehen muss.

Und wie?
Breutmann: Wir haben große Defizite im Gesundheitswesen, die mitverantwortlich sind für diese Zahlen. Wir haben ein zu geringes Angebot an ambulanter Psychotherapie. Wenn ein Arbeitnehmer beispielsweise an Depressionen leidet, muss er lange warten, bis er überhaupt behandelt wird. Über diese langen Wartezeiten verschärft sich die Krankheit und der Weg zurück ins normale Leben wird unheimlich schwer.

Die Leute werden doch krank wegen Stresssituationen am Arbeitsplatz. Ist nicht darauf zuerst das Augenmerk zu richten, bevor man auf Mängel im Gesundheitssystem verweist?

Breutmann: Wissenschaftliche Studien und die OECD sagen, dass psychische Erkrankungen über die letzten Jahrzehnte im wesentlichen konstant geblieben sind. Wir haben allerdings eine viel höhere Bereitschaft, sich behandeln zu lassen. Früher war die Dunkelziffer deutlich höher. Inzwischen ist die Bereitschaft spürbar gewachsen, zum Arzt zu gehen. Bei Hausärzten haben wir inzwischen eine größere Sensibilität gegenüber diesem Thema. Insofern wird auch mehr diagnostiziert und mehr krankgeschrieben aus psychischen Gründen. Es ist positiv, dass sich Betroffene einem solchen Krankheitsbild stellen und in Therapien einwilligen.

Das Gespräch führte Günther M. Wiedemann

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